Joseph Wirmer

Gemeinde Hl. Familie, Berlin-Lichterfelde

Adresse: Berlin-Lichterfelde, Holbeinstr.56

Geboren am 19. März 1901 in Paderborn. Hingerichtet am 08. September 1944 in Berlin-Plötzensee.

Sein Leben lang war es für Joseph Wirmer wichtig, Recht von Unrecht unterscheiden zu können. Dies und sein fester Glaube, der in seinem westfälischen Elternhaus grundgelegt wurde, waren Richtschnur für sein Leben und für sein politisches Denken und Handeln.

Als Jurastudent kam der gerade 20jährige nach Berlin. Überrascht muss er gewesen sein von der Atmosphäre der „Golden Twenties“ in der umtriebigen Metropole. Prägend für ihn waren seine Begegnungen mit den Berliner Studentenseelsorgern Pater Franziskus Stratmann, Mitbegründer des Friedensbundes Deutscher Katholiken, und Dr. Carl Sonnenschein, den man wegen seines sozialen Engagements „Weltstadtapostel“ nannte.

1928 ließ sich Wirmer als Rechtsanwalt in Berlin nieder. In der Zentrumspartei wurde er deren sozialem „linken“ Flügel zugerechnet. Gemeinsam mit Dr. Erich Klausener und dem Zeitungswissenschaftler Prof. Emil Dovifat wirkte er in der „Katholischen Aktion“ mit.

Zu keiner Zeit ließ er sich über den wahren Charakter der Nazis täuschen. Seine Meinung behielt er nicht für sich. So erklärte er nach einer Hitler-Rede am 1. Mai 1933, die einmal mehr mit pseudo-religiösen Phrasen schloss, kategorisch: „Ich werde der Feind Hitlers sein.“ Sein Bruder, ebenfalls Rechtsanwalt in Berlin, beschrieb seine Haltung angesichts der maßlosen Rechtsbeugung durch das Regime so: „Der Versuchung des Satzes: ‚Die Macht, nicht die Wahrheit schafft das Gesetz‘ ist er nach der Art begegnet wie Jesus dem Versucher in der Wüste. Gegen das formelle Gesetz einer Gewaltherrschaft zu verstoßen, erschien ihm deshalb auf höherer Ebene die Erfüllung des Rechts zu sein, dem er Zeit seines Lebens mit ehrfurchtsvoller Scheu diente.“

Als Anwalt vertrat Joseph Wirmer auch NS-Gegner, beispielsweise wegen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ angeklagte Priester und rassisch Verfolgte. Zu den Motiven für seine aktive Mitarbeit im Widerstand zählten nach dem Zeugnis von Mitstreitern die Empörung über die Pervertierung von Recht und Gesetz und seine Überzeugung, dass die Schuldigen an den zahllosen Verbrechen zu bestrafen seien. Er setzte auf die Gemeinsamkeit von Demokraten verschiedener politischer Richtungen. Bereits um 1936 beteiligte er sich an einem Widerstandskreis um die Gewerkschafter Jakob Kaiser und Wilhelm Leuschner, nahm Kontakt mit dem Kreis um den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer auf, gehörte schließlich zur Gruppe um Goerdeler und zu den Mitwissern um die Attentatspläne der Offiziere um Stauffenberg. Mehrere Treffen der Verschwörer fanden in Wirmers Wohnung statt.

Die Gefahr, in der er schwebte, war ihm bewusst. Im Januar 1944 sagte er seinem Bruder: „Wenn unser Vorhaben nicht glückt, bedeutet das Unglück für mich. Wir werden uns dann nicht wieder sehen. Es bedeutet auch Gefahr für Dich, meine Frau und meine Kinder.“ Angesichts seiner erwarteten Verhaftung brachte er seine Kinder im Ursulinenkloster in Neustadt/Dosse unter.

Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 wird er verhaftet und ins KZ Ravensbrück gebracht. Vor dem „Volksgerichtshof“ rief er dem Vorsitzenden Freisler zu: „Wenn ich hänge, Herr Präsident, habe nicht ich die Angst, sondern Sie.“ Als Freisler daraufhin schrie: „Bald werden Sie in der Hölle sein“, erwiderte er: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident“. Die Urteile in dem Schauprozess standen von vornherein fest: Tod durch Erhängen.

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung am 8. September 1944 wurde Joseph Wirmer zusammen mit fünf anderen Verurteilten in Plötzensee ermordet. Geistlicher Beistand wurde ihm verweigert. Doch am Sonntag zuvor konnte er die hl. Kommunion ein letztes Mal, als Wegzehrung, empfangen – zur selben Zeit, zu der er seine Frau im Gottesdienst wusste. Die konsekrierte Hostie war mit Hilfe eines befreundeten Priesters ins Gefängnis geschmuggelt worden.

Dr. Jürgen Meyer-Wilmes