Sonntag, 10. Dezember 2017 - 2. Advent

Advent findet Stadt

"Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest."

Rainer Maria Rilke


Nachricht am U-Bahnhof Weinmeister Str.
Foto: Gislea Gürtler


Rainer Maria Rilke legt diesen Text in seinem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ in den Mund der Sängerin Abelone, die bei einem Musikvortrag ein unbekanntes deutsches Liebeslied vorträgt. Für Rilke ist die tiefe Liebessehnsucht Abelones zu ihrem unerreichbaren Geliebten Ausdruck einer tiefgründigen religiösen Sehnsucht. Die Liebessehnsucht berührt die tief verborgene Gottessehnsucht.

Und so schreibt Rilke weiter: „Manchmal früher fragte ich mich, warum Abelone die Kalorien ihres großartigen Gefühls nicht an Gott wandte. Ich weiß, sie sehnte sich, ihrer Liebe alles Transitive zu nehmen, aber konnte ihr wahrhaftiges Herz sich darüber täuschen, dass Gott nur eine Richtung der Liebe ist, kein Liebesgegenstand? Wusste sie nicht, dass keine Gegenliebe von ihm zu fürchten war? Kannte sie nicht die Zurückhaltung dieses überlegenen Geliebten, der die Lust ruhig hinausschiebt, um uns, Langsame, unser ganzes Herz leisten zu lassen? Oder - wollte sie Christus vermeiden? Fürchtete sie, halben Wegs von ihm aufgehalten, an ihm zur Geliebten zu werden? … Geliebtsein heißt aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit unerschöpflichem Öle. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern. Es ist gleichwohl möglich, dass Abelone in späteren Jahren versucht hat, mit dem Herzen zu denken, um unauffällig und unmittelbar mit Gott in Beziehung zu kommen.“

Für Rilke ist der Mensch mit seinen Sehnsüchten ein Gottsucher. Niemals kann er Gott anhalten oder gar festhalten. Er kann sich nur an ihn klammern. „Weil ich niemals dich anhielt, halte ich dich fest.“

Ich wünsche Ihnen in den Tagen der Vorbereitung auf die Geburt Jesu, dass Sie aufbrennen und leuchten, vergehen und dauern.

Dass Sie mit dem Herzen denken.
Das ist für mich tatsächlich Liebe!

Ihre Uta Raabe

Leiterin Dezernat Seelsorge