Sonntag, 3. Dezember 2017 - 1. Advent

Advent findet Stadt

Blinde schaun zum Licht empor (GL 221,4)

… eine erbauliche Zeile eines frommen Adventsliedes? Oder eine erlebbare Wirklichkeit, hier und heute?


Mauer in Israel (Foto: Gisela Gürtler)

Mauern sind ein Stück Geschichte, oft mit leidvollen Erfahrungen in Israel, Amerika, und für viele Jahre auch für uns in Berlin. Doch Mauern sind nicht nur aus Stein gebaut, sondern existieren in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Dichter Erich Kaestner (1899-1974) erzählt von Erfahrungen eines Blinden an der Mauer:

 

(...) »Wunder werden nicht geschehen.
Alles bleibt so, wie es war.
Wer nichts sieht, wird nicht gesehen.
Wer nichts sieht, ist unsichtbar.« (...)
(...) »Euer Herz schickt keine Grüße
aus der Seele ins Gesicht.
Hörte ich nicht eure Füße,
dächte ich, es gibt euch nicht.« (...)

 

 

Wer nichts sieht, wird nicht gesehen.

Mir fallen schnell Menschen ein, die nicht gesehen werden, und wenn ich ehrlich bin, die ich auch nicht so gern sehen möchte: weil sie unbequem sind, Fragen stellen, mein Gewissen beunruhigen.

Wunder werden nicht geschehen. Alles bleibt so, wie es war.

Alles so wie immer: Kerzenromantik, Weihnachtsgeschenke – sind Sie damit zufrieden? Die Bibel erzählt von einem, der sehen wollte: Jesus. Er hat den blinden Bettler an der Stadtmauer von Jericho gesehen, und die vielen, die sonst keiner sehen wollte. Und durch sein Wahrnehmen hat sich das Leben dieser Menschen verändert. Für die ist nicht alles so geblieben, wie es war. Oder wenn Sie wollen: sie haben ein Wunder erlebt.

Euer Herz schickt keine Grüße aus der Seele ins Gesicht.

Könnte das Ihr Programm werden für diese Adventszeit: Grüße aus Ihrer Seele senden in das Gesicht eines Menschen? Probieren Sie es doch einmal …
Vielleicht wird es dann den Blinden an der Mauer nicht mehr geben – weil der Blinde sehen kann, oder weil die Mauer nicht mehr existiert.

Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil (GL 221,4) – Der Text des Liedes wird zur Wirklichkeit, erlebbar und beglückend.

Ihr

Prälat Stefan Dybowski