„Attraktiv“ seinKonrad Heil ist neuer Referent für die Orden sowie für die Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen im Erzbistum

Seit rund 100 Tagen ist Konrad Heil Referent für Orden sowie Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen im Erzbistum. Der gebürtige Oberpfälzer war zuletzt als Dozent für Bilanzsteuerrecht, Rechnungswesen und Datenverarbeitung tätig. Von Jugend an gehört er zur Fokolar- Bewegung. 2008 hat er sich anlässlich des 40-tägigen Gebets für geistliche Berufungen entschlossen, Priester zu werden. Zurzeit absolviert er in der Pfarrei Heilig Kreuz in Frankfurt (Oder) das diakonale Praktikum. Mit der Katholische SonntagsZeitung sprach er über die Situation der Orden und Geistlichen Gemeinschaften im Erzbistum.

Herr Diakon, Sie waren in den vergangenen Jahren bereits Sprecher der Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen. Nun sind die „klassischen“ Orden hinzugekommen. Konnten Sie deren Konvente denn schon alle besuchen?

Ich habe mir vorgenommen, möglichst viele Orden und Geistliche Gemeinschaften/ Bewegungen persönlich kennen zu lernen. Aber es war auch klar, dass ich neben meinem Praktikum in der Pfarrei Heilig Kreuz in Frankfurt (Oder) nicht so schnell alle aufsuchen kann. Eine Reihe der großen Orden habe ich aber bereits besuchen können, und das ist mir sehr wichtig. Gott sei Dank gibt es derart viele verschiedene Konvente, Gemeinschaften und Bewegungen im Erzbistum.

Welche Aufgaben hat denn der Ordensreferent?

Ich versuche, vor allem die Dienstfunktion zu verstehen, die mir anvertraut ist. Und das ist ein beiderseitiger Dienst: Als Erzbischöflicher Referent möchte ich die Belange der Orden und Gemeinschaften/Bewegungen wahrnehmen, sie verstehen und ihnen entgegenkommen, damit sich die unterschiedlichen Charismen möglichst gut entwickeln und in der Ortskirche wirken können. Andererseits möchte ich das, was aus dem gesamten Spektrum des geistlichen Lebens an mich herangetragen wird, in der Ortskirche in guter Weise präsent machen.

Wie erleben Sie die Mehrzahl der Ordensfrauen und -männer: gelassen, heiter, in sich ruhend oder resigniert, besseren Zeiten nachtrauernd und ausgebrannt?

Da ist natürlich von allem etwas dabei. Wir alle, ob Ordensfrau, Priester oder Gemeindereferentin, erleben sehr bewegte Zeiten in der Kirche. Daher gibt es verständlicher Weise eine große Suche nach Lösungen, die angemessen sind: Inspirationen sind gefragt.

Orden wie die Franziskaner oder die Marienschwestern verstehen sich als Gemeinschaften geistlichen Lebens. Daneben gibt es die Geistlichen Gemeinschaften wie etwa Saint’Egidio oder Chemin Neuf. Was ist ihnen gemeinsam, worin unterscheiden sie sich?

Jeder Orden und jede Geistliche Gemeinschaft oder Bewegung hat ein Gründercharisma. Ich bezeichne dieses jeweils besondere Charisma als eine Fügung: Es ist ein Geschenk des Heiligen Geistes für die jeweilige Gründerzeit und natürlich auch darüber hinaus. Die Orden und Gemeinschaften sind so unterschiedlich, wie deren Spiritualität und die Charismen unterschiedlich sind. Demzufolge sind auch ihre Aufgaben- und Wirkungsfelder für die Kirche und die Gesellschaft unterschiedlich akzentuiert. Die bekannten Orden haben zum Teil eine mehrhundertjährige Geschichte und damit auch Formen und Traditionen, die sich für Menschen unserer Zeit womöglich nicht von selbst erschließen. Die jüngeren Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen erscheinen demgegenüber auf den ersten Blick „moderner“. Sie sind aber nicht weniger radikal im Anspruch der Christusnachfolge. Was die Kooperation der Orden und Geistlichen Gemeinschaften/ Bewegungen betrifft, ist da manches noch entwicklungsfähig. Ich gehe davon aus, dass in der Kirche nie genug kooperiert werden kann. Und das ist eine spannende Aufgabe.

Bekommen Sie Sorgenfalten, wenn Sie an die Zukunft der Ordenskonvente und der Geistlichen Gemeinschaften im Erzbistum denken?

Mit den „Sorgenfalten“ stehe ich keineswegs alleine da. Ich denke, wir müssen die Schätze in der Kirche noch mehr bekannt und noch besser zugänglich machen. Jedes der Charismen hat eine wichtige Bedeutung gerade in unserer Zeit, davon bin ich überzeugt. Einerseits gibt es ein fast unüberschaubares Angebot geistlichen Lebens. Andererseits gibt es ein ebenso unermessliches Suchen vieler Menschen, die den Ruf und die Botschaft Jesu konkret leben wollen.

Worin sehen Sie mögliche Ursachen für den Mangel an geistlichen Berufungen?

Die Bücher, die darüber geschrieben wurden, füllen sicher etliche Regale. Am Ende bleiben vielleicht nur wenige Kernfragen, die aber gewichtig sind. Wenn ich in meine Berufungsgeschichte blicke, dann waren drei Kernpunkte für mich entscheidend: meine Erziehung in einer guten Familie, ein Charisma, das mich in Inhalt und Form fasziniert hat, und Menschen, die es überzeugend gelebt und mir mit viel Geduld erschlossen haben. Aber das kann sich im Einzelfall auch ganz anders darstellen. Wo relativ schnell angefangen werden kann, ist beim Bekanntmachen der Charismen. Da kann uns die Mediengesellschaft zugute kommen, und da müssen wir schnell angemessene Wege finden.

Was könnten wir alle – Ordenschristen, Priester, geistlich wache Laien – tun, dass wieder mehr junge Menschen auf das Werben Gottes reagieren?

Aufbrüche und Veränderungen in der Kirche waren immer dann möglich, wenn angefangen wurde, die Frohe Botschaft „einfach“ und vom Wesentlichen her zu verkünden und zu leben. Ähnlich wie in der Wohnung von Großeltern hat sich im Laufe der Zeit auch in der Kirche vieles aus vergangenen Zeiten angesammelt, was für heute vielleicht nicht mehr so entscheidend ist. Aber zu unterscheiden, was aus der Tradition heute noch wesentlich ist und was eher nicht, dafür braucht es den Heiligen Geist. Jeder muss sich selbst die Gewissensfrage stellen, ob das eigene Leben der Nachfolge Christi noch „attraktiv“ und ein „Licht für die Welt“ ist, das nicht verborgen bleiben kann.

Interview: Juliane Bittner

Berlin, den 31. März 2011

Stefan Förner
Pressesprecher

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