„Er wird Pfarrer“
Ehemalige Mitschüler erinnern an jungen Georg Sterzinsky

Sterzinsky (mittlere Reihe 1. v. li.) und seine Mitschüler der Klasse 11c im Jahr 1953. Foto: privat

Georg Kardinal Sterzinsky wäre am 9. Februar 76 Jahre alt geworden.
Nicht nur als Priester, sondern bereits in jungen Jahren bewies er tiefe Gläubigkeit und
Geradlinigkeit. Daran erinnern Rudolf Bentzinger, Reinhard Kroker und Gotthardt Sesselmann, die von 1950 bis 1954 mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Sterzinsky die Heinrich-Mann-Schule in Erfurt besucht haben:

Georg gehörte zu den Menschen, die durch geradliniges, beharrliches Verfolgen ihres Lebensweges beeindrucken. Schon mit 14 Jahren stand für ihn und seine Freunde fest: Er wird Pfarrer. Sein ganzes Auftreten Lehrern und Mitschülern gegenüber war freundlich, ruhig, zurückgezogen, konsequent christlich denkend und handelnd, dabei nie vordergründig oder gar aufdringlich seine Überzeugungen preisgebend. Sein Fleiß
und seine Strebsamkeit ließen ihn zu herausragenden schulischen Leistungen gelangen, aber nie wurde auch nur die Spur eines Karrieredenkens spürbar.

Dem ernsthaften, vom schweren Schicksal gezeichneten, erstaunlich gereiften Jugendlichen begegneten Lehrer und Mitschüler in Freundschaft und mit Achtung. Dem nur auf das Lernen bedachten jungen Menschen hätten eigentlich gar keine Hindernisse begegnen dürfen, aber einige widerfuhren ihm doch: Harmlose Schwierigkeiten bereitete ihm ein Lateinlehrer, der vom Pfarrerbild des 19. Jahrhunderts geprägt war.

Demnach hatte der Pastor auf der Kanzel donnernd die Kirchgänger zur Buße zu treiben. Dafür sollte Georg üben und Ciceros Reden gegen Catilina zornig-stimmgewaltig deklamieren. Jeder Satz war für Georg eine Qual. Sein Pfarrerbild war das des einfühlsam beratenden, tröstenden Seelsorgers, der die Menschen, wenn sie verzweifelt sind, im Glauben wieder aufrichtet.

Diese Begebenheit war aber gering gegenüber dem, was Georg sonst an
der Schule widerfuhr: Im Frühjahr 1953 führte die SED einen erbarmungslosen
Kirchenkampf, der sich besonders gegen die evangelische Kirche richtete. Alle Schüler wurden genötigt, eine Resolution zu unterschreiben, die Junge Gemeinde (die
Jugendgemeinde der Evangelischen Kirche) sei ein Handlanger des Imperialismus.
Georg verweigerte die Unterschrift und teilte das Schicksal mit über 100 Mitschülern, von der Schule verwiesen zu werden. Nach ein paar Tagen wurden die Hinausgeworfenen
zwar wieder aufgenommen, und alle konnten wieder am regulären Schulunterricht teilnehmen, aber die Wunden schmerzten lange.

Ein weiterer Vorfall betraf Georg allein: Eines Morgens, es war ebenfalls im Frühjahr 1953, kam ein alter Oberstudiendirektor, der bei uns Griechisch unterrichtete, in den
Klassenraum herein, fasste Georg liebevoll am Arm und sagte tröstend:
„Wie es kommt, so muss man‘s nehmen.“ Nach Unterrichtsschluss fragten wir betroffen: „Georg, was ist denn los?“ Ruhig und gefasst erzählte er: „Ich war durch unglückliche
Verquickungen FDJ-Mitglied geworden. Das habe ich korrigiert. Ich habe bei der FDJ-Leitung der Schule meinen Austritt erklärt. Ich habe gesagt, dass sich dieser Schritt
nicht gegen den Staat richtet. Aber ich habe ihn begründet. Ihr wisst, dass ich Pfarrer werden will, und die FDJ schart sich um die SED, die sich als atheistische Partei versteht. Das verträgt sich nicht. Bitte respektiert, dass mein FDJ-Austritt ein Akt der Konsequenz ist!“ Es wurde nicht respektiert, stattdessen beantragte das Lehrerkollegium seinen Hinauswurf aus der Schule. Der alte Oberstudienrat war darüber zwar empört, aber auch
machtlos. Nun wurde der Fall in der Schülervollversammlung verhandelt.

Über 300 Schüler saßen in der Aula, und Georg sollte öffentlich verurteilt werden. Der stellvertretende FDJSekretär der Schule – ein Schüler aus einer Parallelklasse – forderte unnachsichtig mit ideologischem Fanatismus Georgs Hinauswurf, während der Parteisekretär der Schule abwiegelte. Georg litt furchtbar, schwieg aber. Wir waren alle erleichtert, dass es nicht zur Relegation kam, aber alle Schüler waren erschrocken, wie
unbarmherzig-gnadenlos hier mit einem Schüler umgegangen wurde, der in vielen Fächern Spitzenleistungen erbrachte und durch sein Verhalten Respekt bei allen Lehrern und Schülern genoss.

Ein anderes Vorkommnis war zwar nicht so spektakulär, aber deshalb nicht minder gefährlich: Der strenge Abitur-Kommissar (später Professor für Marxismus-Leninismus an der Pädagogischen Hochschule Erfurt) sah an den Unterlagen, dass der Prüfling
Georg Sterzinsky Christ ist und aus der FDJ ausgetreten war. Also stellte er ihm während der Pflichtprüfung im Fach Gegenwartskunde (dem späteren Fach Staatsbürgerkunde)
Fangfragen. Eine lautete: „Stellen Sie dar, wie Westdeutschland regelmäßig das Potsdamer Abkommen verletzt.“ Darauf Georg gefasst: „Die Frage kann ich nicht beantworten, weil mir das Hintergrundwissen fehlt. Ich sehe allerdings, dass hier in der DDR das Potsdamer Abkommen wiederholt verletzt wird.“ Das löste einen Eklat aus, der das Bestehen des Abiturs gefährdete. Das Schlimmste konnte allerdings abgewendet werden. Verdienste hat hier der prüfende Lehrer Claus Mandler, der schon als Parteisekretär,als die große Versammlung in der Aula den Hinauswurf beschließen
sollte, mit seiner ausgewogen-überlegten Verhaltensweise Georg gerettet hat. Claus Mandler erschien uns zwar damals als junger Mann als ein überzeugter Marxist, aber als einer, der für humanistische Ideale stritt. Wenige Jahre nach unserem Abitur verließ
er die DDR, studierte noch einige Semester, unter anderem Katholische Theologie in Westdeutschland, und wurde Direktor einer katholischen Schule in Salem. Claus
Mandler und Georg Sterzinsky pflegten noch Kontakte, als Georg schon Erzbischof von Berlin war.

Diese wenigen Erinnerungen zeigen, dass Georg Sterzinsky schon als mittelloser Oberschüler – er stammte aus einer Flüchtlingsfamilie, und die Mutter war gestorben – ebenso still, bescheiden wie konsequent-hartnäckig seinen Weg beschritt, den er Zeit
seines Lebens ging, unter seinem Leitspruch „Deus semper maior – Gott ist immer größer“.

Berlin, den 06. Februar 2012

Anja Goritzka

Artikel versenden / Bookmark anlegen