Klare Ausrichtung

Erzbischof Woelki und Journalist Joachim Jauer

BERLIN – Der vorsorglich gewählte Große Saal im Bernhard-Lichtenberg-Haus konnte die Zahl der Besucher des Kathedralforums kaum fassen. Mehr als 200 Zuhörer waren am Mittwoch voriger Woche zum Gesprächsabend mit Erzbischof Rainer Maria Woelki

gekommen. Es ging um das Thema „Was bleibt vom Papstbesuch?“.
Der Abend, durch den der Fernsehjournalist Joachim Jauer als Moderator führte, sollte nicht nur eine Rückschau in Sachen Papstbesuch werden. Die ersten Monate von Erzbischof Woelkis Amtszeit in Berlin waren genauso Thema wie seine Erhebung zum Kardinal an diesem Wochenende. Ob man den Erzbischof bereits jetzt mit dem Kardinalstitel anreden dürfe oder müsse, stieg Jauer launig ein. Man dürfe, im Zweifelsfall würde aber auch die Anrede als Bischof weiterhin gelten, betonte der Erzbischof, der sich überrascht über die schnelle Kardinalserhebung zeigte. Woelki erzählte, dass so genannte Insider neben der Anerkennung des Papstes für das Erzbistum und die Hauptstadt einen Zusammenhang mit dem zurückliegenden Besuch des Heiligen Vaters herzustellen versucht hätten. Der ernannte Kardinal schien von dieser Theorie allerdings nicht besonders überzeugt zu sein.

 Bei seinem Besuch in Rom Mitte Januar habe sich Benedikt XVI. für die freundliche Aufnahme im September bedankt und die eindrucksvolle Atmosphäre beim Gottesdienst im Olympiastadion gelobt, berichtete Woelki. Dann habe sich der Papst vor allem für die Situation desErzbistums, die Diaspora und die
Zahl und Ausbildung der Priester interessiert. Auch die Frage nach einer theologischen Fakultät, ob an einer Universität oder als kirchliche Hochschule, sei erörtert worden. „Ich hatte den Eindruck, der Papst würde das gern sehen“, berichtete der Erzbischof. Allerdings gebe es keine konkreten Pläne, betonte er. In seiner persönlichen Rückschau auf den Papstbesuch im vergangenen September sprach Woelki zunächst die emotionalen Aspekte an.
Er sei als neuer Erzbischof dankbar für die vorgefundene Vorbereitung gewesen und zeigte sich beeindruckt von der Stimmung unter den Gläubigen. „Es hat unserem Diasporabistum
gut getan, die Erfahrung zu machen, dass wir Teil der Weltkirche sind.“

Inhaltlich sprach er die klare Ausrichtung auf Christus an, die sich durch alle Ansprachen des Papstes gezogen habe. Auf Jauers Frage, welche Kräfte der Papstbesuch mobilisiert habe, antwortete der Erzbischof eher mit einer Aufgabenstellung. Die Ansprachen des Papstes lägen vor, es läge nun an den Gemeinden, sich damit in geeigneter Form zu befassen und Gewinn daraus zu  ziehen. Als Schlüsselbegriffe für den Papstbesuch gelten die oft zitierte „Entweltlichung“ und die Frage nach den ökumenischen Beziehungen. Sicher habe der Papst von keinem Rückzug aus der Welt geredet, war Erzbischof Woelki überzeugt. Der Papst habe ja gerade dazu aufgefordert, in der Welt wirksam zu sein. Zudem „haben wir zu Weihnachten gerade gefeiert, dass Gott in die Welt kommt“, da sei es „geradezu irrsinnig, sich da heraushalten zu wollen“. Allerdings gebe es die Gefahr, dass kirchliche Strukturen sich zu sehr mit denen der „Welt“ gemein machten und sich schließlich von anderen Einrichtungen nicht mehr unterschieden. Christliche Caritas etwa müsse „da einsteigen, wo Not ist“, wie es beispielsweise die Malteser Migrantenmedizin vorbildhaft praktiziere.

In den ökumenischen Beziehungen hofft Woelki nach dem Papstbesuch auf weitere Schritte aufeinander zu. Der Besuch im Erfurter Augustinerkloster und die Würdigung der Lauterkeit von Luthers Ringen sei im Rückblick ein beachtliches Zeichen, die Kritik mancher
Protestanten durch zu hohe Erwartungen im Vorfeld bedingt. Mit Blick auf seinen eigenen Start in Berlin berichtete Woelki von der herzlichen Aufnahme. Er habe schon viel mutiges Glaubenszeugnis erlebt, in der Diaspora Vorpommerns, mit Jugendlichen und Studenten. Ihm gehe es darum, dem Evangelium eine Form für unsere Zeit zu geben. Innerkirchliche Grabenkämpfe findet er dabei hinderlich und verzichtbar.

Thomas Marin

Berlin, den 16. Februar 2012

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