Georg Kardinal SterzinskyVor einem Jahr ist der Berliner Erzbischof gestorben – Eine persönliche Erinnerung von Prälat Ronald Rother

Georg Kardinal Sterzinsky

Ein Jahr ist es her, dass Georg Kardinal Sterzinsky in den frühen Morgenstunden des 30. Juni vom Leben in die Auferstehung ging. Die Redaktion hat mich gebeten, „persönliche Erinnerungen“ an ihn für diese Zeitung zu schreiben. Ein Jahr, das ist eine kurze Zeit, aber auch lang genug, um Erinnerungen zu sortieren.

„Sie kennen doch den Kardinal sehr gut“, hieß es oft. Doch stimmt das? Ich war Pfarrer und Dekan, so trafen wir uns in den Gremien: Priesterrat, Dekanekonferenz, Diözesanvermögensverwaltungsrat, Steuerungskreis und Entscheidergremium. Er hörte zu, nahm Gedanken auf, bedachte, sagte wenig – es sei, die Gespräche verfaserten sich. Kein Mann schneller und spontaner Entscheidungen. Es war die Zeit der diözesanen Finanzkrise. Die Schwere und Last der Verantwortung waren in sein Gesicht gezeichnet. Rücktrittsforderungen wurden laut.

„Ich muss mal mit Ihnen sprechen.“ Ein Satz, so nebenbei gesagt, sollte erst nach Wochen in Erfüllung gehen, obwohl wir uns jede Woche wenigstens einmal sahen. Nicht ganz fünf Minuten dauerte es dann: Ich soll sein Generalvikar werden. Zum Katholikentag in Ulm überschlugen sich die Aktivitäten, denn die Presse hatte von dem anstehenden Wechsel Wind bekommen und wollte die Nachricht veröffentlichen.

Zwei feste wöchentliche Termine hatte ich mit ihm: Dienstags wurde ich zum Mittagessen eingeladen (Seine Schwester kocht ausgezeichnet!) und donnerstags oder freitags hatte ich den so genannten Jour fix. Hier erwarteten mich klare Ansagen; oft viele Fragen, die möglichst schnell beantwortet werden sollten; Aufträge, die umzusetzen beziehungsweise weiterzugeben waren. Manchmal reichte die Zeit nicht aus, um alle bereitgelegten Unterlagen zu besprechen. Diese Treffen waren harmonisch; sein gefürchtetes Explodieren habe ich nie erlebt.

Feste und Jubiläen gehören fast zum Alltagsgeschäft eines Erzbischofs. Doch wenn es um seine Person ging, konnte er unwirsch werden. Gemeinsam mit dem jeweiligen Sekretär und dem Pressereferenten hatten wir einen Weg gefunden, den er akzeptierte und wo wir uns als Erzbistum nicht blamieren mussten. Es kam die Zeit, da sein 75. Geburtstag anstand. Was machen wir? „Ich stehe mit einem Koffer am 8. Februar frühmorgens in der Eingangstür und gehe.“ Mit dieser Aussage war nun zu planen. Einladungen wurden verschickt und später wieder abgesagt.

Zweimal war es mir gelungen, notwendige Krankenhausaufenthalte zu organisieren. Mit großer Sorge blickten die Ärzte auf seinen Zustand und warnten ihn. Für den Kardinal ging der Dienst vor. Er war vorbereitet und verfasste Hinweise für seine Beerdigung, sagte, wo sein Testament liegt, bestellte einen Testamentsvollstrecker. Dann stand er – Mitte Januar – mit einem Koffer in der Eingangstür, damit der Dienstwagen ihn zum Krankenhaus fuhr.

Gesund wurde er nicht mehr. Deus semper major!

Das Jahresamt für Georg Kardinal Sterzinsky feiert am 30. Juni um 11 Uhr Dompropst Prälat Ronald Rother in der St. Hedwigs-Kathedrale.

Berlin, den 28. Juni 2012

Anja Goritzka

Artikel versenden / Bookmark anlegen