Radiowort

Ostern: Aufbrechen des Gewohnten

14. April 2017 Erzbischof Dr. Heiner Koch

Das Ostereiersuchen gehört für viele selbstverständlich zum Osterfest. Die bunt angemalten Eier stehen genauso für das Leben wie die Wahrnehmung, dass offensichtlich neues Leben aus einem wie tot wirkenden Gegenstand geboren wird.

Christen sahen im Ei das Symbol der Auferstehung Christi und die Hoffnung auf die Auferstehung für alle Menschen. Die Situation des Kükens in dem noch geschlossenen Ei wurde für Christen zudem zu einem ausdrucksstarken Bild für die Situation der Menschen, die nicht an die Auferstehung glauben. Das Küken im Inneren des Eies glaubt, dass diese kleine Welt im Ei alles sei.

Mehr gäbe es nicht. Dabei ist die Welt viel größer und bunter, viel lebendiger als sich das Küken im Innern des Eies das ausmalen kann. Sein Horizont ist so begrenzt wie die Welt-Anschauung mancher Menschen: Sie sehen nichts, was den Horizont der fassbaren Welt aufreißt und halten es für unmöglich, dass es  - bildlich gesprochen - mehr als das Innere des Eies gibt.

Um eine größere Welt zu erkennen, müssten sie sich wie das Küken aufmachen und den Sprung ins größere Leben, in die Weite des Lebens wagen.

Die Wahrheit des Ostermorgens, dass Gott lebt und er die Grenzen unserer Enge und unseres Todes überwunden hat, wird nur der erkennen, der es wagt, aufzubrechen aus allen begrenzenden Horizonten und sein Leben an der Hand Gottes zu führen versucht.

Ostereier werden nur gefunden, wenn wir sie suchen, sonst bleiben sie liegen. Die Erfahrung mit dem lebendigen Gott, der uns in die Weite des Lebens führen will, wird nur der machen, der sich auf diesen Gott einlässt und nicht sitzen bleibt im gewohnten, althergebrachten, üblichen Denken und Handeln. Ostern ist das Fest des sich auf den Weg-Machens, des Gott-Suchens, des Versuchens, mit ihm zu leben.

Versuchen Sie doch einmal, ihn in den Spuren dieses Festes und ihres Alltags zu entdecken: in den Menschen, denen sie begegnen; in den Aufgaben, die sie herausfordern; in den sogenannten Zufällen Ihres Lebens, von denen Sie vielleicht doch ahnen, dass sie mehr sind als Zufälle, vielleicht sogar Fügungen Gottes.

Ich wünsche Ihnen den Mut, so wie das Küken im Ei anzufangen, an die Schale zu schlagen, bis diese aufspringt und es endlich entdeckt: Das Leben ist doch viel weiter, als es mir mit meiner begrenzten Wahrnehmung zunächst zu sein schien.

Ich wünsche Ihnen ein entdeckungsreiches Osterfest!

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Wort des Bischofs

vierzehntägig samstags, 9.50 Uhr

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