Radiowort

Kirchentag: Wir sind füreinander verantwortlich

26. Mai 2017 Erzbischof Dr. Heiner Koch

»Alles ist unsicher, mit nichts findet man sich mehr zurecht. Was hält unsere Gesellschaft  denn noch zusammen …?« Solche und ähnliche Äußerungen höre ich oft in meinen zahlreichen Begegnungen.

Ich nehme solche Stimmen ernst, denn Unsicherheit, die nicht beachtet wird, macht noch unsicherer. In solch einer Atmosphäre wächst der Wunsch nach einfachen und schnell umsetzbaren Lösungen. Aber: einfache Lösungen für komplexe Herausforderungen gibt es meist nicht, auch wenn radikale und populistische Akteure dies immer wieder behaupten.

Oft haben einfache Lösungen Nebenwirkungen, die Schaden anrichten. Auch darf es nicht darum gehen, schwierigen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, Gegenargumente auszublenden, auf Andersdenkende nur noch entsetzt und erregt zu reagieren und sich nur noch auf die Gruppe Gleichgesinnter zurückzuziehen.

„Du siehst mich!“ – unter diesem Motto sind tausende in diesen Tagen nach Berlin gekommen, um sich gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen und Wege für eine bessere Zukunft zu erkunden. Sie geben damit eine unmissverständliche Botschaft: unser Zusammenleben funktioniert nur, wenn wir die sachliche Auseinandersetzung führen im Respekt vor jeder Person und ohne falsche Versprechungen.

Der Kirchentag ist auch ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Wir alle sind und bleiben verbunden, wir gehören zusammen, wir sind füreinander verantwortlich, wir leben voneinander und wir sollten füreinander da sein. Diese Einsicht baut nicht Mauern und Grenzen zwischen den Menschen auf, sondern bringt sie zu Fall.

Ich bin allen dankbar, die diese Antwort in Wort und Tat geben, die ihre Mitmenschen in besonderer Weise wahrnehmen, indem sie sich um Familien in Not, um Kranke und um Sterbende sorgen, um Obdachlose oder um Geflüchtete;  die den Dialog mit Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen führen. Sie erliegen nicht der Versuchung, die Augen zu schließen; Zeit, Geld und Fähigkeiten nur für sich zu nutzen, um in dieser Welt besser dazustehen. Sie teilen, was sie haben, und bekennen: Wir leben von einem guten Miteinander.

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Wort des Bischofs

vierzehntägig samstags, 9.50 Uhr

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