05. November 2011Erntedank mit bitterem Beigeschmack

In Ostafrika herrscht Hungersnot. Allein in Somalia haben vier Millionen Menschen nicht genug zu essen. Hunderttausende verhungern. Gleichzeitig landet weltweit ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. In Deutschland sollen es sogar 40 Prozent sein. Die Abfallcontainer der Supermärkte und die Mülltonnen vor der Haustür enthalten Unmengen einwandfreier Lebensmittel. Nicht einmal ihr Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Sozusagen „Frisch auf den Müll“, wie ein Film von Valentin Thurn eindrucksvoll belegt.

Für den Filmemacher hat die Nahrungsmittelvernichtung System: In den Supermärkten muss das Brot in den Regalen noch spät abends frisch sein. Und alles soll perfekt aussehen: Ein welkes Salatblatt, schon wird die Ware aussortiert. Landwirte mustern Möhren mit zwei Trieben von vornherein aus. So landen jeder zweite Kopfsalat, jedes fünfte Brot hierzulande im Müll statt im Magen. Diese vergeudeten Lebensmittel kosten die Welt wertvolle Ressourcen und dem Verbraucher viel Geld: 400 Euro werden pro Haushalt jährlich weggeworfen, eine Menge Geld. Spätestens diese Summe sollte doch zu denken geben.

Ich plädiere dafür, Lebensmittel wieder stärker wertzuschätzen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich zum Beispiel nie Hunger leiden musste. Dass meine Eltern mir ein Schulbrot mitgeben konnten. Und ich hätte ein sehr schlechtes Gewissen gehabt, hätte ich es im Mülleimer entsorgt. Heute stört das offensichtlich niemanden mehr. Die Abfalltonnen vor Imbissbuden sind voll von halb aufgegessenen Dönern und angebissenen Schrippen.

Und das ist fatal. Denn wer Lebensmittel vernichtet, vernichtet nicht nur eine Ware, sondern auch Boden, Wasser, Energie und die Arbeitskraft, mit der sie produziert wurden. Solange es Menschen gibt, die verbrauchen, was sie gar nicht brauchen, solange wird es andere Menschen geben, die das nicht haben, was sie wirklich zum Leben brauchen.

In dem Gebet, das Jesus von Nazaret der Menschheit hinterlassen hat, heißt es schlicht: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, einen gesegneten Sonntag.

Erzbischof Dr. Rainer Maria Woelki

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