16. Juni 2012Es gibt keinen „Fußballgott“
Erinnern Sie sich an das Auftaktspiel Polen gegen Griechenland? Der polnische Torwart wird vom Platz gestellt, ein neuer Torwart muss den Elfmeter parieren. Der Neue geht auf den Platz, kniet sich hin, mit dem Blick ins Tornetz, bekreuzigt sich, steht auf, dreht sich um - und hält den Elfmeter!
Ja, gibt es doch einen „Fußballgott“? Ich denke, den haben Journalisten erfunden: Sportreporter brauchten eine „höhere Macht“, um eine Niederlage zu erklären oder die Gnade eines überraschenden Siegs. Und in der Tat benehmen sich Fußballfans ja manchmal wie Gläubige: Sie pilgern zu ihrem Wallfahrtsort, zum „heiligen Rasen“. Lieder werden gesungen, Sprechchöre sorgen für ein stärkendes „Wir“-Gefühl. Auch die Bekleidung ist ritualisiert: Man trägt Landesfarben. Und dann die Fahnen! Fahnen gehören seit dem Mittelalter zum feierlichen Gottesdienst. Dann, endlich, findet das Spiel statt. Wie jede ordentliche Liturgie beginnt es mit Gesängen, mit den Nationalhymnen zum Beispiel. Und wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat, ziehen ihre Anhänger mit dem Gefühl davon, mit Gnade reich beschenkt worden zu sein.
Ein Fußballspiel löst starke Emotionen aus. Es reißt aus dem Alltag heraus, stiftet Gemeinschaft und funktioniert nach Riten, die denen einer Religion ähneln. Doch Fußball ist keine Religion. Ich kann mitfiebern und mitjubeln - den tieferen Sinn des Spiels erklären weder Sportkommentatoren noch die Fifa; das Jenseits wird nicht verheißen. Die Welt verändern können die Spiele auch nicht, wohl nicht einmal in der Ukraine, wo die Herrschenden wenig von politischen Spielregeln halten, wie sie im Westen Europas gelten. Auch wenn sich beim Spiel der Einzelne für die Mannschaft opfert: Es gibt weder Gnade noch Erlösung, sondern Sieger und Verlierer, wie an der Börse oder in der Wirtschaft.
Nein, einen „Fußballgott“ gibt es nicht. Sondern allein den einen Gott über allen. Diesem Gott sind alle kostbar - Sieger wie Verlierer.
Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, Freude an guten Spielen, und sollte Ihr Favorit unterliegen: Nehmen Sie’s sportlich!













