Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Urlaub für die Seele: Einfach da sitzen und vor sich hinschauen

15. Juli 2016 Carla Böhnstedt

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen!“ steht auf einem großen Aufsteller mitten in der Fußgängerzone von Binz. Direkt daneben vier Stühle. Weiß angemalt und mit Wandtattoos bunt beklebt. Und es dauert auch nicht lange, bis sich eine Familie auf die Stühle plumpsen lässt und dem Astrid-Lindgren-Zitat Folge leistet. Wobei es in ihrem Falle besonders reizvoll ist, „vor sich hinzuschauen“, denn alle haben eine Riesen-Waffel mit monstergroßen Eiskugeln vor sich und lecken sich genüsslich durch den köstlichen Eisberg.

„Kirche in Aktion“ nennen wir dieses Format, bei dem wir zwei Mal in der Woche in die Fußgängerzone von Binz gehen. Es geht darum, mit einem Augenzwinkern auf unser tourismuspastorales Projekt, das von Anfang Juli bis Ende August läuft und von insgesamt 22 Kolleginnen und Kollegen getragen wird, aufmerksam zu machen. Denn die Kirche Stella Maris liegt auf dem Klünderberg und damit etwas „weg vom Schuss“. Und wenn die Leute nicht zum Berg kommen, geht der Berg eben zu den Leuten, ausgerüstet mit Flyern unseres Projekts und Postkarten der Aktion.

Die Rechnung scheint aufzugehen: „Ich kenne Sie schon vom letzten Jahr. Da waren Sie doch auch mit einer Aktion in der Fußgängerzone. Sie haben immer so schöne Ideen!“ kommt eine Mittfünfzigerin zielstrebig auf uns zugesteuert. „Echt? Daran können Sie sich noch erinnern?“ fragen wir etwas perplex. „Na, hör’n Se ma, junge Frau, seh‘ ich schon so senil aus?“ empört sie sich breit grinsend und schnappt sich auch schon einen Flyer.

Offenbar hat sich das Tourismus-Projekt, das in diesem Jahr bereits in die dritte Runde geht, mittlerweile etabliert. Denn auch am Sonntag lassen uns einige Urlauber, die zum Gottesdienst kommen, wissen: „Letztes Jahr haben Sie kleine Schlüssel verteilt. Die haben wir immer noch im Portemonnaie. Wir sind heute extra wieder hierher gekommen.“

Was sie hoffentlich nicht bereut haben, denn so konnten sie ihre kleine Sammlung an Give aways um einen kleinen Maßband-Lkw als Symbol für unseren Alltag und Urlaub erweitern. Denn während wir im Alltag oft nach bestimmten vorgegebenen Maßstäben funktionieren müssen, dürfen wir uns im Urlaub auch mal gehen lassen und „maßlos“ sein.

Um diese beiden Pole, Alltag und Urlaub, dreht sich auch die Installation „Das Spiel der Farben“, die wir in der Kirche aufgebaut haben. Deren drei Stationen „alltagsGRAU“, „urlaubsBLAU“ und glaubensBUNT laden mit kleinen Symbolen und Impulsen dazu ein, über unseren Alltagsballast und unsere Urlaubswünsche nachzudenken und uns –im wahrsten Sinne des Wortes- auszumalen, welche Farbe Gott bzw. der Glaube für uns hat.

Zwei Strahler werfen Farbtupfer an die schlichte, weiße Kirchenwand, gelbe Zettel, die überall in der Kirche hängen, erklären mit einfachen Worten die Bedeutung der liturgischen Orte und in einer Schatztruhe können Urlauber kleine Zettel mit ihren Anliegen und Bitten deponieren, damit sie im Sonntagsgottesdienst im Rahmen der Fürbitten berücksichtigt werden.

Ebenso kunterbunt wie die diesjährige Installation sind auch die Gäste, die unsere Angebote annehmen. Da kommt eine alte Dame („Ich bin Ureinwohnerin von Binz, aber in dieser Kirche war ich noch nie!“) ebenso wie ein Ehepaar, das seine Ferien im Ostseebad Baabe verbringt. („Jetzt weiß ich, warum wir heute hierher gekommen sind. Eigentlich gefällt mir Binz nicht. Zu mondän. Aber das wir jetzt hier in der Kirche waren, hat mir die Augen geöffnet. Das hätte ich nicht gedacht, dass katholische Kirche soooo sein kann.“) bis hin zu Familien („So leicht hab ich meine Kinder noch nie in eine Kirche gekriegt. Freiwillig sogar! Aber Ihre Latschenleine da draußen und die Liegestühle haben uns neugierig gemacht!“)

Und wem es dann inmitten all der Angebote doch zu bunt wird, der kann auch einfach nur da sitzen und vor sich hinschauen!