Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

„Das ist ein perfekter Standort“Berlins Erzbischof Heiner Koch möchte mit dem Umbau der Hedwigskathedrale auch die Präsenz der Kirche in gesellschaftlichen Diskussionen stärken

04. November 2016 Von Regina Einig

Herr Erzbischof, welche theologischen und pastoralen Gründe legen aus Ihrer Sicht den Umbau von St. Hedwig nahe?

Schon der Nachkriegsentwurf von Hans Schwippert nimmt die St. Hedwigs-Kathedrale als Rundbau ernst. Der Entwurf von Sichau & Walter mit Leo Zogmayer geht noch konsequenter auf die Architektur des Rundbaus ein und bringt sie zur Geltung. Der Altar steht künftig in der Mitte der Kathedrale unter der Kuppel. Die Form einer Halbkugel antwortet auf die Kuppel, Kuppel und Altar ergänzen sich zu einem Ganzen. So wie in der Feier der Eucharistie am Altar durch das Opfer Jesu Christi heil wird, was zerbrochen war. Der runde Altartisch unter der Kuppel unterstreicht und verdeutlicht, dass sich die Gemeinde um den Herrn in ihrer Mitte versammelt.

Besonders am Herzen liegt mir die Sakramentskapelle, die in der kleinen Rotunde – der bisherigen Sakristei – entsteht. Dort wird – gleichfalls zentral in der Mitte – auf einer Stele der Tabernakel seinen neuen Platz finden, sichtbar auch vom großen Kirchenraum aus. Damit jeder Besucher, ob getauft oder ungetauft, erkennt, dass St. Hedwig ein Ort der Anbetung und Gottesverehrung ist.

Gleichsam verbunden werden beide Kuppelbauten durch ein großes Kreuz, das mir im Gespräch mit den Architekten, aber auch mit vielen Gläubigen sehr wichtig geworden ist.

In der Unterkirche mündet die Mittelachse von der Kuppel durch den Altar in das Taufbecken und betont auf diese Weise die Verbindung zwischen Taufe und Eucharistie. Sakramenten-theologisch konsequent ist auch die Entscheidung, die Beichtgelegenheit in der Unterkirche vorzusehen. Denn die Beichte ist letztlich nichts anderes als die Erneuerung der Taufgnade. Und schließlich bleibt die Unterkirche das, was sie heute schon ist: Gedenkort der Toten, insbesondere des seligen Bernhard Lichtenberg und der dort begrabenen Berliner Bischöfe, aber auch Gedenkort der wechselvollen Geschichte unseres Bistums.

Schwebt Ihnen eine Sakramentskapelle mit ausgesetztem Allerheiligsten vor?

Das haben wir bisher nicht diskutiert, der Tabernakel auf einer Stele soll die eucharistische Gegenwart des Herrn besonders hervorheben. Die kleine Rotunde wird ein Ort der Stille, des Gebets und der ungestörten Anbetung sein.

Was geschieht mit dem bisherigen Altar?

Der von Hans Schwippert konzipierte Altar, der wie eine vertikale Achse Ober- und Unterkirche verbindet, wird nach der Schließung der Öffnung zwischen Ober- und Unterkirche so keine Verwendung mehr finden. Die gedachte Vertikale wird aber auch im neuen Entwurf unübersehbar sein: vom Okulus in der Kuppel, durch den Altar bis zum Taufbecken in der Unterkirche. Mir ist wichtig, dass der heilige Petrus, unser Bistumspatron, die heilige Hedwig, die Patronin der Kirche, und die Mutter Gottes auch künftig einen prominenten Platz finden werden. Auch der bisherige Tabernakel wird – auf einer Stele in der Sakramentskapelle – weiter verwendet werden.

Die Vertreter der Jugend haben kein schriftliches Votum abgegeben. Täuscht der Eindruck, dass die Jugend bei der Entscheidungsfindung keine besondere Rolle spielte?

Einer der mich bewegendsten Gottesdienste war für mich die Rorate-Messe mit der Jugend im vergangenen Advent. Da eignen sich die Jugendlichen in besonderer Weise „ihre Kathedrale“ an. Insofern täuscht der Eindruck tatsächlich. Ich habe mehrfach ausführlich mit den Vertretern der Jugend gesprochen, auch bei der Entscheidung des Diözesanrats haben die Jugendlichen mitdiskutiert. Ich habe aus den Gesprächen eine große Ermutigung für eine Umgestaltung mitgenommen, auch wenn kein schriftliches Votum festgehalten wurde. Die Jugendlichen haben unter anderem auch auf die Notwendigkeit einer technischen Ertüchtigung der Kathedrale hingewiesen, was Tonanlage, Licht- oder auch Projektionstechnik angeht.

Mit dem Umbau soll das Bernhard-Lichtenberg-Haus auch als ein Ort der Wissenschaft und Bildung etabliert werden. Berlin hat aber bereits eine Katholische Akademie ...

Kirche ist niemals nur Liturgie allein. Um alle Grundvollzüge von Kirche in der St. Hedwigs-Kathedrale umsetzen zu können, haben wir das Bernhard-Lichtenberg-Haus in unsere Planungen einbezogen. Die Kathedrale soll ein Ort der Begegnung, Beziehung und Barmherzigkeit sein. Deshalb ist vorgesehen, hier auch ein niederschwelliges Caritasangebot zu integrieren. Einerseits, andererseits ist auch Martyria auf einem wissenschaftlichen Niveau vorgesehen. Ich stelle mir einen Ort vor, an dem nicht nur wissenschaftlich gearbeitet und geforscht, sondern auch der Dialog mit den anderen Human- und Geisteswissenschaften, mit Philosophie oder aber auch islamischer und jüdischer Theologie geführt wird. Ich wünsche mir, dass international renommierte Wissenschaftler zu uns kommen und sich austauschen, auch im Dialog mit anderen Religionen. Wir sind umgeben von hochkarätigen wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen wie der Humboldt-Universität, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, den Museen auf der Museumsinsel, Staatsbibliothek, dem Stadtschloss, Staatsoper, et cetera, das ist ein perfekter Standort.

Eine Konkurrenz zur Katholischen Akademie sehe ich nicht, im Gegenteil, das wird sich gut ergänzen.
Haben Sie ein bestimmtes Vorbild vor Augen?

Wie der internationale wissenschaftliche Austausch der katholischen Theologie mit anderen Wissenschaften gestaltet werden kann, habe ich in verschiedenen Einrichtungen in den USA erlebt. Das war für mich sehr inspirierend. Eins zu eins übertragbar ist jedoch keines der dortigen Beispiele. Ich empfinde es sehr beruhigend, dass ich diese Entscheidung nicht alleine treffen muss, derzeit diskutieren wir verschiedene Szenarien in der „Hauptstadt-Arbeitsgruppe“ der deutschen Bischofskonferenz. Als Erzbistum Berlin könnten wir ein solches Projekt auch keinesfalls alleine realisieren. Ich freue mich über das große Wohlwollen, mit dem das Projekt verfolgt und unterstützt wird. Denn wenn, dann kommt eine Realisierung nur am Standort Berlin und auch nur in Verbindung mit unserer Kathedrale in Frage. Denn in Berlin werden die Debatten geführt, die für die Gestaltung unserer Zukunft wichtig sind, und da wollen – ja müssen – wir als Kirche auf Augenhöhe mitreden.