Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Predigt von Erzbischof Dr. Ludwig Schick während der 3. Bernhard-Lichtenberg-Wallfahrt

05. November 2016 Erzbischof Dr. Ludwig Schick

Predigt von Erzbischof Dr. Ludwig Schick während der 3. Bernhard-Lichtenberg-Wallfahrt in der St.-Hedwigs-Kathedrale am 5. November 2016

Liebe Schwestern und Brüder!

1. „Als das Recht gebeugt wurde, beugte er sich nicht!“ So kann man kurz und bündig das Leben des Menschen und Priesters Bernhard Lichtenberg und auch sein Martyrium in der Nazizeit zusammen¬fassen. Als viele sich beugten, blieb er aufrecht und widerstand. 1943, am 5. November, starb der selige Bernhard Lichtenberg auf dem Transport ins KZ Dachau in Hof, in der Erzdiözese Bamberg. Deshalb verehren wir Bamberger ihn auch als unseren Bamberger Seligen. Wir betrachten es als große Ehre und sind dankbar dafür, dass wir in unserer Erzdiözese, ökumenisch vereint, diesem Märtyrer die letzten Stunden seines Lebens erleichtert, ja verschönt haben. Ärztinnen und Ärzte betreuten ihn medizinisch. Eine evangelische Diakonisse pflegte ihn im Hofer Krankenhaus, in das er gebracht worden war aus dem Transportzug nach Dachau ins KZ.

Man hatte ihn aus dem Wagen herausgeholt, weil er sterbend war. Diese evangelische Krankenschwester holte den Hofer Stadt¬pfarrer, der ihm die Sakramente der Beichte, der Eucharistie und der Letzten Ölung spendete und ihn tröstete. Bernhard Lichtenberg hat im Hofer Krankenhaus in seinen letzten Stunden immer wieder gesagt: Was seid ihr gute, liebe Menschen. Auch diese gab es in der Nazizeit. Sie sorgten auch dafür, dass er beerdigt werden konnte und sein Leichnam nicht beschlagnahmt und verbrannt wurde, um jede Spur von ihm auszulöschen, was die Nazis mit den Widerstandskämpfern normalerweise taten.

2. Jahrelang hatte Bernhard Lichtenberg in Berlin für die Wahrung des Rechtes gepredigt, geredet und publiziert. Er verteidigte die Bürgerrechte der Juden und ihre Freiheit der Religionsausübung. Als die Nazis die jüdischen Mitbürger degradierten, ihnen die Menschenwürde absprachen und sie mit abscheulicher Propaganda zu Untermenschen machten, verteidigte er ihre Menschen- und Bürger¬rechte. Nach dem Pogrom 1938 betete er allabendlich öffentlich für die Juden, „deren Synagogen auch Gotteshäuser sind“, so sagte er. Er stand auch aufrecht, als das Recht auf Leben der Menschen mit Behinderung von den Nazis gebeugt wurde. Die Euthanasie, wie die Nazis die Tötung von Men¬schen mit Behinderung euphemistisch verschleierten, bezeichnete er entsprechend dem – auch damals geltenden – Recht als Verbrechen.

3. Was wir eben in der Lesung und im Evangelium gehört haben, war Bernhard Lichtenberg hoch und heilig. Der Christ muss in der Nachfolge Jesu für Recht und Gerechtigkeit, für das Gute und Wahre eintreten, auch wenn er dafür Leid erfährt, ihm mit dem Tod gedroht, er gefoltert wird und schließlich das Martyrium auf sich nehmen muss. Wir danken Bernhard Lichtenberg für dieses Zeugnis der Treue zu Jesu Weisung und für seinen Einsatz für die Menschen.

4. Bernhard Lichtenberg, dessen Heiligsprechung wir wünschen und erbitten, damit er in der ganzen Kirche verehrt wird, hat eine Botschaft für uns heute. Er weist uns Christen, aber auch alle Menschen guten Willens in der gegenwärtigen Zeit darauf hin, worauf es ankommt: Aufrecht zu stehen, wenn das Recht gebeugt wird. Das kann man nur, wenn man vor Gott kniet. Wer vor Gott kniet, kann vor den Menschen und für die Menschen aufrecht stehen. Liebe Mitchristen! Ohne eine menschenfreundliche und menschengerechte Rechtsordnung kann keine Gesellschaft und kein Staat leben. Eine demokratisch verfasste Rechtsordnung muss auch eingehalten werden. Eine solche haben wir in Deutschland. Rechtsbeugung, von wem auch immer, darf nicht zugelassen werden. Darauf muss eine wehrhafte Demokratie achten!

Dazu muss jeder Bürger seinen Beitrag leisten. Zuerst ist es wichtig, dass unsere Rechtsordnung gekannt wird und im Bewusstsein bleibt, geachtet und wertgeschätzt wird. Wir haben in Deutschland eine gute Verfassung und Rechtsordnung.
Das, was der Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, als Zusammenfassung seiner Festrede im Deutschen Bundestag anlässlich des 65. Jahrestages des Grundgesetzes sagte: „Danke, Deutschland!“, das muss uns zu eigen sein. Daraus dürfen kein Stolz und keine Überheblichkeit werden, sondern das Bewahren der Verfassung, des Rechtes und der guten Verwaltung.

5. Wir müssen auch darauf hinweisen in Wort und Tat, dass Angriffe auf unsere Gesellschaft nicht hingenommen werden dürfen. Dazu gehören terroristische Akte, dazu gehören aber auch Entscheidungen im öffentlichen Leben, die die Verfassung umgehen oder beugen. Dabei ist heute auch auf die Welt des Internets zu achten. Wenn dort Menschen beleidigt werden, weil sie anderer Hautfarbe und anderer Rasse, weil sie Flüchtlinge und Asylbewerber sind, oder weil sie als Verantwortungsträger für Recht und Gesetz eintreten, muss mit den Mitteln des Rechtsstaates eingeschritten werden.

6. Bernhard Lichtenberg fordert uns auf, als Menschen und Christen das Recht und die Gerechtigkeit zu achten, sie wertzuschätzen, uns nicht zu beugen, wenn sie gebeugt werden und das Unrecht beim Namen zu nennen. Dies müssen wir in unseren Nationen und in unserem Staat fordern und fördern, aber auch gleichzeitig weltweit. Viele Nationen Afrikas, Asiens, Lateinamerikas entwickeln sich deshalb so mangelhaft und schwierig, weil sie zwar eine Rechtsordnung haben, aber diese nicht genügend gewahrt wird, manchmal auch von denen nicht, die im Staat Verantwortung haben, von den Politikern, der Gerichtsbarkeit und Polizei und anderen Administrationen. Das nennen wir Korruption und Bad Governance.

7. Bernhard Lichtenberg ist ein Vorbild für uns als Bürgerinnen und Bürger, besonders für die, die sich Christen nennen. Wir müssen immer über unser eigenes Wohlbefinden hinausschauen. Selbstverständlich sollen wir es haben, aber wir haben es auf Dauer nur, wenn das Gemeinwohl gesichert ist. Das persönliche Wohlbefinden ist abhängig vom Gemeinwohl. Und das Gemeinwohl ist abhängig von Gerechtigkeit und Recht, die nicht gebeugt werden dürfen, vor allem nicht in dem, was in jeder Rechtsordnung zuoberst stehen muss, die Menschenwürde, die unantastbar ist und die Menschenrechte für alle.

8. Bernhard Lichtenberg ist in unserer Zeit eine sehr wichtige Identifikationsfigur, in Deutschland, aber auch weltweit. Deshalb wäre es gut, wenn er bald heiliggesprochen würde und für die ganze Welt Vorbild wäre in seiner Haltung zur Gesellschaft, die von Recht und Gerechtigkeit geprägt sein muss, die das Gemeinwohl ohne Abstriche anstrebt, ohne Sparten und ohne Ausgrenzung. Das muss heute weltweit geschehen, weil unsere Welt eine globale ist, in der auch Recht und Rechtssicherheit und das Gemeinwohl globalisiert werden müssen, damit jeder in Freiheit und Frieden, in Sicherheit und mit Zuversicht leben kann.

Amen