Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Gott denken Philosophieprofessor Holm Tetens zu Gast beim KJE St. Antonius

01. April 2017 Kaplan Raphael Weichlein

Foto: Gemeinde St. Antonius

„Ich denke, also bin ich Atheist“, lautet eine oft unausgesprochene Selbstverständlichkeit unserer Tage. Wer als intellektuell gelten möchte, hält sich zu Fragen des Glaubens im besten Fall eher bedeckt, ist diesbezüglich zumeist jedoch eher skeptisch und abweisend eingestellt. Der Naturalismus, also die Auffassung, nach der die Wirklichkeit sich restlos und vollständig durch die Naturwissenschaften beschreiben lässt, ist das dominierende Paradigma unserer Zeit.

Dies ist jedenfalls die Diagnose von Holm Tetens, bis vor Kurzem Professor für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin. Tetens selbst kann aus eigener Erfahrung sprechen. War er doch jahrzehntelang selbst von einer atheistisch-naturalistischen Weltauffassung überzeugt. Für Aufsehen erregte daher sein jüngstes Buch „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie“, welches 2015 im Reclam-Verlag erschienen ist.

Darin legt er die Schwächen des Naturalismus offen, plädiert für eine rational gerechtfertigte Hoffnung auf einen Erlösergott und verteidigt den Gedanken eines Gerichts nach dem Tod. So dürften etwa die Opfer der Geschichte nicht dem endgültigen Vergessen anheimgestellt sein, was nur ein Erlösergott gewährleisten könne. Nicht nur in Fachkreisen wurde die religionsphilosophische Wende des Berliner Philosophen mit Erstaunen wahrgenommen.

Bei seinem Besuch am vergangenen Mittwoch beim Kreis Junger Erwachsener (KJE) der Gemeinde St. Antonius in Berlin-Friedrichshain erläuterte Professor Tetens in einem Interviewgespräch mit Kaplan Raphael Weichlein die Grundthesen seines Buches. Hierbei gab dieser auch Einblicke in seine persönliche Denkentwicklung, die er nicht als Bruch, sondern als kontinuierlichen Prozess beschreibt. In einem langen Abend entwickelten sich tiefe Gespräche mit und unter den Anwesenden.

„Seien Sie, die Sie sich als gläubig verstehen, bereit, vor allem auch in intellektueller Hinsicht Rede und Antwort zu stehen, wie das der Erste Petrusbrief (3,15) fordert“, so Tetens in einem abschließenden Appell an die jungen Erwachsenen. Es lohnt sich, die Hoffnung auf Erlösung rational neu zu durchdenken.