Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Schule für alleVor 300 Jahren führte Friedrich Wilhelm I. die Schulpflicht ein

21. September 2017 Von Birgitta Negel-Täuber (KNA)

Bild: Christian Schmitt, in: Pfarrbriefservice.de

Berlin (KNA) Friedrich Wilhelm I. ist als "Soldatenkönig" in die Geschichte eingegangen. Aber der preußische König sorgte sich nicht nur um seine Armee, er wollte das Land insgesamt wirtschaftlich stärken. Ein Schritt auf diesem Weg war die Einführung der Schulpflicht. Am 28. September 1717 erließ er ein Dekret, das die Eltern verpflichtete, ihre Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren zur Schule zu schicken.

Allerdings galt die Order nur für die königlichen Domänengüter, also die Ländereien, die dem Staat beziehungsweise dem König gehörten - der Unterschied war im 18. Jahrhundert noch fließend. Für die Güter des Adels galt das Dekret nicht. Der König hatte auf sie keinen Einfluss, ebensowenig wie auf die Städte, in denen zu dieser Zeit ohnehin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung lebte.

Aber auch auf den königlichen Domänen war der Widerstand groß: Sie waren in aller Regel verpachtet, und sowohl die Pächter als auch das zuständige Ministerium in Berlin, das Generaldirektorium, sahen gewaltige Kosten auf sich zukommen. Schließlich mussten Schulen gebaut und Lehrer bezahlt werden. Das Dekret sah zwar ein Schulgeld in Höhe von "zwei Dreiern" vor. "Falls aber die Eltern das Vermögen nicht hätten; So wollen Wir dass solche Zwey Dreyer aus jeden Ortes Allmosen bezahlet werden sollen."

Mit anderen Worten: Es fielen zwar Kosten an, die waren aber gering, denn die Entlohnung der Lehrer war äußerst spärlich. Den Unterricht erteilten Handwerker, Küster oder Tagelöhner, die neben dem Unterricht zusehen mussten, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Das Spottlied vom armen Dorfschulmeisterlein zeugt noch heute von diesen Verhältnissen. Friedrich II. kam später auf die Idee, invalide Soldaten als Lehrer einzusetzen. Einzige Bedingung: Sie mussten Lesen und Schreiben können.

Zwei Traditionsstränge ebneten in Deutschland langfristig den Weg zur Schulpflicht: die Reformation und die Aufklärung. Entsprechend begründete auch der preußische König sein Vorhaben: "Wir vernehmen missfällig ..., dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen, und dadurch die arme Jugend in grosse Unwissenheit, so wohl was das lesen, schreiben und rechnen betrifft, als auch in denen zu ihrem Heyl und Seligkeit dienenden höchstnötigen Stücken aufwachsen laßen."

Der Unterricht war - je nach Jahreszeit - unterschiedlich intensiv, "im Winter täglich und im Sommer, wann die Eltern bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein- oder zweimal die Woche, damit sie dasjenige, was im Winter erlernet worden, nicht gänzlich vergessen mögen." Der Interessenkonflikt zwischen persönlichen und öffentlichen Belangen war offensichtlich. Die Eltern benötigten ihre Kinder als Arbeitskräfte, der Staat für seinen wirtschaftlichen Aufschwung langfristig eine gebildete Bevölkerung. Für das persönliche Seelenheil war nach protestantischer Auffassung Bibel- und Katechismuslektüre nötig - auch dafür fühlte sich der preußische König zuständig.

Das preußisch-königliche Dekret von 1717 war eines von vielen im Laufe von Jahrzehnten und entfaltete nur sehr allmählich Wirkung; trotzdem war es ein Meilenstein auf dem Weg zur allgemeinen Schulpflicht. Schon lange zuvor hatte es in Deutschland Forderungen nach allgemeiner Schulbildung gegeben: Bereits 1524 richtete Martin Luther eine Schrift "An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen". Im Elsass kam man dieser Aufforderung zuerst nach, wenn auch Jahrzehnte später. 1592 führte das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken die Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein - ein bis dahin nie dagewesenes Ereignis. Die protestantischen Landesteile zogen allmählich nach, während in katholischen Gebieten wie Österreich und Bayern die Entwicklung bedeutend langsamer verlief.

Deutschland war bis ins 19. Jahrhundert ein politischer Flickenteppich, auch die Anstrengungen in Richtung Volksbildung hingen letztlich am guten Willen der jeweiligen Obrigkeit. Trotzdem setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass - auch jenseits religiöser Bedürfnisse - Bildung kein persönlicher Luxus, sondern eine gebildete Bevölkerung im Interesse von Allgemeinheit und Obrigkeit sei. Dazu brauchte es aber mehr als königliche Dekrete: Zu einer allgemeinen Schulpflicht und einem effizienten Schulsystem gehören ausgebildete Lehrer, Schulgebäude, Lehrpläne. Benötigt wird eine Bürokratie, die das Ganze organisiert und kontrolliert, Finanzquellen, aus denen das Schulsystem bezahlt wird. Kurzum: Schulpflicht braucht Staat.

Der entwickelte sich auch in Preußen langsam, dennoch verloren Friedrich Wilhelm I. und seine Nachfolger die Schulbildung nicht aus dem Auge. 1763 unternahm Friedrich II. mit dem Generallandschulreglement einen neuen Anlauf in Sachen Volksbildung. Durchgreifenden Erfolg hatte auch er nicht. Aber dem Erziehungsmonopol des Staates wurde langsam, aber sicher der Boden bereitet. Das schlug sich 1794 im Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten in der prägnanten Formel nieder: "Die Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates."