Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

"Ein Moment der Stille kehrt ein"Politik, Kirchen und Hinterbliebene gedenken der Terroropfer

20. Dezember 2017 Von Gregor Krumpholz und Birgit Wilke (KNA)

Berlin (KNA) Keine Weihnachtslieder, kein Rummel - so hatten es sich die Hinterbliebenen der Opfer vom Breitscheidplatz gewünscht. Und so kam es auch am ersten Jahrestag des Terroranschlags. Unter den Lichterketten lagen die Buden um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wie verwaist. Nur um das neue Denkmal versammelten sich am Dienstagnachmittag rund 100 Besucher. Bewacht von Dutzenden Polizisten stellten manche eine Kerze auf oder legten Blumen nieder.

"Ein Moment der Stille kehrt ein in Berlin", brachte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einer Gedenkstunde des Abgeordnetenhauses die Stimmung auf den Punkt. Er bat die Opfer um Verzeihung für viele Pannen im Zusammenhang des Attentats. "Wir können nur erahnen, wie tief ihr Schmerz ist", meinte er.

In der Gedächtniskirche hatte zuvor auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu den Betroffenen gesprochen und mit ihnen um die zwölf Menschen getrauert, die der Attentäter Anis Amri am 19. Dezember 2016 in den Tod gerissen hatte. "Wir lassen Sie mit alldem nicht allein", versicherte er ihnen.

Bei einer interreligiösen Andacht räumte der Bundespräsident auch Fehler der Politik ein: "Zur Wahrheit gehört auch, dass manche Unterstützung spät kam und unbefriedigend blieb." Und weiter: "Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen. Und ja, es ist bitter, dass der Staat Ihre Angehörigen nicht schützen konnte."

Der katholische Berliner Erzbischof Heiner Koch mahnte, die Tat und ihre Folgen nicht zu verdrängen. "Geben wir noch Raum für die Toten, für ihre Gesichter und ihre Botschaft?", fragte er. Berlins evangelischer Bischof Markus Dröge erinnerte an "das Dunkel, das sich durch die Tat eines Fanatikers über uns gelegt hat". Besonders bitter sei, dass Willkür und Zufall Menschen zu Opfern gemacht hätten. Auch Vertreter anderer christlicher Kirchen sowie von Juden, Muslimen und des Humanistischen Verbandes wirkten an der Andacht mit.

Sehr bewegt zeigte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Am Montag hatte sie sich mit rund 80 Hinterbliebenen, Verletzten und Angehörigen im Kanzleramt getroffen. Viel zu spät, wie Betroffene, aber auch andere Kritiker meinen. Die Kanzlerin sprach am Rande der Gedenkstunde von einem "schonungslosen Gespräch", das drei statt der dafür angesetzten zwei Stunden dauerte. "Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gelaufen ist, besser zu machen", versprach sie und will sich in einigen Monaten erneut mit Betroffenen zusammenkommen.

Der Opferbeauftragte Kurt Beck, der ebenfalls im Abgeordnetenhaus sprach, forderte als Konsequenz erneut, eine zentrale Anlaufstelle einzurichten, die sich nach ähnlichen Vorfällen um die Betroffenen kümmert. Außerdem plädierte er dafür, die Entschädigungen für Opfer und Hinterbliebene deutlich zu erhöhen. Sie sei mit 10.000 Euro viel zu niedrig. Betroffene hatten ihm berichtet, wie sie nach dem Anschlag lange vergeblich versuchten, Informationen über ihre Angehörigen zu bekommen. Teilweise mussten sie tagelang alleine Krankenhaus um Krankenhaus abfragen, um Gewissheit zu erhalten.

An die Anschlagsopfer erinnert bei der Gedächtniskirche nun ein Denkmal, das auf Wunsch der Hinterbliebenen schlicht gehalten wurde. Berlins Regierender Bürgermeister übergab es ebenfalls am Dienstag seiner Bestimmung. Es ist ein rund 14 Meter langer, goldfarbener Riss, der sich über einen Teil des Breitscheidplatzes zieht. Zudem sind nun die Namen der Opfer und ihre Herkunftsländer an den Kirchenstufen angebracht.

Mit einem ökumenischen Friedensgebet und einer Kundgebung mit Lichterkette endete am Abend die Reihe der Gedenkveranstaltungen. Kurz nach 20 Uhr läuteten die Glocken der Gedächtniskirche. Zwölf Minuten lang, eine lange Minute für jeden Toten des Anschlags.