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Mit List und Wundern

13. September 2017 Cornelia Klaebe

Auf einem Wandbehang sind in Kreuzform die Namen derer eingestickt, die am Kolbehaus mitgebaut haben. An die Bauzeit erinnern sich (von links): Paul-Dieter und Christina Klähr, Beatrix Sprutta, Parrer i.R. Gotthard Richter, Gemeindereferentin i. R. Erika Buhl und Martin Knak. | Foto: Cornelia Klaebe

„Ich habe das Sgraffito ausgekratzt“ – „Ich die Treppe eingeschalt.“ – „Ich habe viele Schubkarren geschoben“: Vor 40 Jahren weihte die Gemeinde in Frankfurt (Oder) ihr Maximilian-Kolbe-Haus ein. Sie hat es selbst gebaut.

Äußerlich wirkt das Maximilian- Kolbe-Haus in Frankfurt an der Oder unspektakulär. Wer die Franz-Mehring-Straße hochgeht, wird den weißen Kasten neben der prächtigen neogotischen Heilig- Kreuz-Kirche kaum bemerken. Ins Auge fällt allenfalls der rostrote Vorbau, der den Vordereingang und den Fahrstuhl beherbergt. Aber auch der kam erst nach der Jahrtausendwende.

Für die Gemeinde ist dieses Haus alles andere als unspektakulär. Das merkt man schon daran, dass das 40-jährige Jubiläum der Einweihung mit fünf Gemeindeabenden zum Oberthema „Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut“ und dem großen Patronatsfest gefeiert wird. Was macht dieses Haus so besonders? Mit eigenen Händen haben über 200 Gemeindemitglieder daran gebaut, an jedem Abend, jedem Wochenende schufteten bis zu 40 Personen auf der Baustelle. Dazu kamen die Frauen, die die Arbeiter mit Essen versorgt haben. Das schweißt zusammen – bis heute.

Dass die Katholiken vor Ort selbst Hand anlegten, kam nicht von ungefähr: Das Projekt war zu DDR-Zeiten von staatlichen Stellen überhaupt nicht gern gesehen. Doch, so erinnert sich der damalige Pfarrer Gotthard Richter: „Das alte Gemeindehaus war im Krieg teilweise zerstört worden und musste abgerissen werden.“ Pfarrer Richter, der bis heute in der Gemeinde lebt, war es auch, der mit seinem Einsatz und seinen Kontakten einen wesentlichen Teil dazu beitrug, dass der Neubau möglich war. „Nur durch seine Verhandlungen haben wir die Genehmigung bekommen“, sagt Paul-Dieter Klähr.

„Dieser Bau ist ein Zeugnis für Christus“

Die Motivation der Gemeinde übernahm Pfarrer Richter selbst: „Es wird an uns liegen, was für ein Zeugnis unseres Lebens wir geben“, sagte er in einer Predigt zu Beginn der Bauzeit, und: „Dieser Bau ist ein Zeugnis für Christus.“ Das ist er in der Tat: Schon die Außenwände sind voller Kreuze – damals verbotenerweise. „Es durfte kein Kreuz zu erkennen sein“, weiß Martin Knak, aber die Kreuze ergeben sich jeweils aus der Zusammensetzung von vier Platten, „und die Wandplatten wurden einzeln vorgezeigt“. So manche List wandte die Gemeinde damals an, um das ungeliebte Regime an der Nase herumzuführen und zum Ziel zu gelangen. Dabei gab es auch durchaus Hilfe von außen, und „Wunder“, wie Gemeindereferentin Beatrix Sprutta findet: „Wenn auf einmal genau hier der Kipper mit dem Kies für die Parteischule kaputt geht und sich die Ladefläche hebt und sich der Kies bei uns findet.“ Denn an Material zu kommen war nur mit viel „Vitamin B“ möglich: „Wo gab es denn damals Fliesen?“ Und Gotthard Richter erinnert sich: „Die Türen, das war schwierig …“

Die schweren Eingangstüren sind aus Metall und verziert mit Wappen, die die Geschichte der Gemeinde erzählen. Sie sind eins der Kunstwerke, die den dreistöckigen Bau mit Kapelle, Sälen, Katechese- und Jugendräumen zieren: Das riesige Bleiglasfenster mit dem Lamm sollte nach vorne zeigen, durfte es aber nicht. Seinetwegen musste der Bau um 180 Grad gedreht werden. Und das Sgraffito (Dekoration von Wandflächen) über den Fenstern zeigt Motive der Offenbarung. Wichtig war auch die Nachbarschaft zu Polen. Daher wurde der selige Maximilian Kolbe, der im Konzentrationslager Auschwitz für einen Familienvater starb, als Patron gewählt.

Das Kolbehaus, das nach zweieinhalbjähriger Bauzeit zum Patronatsfest 1977 eingeweiht wurde, ist „bis heute ein Haus voll Leben“, sind sich alle einig. Der nächste Gemeindeabend ist am 11. Oktober um 19.30 Uhr zu Gen 6,5-9,17. Zum Patronatsfest am 17. September ab 9.30 Uhr mit Festgottesdienst sind auch die Nachbargemeinden eingeladen.