Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Wir sind Kirche für die Menschen“Erzbischof Koch zum Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“

08. November 2015 Alfred Herrmann

Seit dem 19. September steht Erzbischof Heiner Koch an der Spitze des Erzbistums Berlin. Er übernimmt damit den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ von seinem Vorgänger, Kardinal Rainer Maria Woelki, den dieser im Advent 2012 angestoßen hat. Auch Erzbischof Koch initiierte in seinem vorherigen Bistum Dresden-Meißen mit dem sogenannten „Erkundungsprozess“ einen Pastoralen Prozess. Im Interview mit Alfred Herrmann spricht er über seine Erfahrungen und Vorstellungen.

Ihr Vorgänger, Kardinal Woelki, hat den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ angestoßen. Wie notwendig ist solch ein Prozess in der heutigen Zeit?

Es gibt zu ihm keine Alternative. Es ist bei weitem nicht mehr selbstverständlich, Christ zu sein, und noch weniger selbstverständlich, dass der christliche Glaube, die Frage nach Gott und dass die Kirche in dieser Gesellschaft Gehör finden und präsent sind. Von daher müssen wir uns fragen, wie wir in einer veränderten Gesellschaft unseren Auftrag als Kirche, unseren Sendungsauftrag erfüllen können. Wir sind als Kirche kein Selbstzweck, sondern wir sind da, die Botschaft Jesu Christi wach zu halten, zu leben und in die Gesellschaft zu den Menschen hineinzubringen.

Sie haben 2013 mit dem „Erkundungsprozess“ im Bistum Dresden einen ähnlichen Pastoralen Prozess begonnen. Warum braucht Kirche heute solche Prozesse?

Weil sich die Gesellschaft und die Position der Kirche in der Gesellschaft geändert haben. Wir können Kirche heute nicht mehr so leben, wie wir das vor 40 Jahren getan haben. Wir erreichen auf diese Weise die Menschen nicht mehr. Es kann doch nicht sein, dass wir uns darauf zurückziehen, unsere eigenen „Schrebergärten“ zu pflegen. Vielmehr geht es darum: Wie kommen wir raus zu den Menschen, die oftmals seit Generationen keine Berührung mehr mit dem Evangelium haben? Wir sind Kirche für die Menschen!

Im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ sehen viele vor allem einen Strukturprozess…

Nein, er ist zuallererst ein persönlicher, geistlicher Prozess. Wir müssen uns zuerst unserer Berufung als Kirche bewusst werden. Danach gilt es, die Frage zu stellen, wie die Menschen sind, zu denen wir gehen, und wie wir diejenigen erreichen, die nicht mehr zu uns kommen. Und dann erst, als Drittes, folgt die Frage: Welche Mittel brauchen wir und welche Strukturen helfen uns, unseren Auftrag zu erfüllen? Es wäre vollkommen verkehrt, zu fragen: Wie können wir mit veränderten finanziellen und personellen Ressourcen, möglichst viele Strukturen und möglichst viele Einrichtungen und Institutionen erhalten? Das wäre ein falsches, binnenkirchliches Denken. Strukturen, Finanzen, Personal, das sind Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger. Sie verantwortlich einzusetzen, auch das ist ein geistlicher Prozess.

Sie fuhren im Rahmen des „Erkundungsprozesses“ eigens in alle Pfarreien ihres Bistums und haben zahlreiche Gespräche mit den Menschen geführt. Welche Erfahrungen konnten Sie mitnehmen?

Erzbischof Koch: Gerade in solch einem Flächenbistum wie Dresden-Meißen gibt es immer Regionen, zum Beispiel an der tschechischen Grenze, in denen die kleinen Gemeinden das Gefühl haben, man vergisst sie. Es entsteht bei ihnen der Eindruck: ja, in den Städten Leipzig, Dresden, Chemnitz da läuft das kirchliche Leben im Gegensatz zur eigenen Landpfarrei. Bei unseren Besuchen spürten die Menschen nun, dass das, was sie zu sagen hatten, für uns von Bedeutung ist. Das hat vieles verändert. Deshalb steht für mich auch im Erzbistum Berlin fest: ich werde gleich als erstes in die Pfarreien des Erzbistums fahren, um möglichst viele Leute vor Ort zu hören und wahrzunehmen und das Anliegen des Prozesses vorzutragen.

Von welchen Sorgen und Nöten haben Ihnen die Menschen bei Ihren Besuchen im Rahmen des „Erkundungsprozesses“ berichtet?

Zunächst, dass sie überfordert sind. Sie haben den Sendungsauftrag während der DDR-Zeit mit hohem Engagement wahrgenommen. Jetzt meinen sie, sie können das nicht mehr. „Wir sind doch so wenige“, heißt es besonders oft auf dem Land. In den Städten zeigt sich ein anderes Bild. Dort explodieren die katholischen Gemeinden. Sie sind jung und dynamisch. Deshalb haben wir uns im Bistum Dresden-Meißen entschlossen, den Personal- und den Finanzschlüssel für die Landgemeinden zu erhöhen, zu Lasten der Stadt. Auf dem Land braucht es mehr Mittel, allein um sich zu erreichen und zusammen zu kommen. Außerdem treibt die Gläubigen die große Sorge um, heimatlos zu werden. Sie fragen sich: „Geht der Pastorale Prozess nur darum, möglichst viel zusammenzufassen, zu zentralisieren, abzubauen und klein zu machen?“ Das ist niemals der Sinn eines solchen Prozesses, aber die Angst davor ist groß.

Auch das Erzbistum Berlin ist ein Flächenbistum mit unterschiedlichsten Regionen…

Soweit ich das bisher einschätzen kann, ist das Erzbistum Berlin ganz verschieden in seiner Geschichte, in der kulturellen Prägung, in den ökonomischen Verhältnissen seiner Menschen, so dass die Frage: „Wie erfülle ich unseren Sendungsauftrag in dieser Gesellschaft?“ nicht allgemein beantwortet werden kann. Jede Region, jeder Bezirk muss seine eigene Antwort geben. Die Antwort an der Ostseeküste wird anders aussehen als in Frankfurt an der Oder, in Charlottenburg anders als in Kreuzberg.

Worauf liegt Ihr Augenmerk, wenn Sie auf den Pastoralen Prozess im Erzbistum Berlin schauen?

Ich stelle mir die Frage: Wie können wir aus der Heiligen Schrift und aus der Gemeinschaft heraus Feuer fangen, damit wir wirklich brennen? Denn ohne dass wir innerlich für unseren Sendungsauftrag brennen, wird der ganze Prozess nichts werden, dann wird er zum bloßen Strukturprozess. Den können wir uns jedoch ersparen. Das ist die Sache nicht wert. Denn ob ich in großen oder in kleinen Strukturen unwirksam arbeite, bleibt dasselbe.

Welche Impulse kann die Kirche vor Ort setzen, um das Evangelium wieder mehr zu den Menschen zu bringen?

Die katholischen Christen müssen mit den Menschen, mit denen sie leben, vertraut sein. Sie müssen neue Berührungspunkte schaffen. Dazu zählt auch, dass sie hingehen, wenn eine Partei eine Veranstaltung organisiert oder ein Stadtfest stattfindet. Hinzugehen anstatt zu warten, bis andere zu uns kommen, ist eine vertrauensbildende Maßnahme. Zudem gilt es profiliert aufzutreten, damit wir sichtbar für die Botschaft Jesu Christi stehen und diese Menschen gegenüber verdeutlichen können, die oftmals nichts davon wissen. Drittens: wir müssen möglichst niederschwellige Angebote machen. Ich weiß, wie wichtig kulturelle Veranstaltungen in einer Kirche sind und dass es offene Feste braucht. In einer Gesellschaft, in der es normal ist, nicht Christ zu sein, gilt es für uns zu forderst das Evangelium zu verbreiten, mit den Menschen, den Institutionen, den Gemeinschaften, die da sind, mit Kindergärten, Altenheimen, Schulen, Kirchengemeinden, Verbänden oder Orden. Sie gehören in diesem Auftrag alle zusammen und leben nicht nebeneinander her.

Wie sehen Sie die Position der Laien im Pastoralen Prozess?

Die Laien haben eine eigene Verantwortung. Sie sind getauft und gefirmt. Es ist ihre Gemeinde, ihre Kirche, ihre Religion, für die sie auch Verantwortung tragen. Wir Hauptamtlichen haben die Aufgabe, die Laien subsidiär zu unterstützen, sie zu befähigen, zu begleiten. Entweder wir kommen mit den Laien weiter oder überhaupt nicht.