Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Charismen entscheidend für Zukunft des Ehrenamts Theresa Faupel begleitet dreijähriges Projekt „Ehrenamt im Aufbruch“

19. Dezember 2016 Alfred Herrmann

Theresa Faupel begleitet das Projekt "Ehrenamt im Aufbruch". Foto: Herrmann

„Charismenorientierung ist en vogue. Der Begriff steht in zahlreichen Bistumsleitlinien in Deutschland und wird überall fleißig diskutiert. Aber in die Praxis umgesetzt wurde davon bislang nur wenig.“ Theresa Faupel arbeitet seit Oktober im Erzbistum Berlin. Sie übernimmt die wissenschaftliche Begleitung eines Projektes, das es so in der katholischen Kirche in Deutschland bislang nicht gibt. „Ehrenamt im Aufbruch“ versucht Charismenorientierung in die Praxis umzusetzen.

Faupel reizt dieser Aufbruch, der mit dem auf drei Jahre angelegten Projekt im Erzbistum Berlin gewagt wird. Sie möchte ihn mitgestalten. Die 25-Jährige, die in der Diözese Fulda aufgewachsen ist und in Bamberg ein Masterstudium in Katholischer Theologie absolviert hat, promoviert daher über „Ehrenamt im Aufbruch“. Das Projekt im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ gilt als Versuch, das Ehrenamt und die gesamte pastoralplanerische Organisation in Gemeinde und Pastoralem Raum anhand von Charismen neu zu entwickeln. Das bedeutet: statt allein für bereits bestehende Aufgaben und Gruppen Ehrenamtliche zu suchen, soll sich eine Pfarrei oder ein Pastoraler Raum die Fragen stellen, welche Charismen die Menschen mitbringen und inwieweit daraus neues ehrenamtliches Engagement erwachsen kann.

„Meine Aufgabe ist es unter anderem, Impulse aus der neueren Praktischen Theologie in das Projekt einzubringen“, erläutert Faupel ihre Position. Die Wissenschaftlerin sitzt direkt an der Quelle. Sie promoviert an einem der experimentierfreudigsten Institute für Pastoraltheologie in Deutschland. Faupel schreibt ihre Doktorarbeit bei Professor Dr. Matthias Sellmann an der Ruhr-Universität Bochum und ist damit Teil des ZAP, des Zentrums für angewandte Pastoralforschung. „,to be zapped‘ bedeutet im Englischen: ,einen Energiestoß verpasst bekommen‘. Wir verstehen Pastoral als Erschließung und Verbreitung von Energie. Geist und Wissen wollen fließen und powern wie Strom“, heißt es vielversprechend auf der Internetseite des Forschungszentrums.

Charisma – mehr als ein Talent

Für Faupel steht zunächst die Klärung des Begriffs Charisma im Vordergrund. Es gelte sich zu vergewissern, was er im Erzbistum Berlin bedeutet. „Charisma ist nicht allein mit Talent oder Fähigkeit gleichzusetzen. Es ist mehr“, erläutert die Theologin. Sie verweist auf die theologische Tiefe, die dem Begriff innewohnt. „Charismen sind Gnadengaben, die stets in Beziehung zu Gott ausgelebt werden, weil sie von Gott gegeben sind“, umschreibt sie diese. Wer sein Charisma verwirkliche, mache dies im Dienst für Gott und für den Nächsten. „Durch den Einsatz meines Charismas versuche ich, den anderen die Liebe Gottes erfahren zu lassen“, leitet sie eine Berufung ab, die jeder mit beziehungsweise durch sein Charisma empfängt.

Diese Sichtweise habe Konsequenzen für das Bild von Kirche, so Faupel. Die Frage „Was willst du, das ich dir tun kann?“ werde existentiell: „Die Kirche, eine Pfarrei, eine Gemeinde hat, wenn man aus diesem Blickwinkel auf sie schaut, jedem zu helfen, sein Charisma zum Aufbau des Reiches Gottes zu leben und ihn somit in eine stärkere Nähe zu Gott zu bringen“, meint Faupel. Ehrenamtsentwicklung gehe daher stets mit dem Wahrnehmen und Fördern von Charismen einher.

Das ist eigentlich nichts Neues in der katholischen Kirche in Deutschland, wenigstens in der Theorie: So hat zum Beispiel das Bistum Münster bereits 2013 diesen Weg der Charismenorientierung in seinem Pastoralplan festgeschrieben. Dort heißt es für die Pfarreiebene: „Das Seelsorgeteam entwickelt ein Konzept zur Wahrnehmung und Förderung von Charismen in der Pfarrei und wechselt so die Perspektive von der aufgaben- zur gabenorientierten Seelsorge. Es trägt die Verantwortung dafür, die Charismen möglichst vieler zur Geltung zu bringen, diese wo nötig zu fördern und dazu beizutragen, dass sie zum Nutzen aller Menschen gewinnbringend eingesetzt werden können.“

Seit September auf dem Weg

Im Erzbistum Berlin soll Charismenorientierung nun ganz gezielt in der Praxis ausprobiert werden: daher initiierte die zentrale Arbeitsgruppe „Ehrenamt und Freiwilligendienste“ im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ das Projekt „Ehrenamt im Aufbruch“. Im August standen nach einem Bewerbungsverfahren die Teilnehmer fest. Mit St. Laurentius in Berlin-Tiergarten nimmt eine Pfarrei daran teil, mit Potsdam-Michendorf ein Pastoraler Raum. Ende September starteten beide mit Auftakttreffen. Seitdem wurden Strukturen aufgebaut, sich vernetzt, das Thema umrissen. So gründeten sich zwei acht-köpfige Steuerungsgruppen, die auf Seiten der Pfarrei und des Pastoralen Raums das Projekt vor Ort mitentwickeln.

„Als Pastoraler Raum ist es uns wichtig, wie wir die Wirksamkeit der Charismen in der Fläche des Raums organisiert bekommen“, formuliert Franz Schopper, Pfarrgemeinderatsvorsitzender in Michendorf, seine Erwartung. Das Mitglied der Projektsteuerungsgruppe spricht aus Erfahrung. In Schoppers Pfarrei St. Cäcilia leben rund 1.040 katholische Christen verteilt auf 31 Ortschaften. Bisher engagieren sich zirka 320 Gemeindemitglieder in 29 Gruppen und Initiativen. So lebendig soll die Gemeinde auch künftig bleiben. „Wir müssen uns überlegen, wie wir bei immer weniger pastoralem Personal unsere Gemeinde weiterhin so lebendig gestalten können“, erhofft er sich Impulse aus dem Projekt „Ehrenamt im Aufbruch“.

Schopper begreift das Projekt als Chance für seine wachsende Gemeinde. So veranstaltete die Pfarrei Michendorf gleich im November eine Pfarrversammlung zum Thema „St. Cäcilia auf dem Weg in die Zukunft“. Darin wurden die rund 75 gekommenen Gläubigen zu ihren Vorstellungen und Wünschen vom Leben in und mit der Gemeinde gefragt. In der Fastenzeit lädt St. Cäcilia nun ihre Ehrenamtlichen und Interessierte zu einem Einkehrtag. Er soll den Blick auf die eigenen Charismen lenken, die jeder mitbringt. Schon im Januar trifft sich die Projektsteuerungsgruppe des Pastoralen Raums Potsdam-Michendorf zu einem Klausurtag. Theresa Faupel begleitet den Tag: „Wir werden uns fragen: was motiviert Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren? Was ist unsere Vision, wenn wir an das Ehrenamt in unseren Gemeinden denken? Wohin soll es auf den Weg der Charismen-Entwicklung gehen?“

Hilfreiches zum Thema Charismenorientierung:
Internetseite „Gemeinsam Kirche sein“ der „Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral“ (KAMP) weiter 
Pastoralplan Bistum Münster weiter
Internetseite des „Zentrums für angewandte Pastoralforschung“ (ZAP) weiter