Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Er stellte ein Kind in ihre Mitte“BDKJ-Vorsitzender Podschun über die neue Arbeitshilfe für ein jugendpastorales Konzept im Pastoralen Raum

03. Februar 2017

Der BDKJ-Diözesanvorstand (v. l.): Helmut Jansen, Isabell Wollenweber, Gregor Podschun, Sophia Wagner.

Gregor Podschun, BDKJ-Vorsitzender im Erzbistum Berlin.

Angebote "jugendGERECHT" von EAJ und BDKJ

Jeder Pastorale Raum erstellt in der Entwicklungsphase sein eigenes Pastoralkonzept. Die Sorge um die Kinder und Jugendlichen soll darin einen zentralen Bestandteil bilden und damit ein eigenes kinder- und jugendpastorales Konzept für den Pastoralen Raum entstehen. Als Hilfestellung gab nun eine Arbeitsgruppe unter anderem mit Vertretern des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und des Erzbischöflichen Amtes für Jugendseelsorger (EAJ) eine Arbeitshilfe heraus mit dem Titel: „Er stellte ein Kind in ihre Mitte“. Mit dem Diözesanvorsitzenden des BDKJ, Gregor Podschun, sprach Alfred Herrmann.

Frage: Was macht die Jugend im Erzbistum Berlin heute aus?
Podschun: DIE eine Jugend im Erzbistum Berlin gibt es nicht. Jugendliche sind sehr vielseitig aufgestellt und haben unterschiedlichste Interessen. Sie leben in sehr verschiedenen Lebenswelten, schon allein wenn man schaut, in welcher Region, in welchem Bezirk sie wohnen, ob in Berlin, Vorpommern, Brandenburg. Die Jugendlichen sind neugierig, auf der Suche nach Selbstverwirklichung, nach ihrer Identität, vielleicht auch nachdem, was sie als Christen ausmacht, was Christin sein, was Christ sein in ihrer Lebenswelt bedeutet. Sie wollen etwas bewirken und sind bereit dafür, zu arbeiten, wenn man sie lässt.

Frage: Wo liegen in der Vielschichtigkeit der Jugend die Herausforderungen?
Podschun: Die Kirche muss sich weiteren Milieus öffnen, auch solchen die vielleicht nicht so sehr kirchenaffin sind. Bislang sprechen wir vor allem ein bürgerliches Milieu an. Die Jugendlichen sind hingegen sehr offen. Sie bewegen sich per se schon in verschiedensten Kontexten, allein durch die Schule. Und insbesondere in Berlin, in einer Stadt, die an sich schon plural und bunt ist, bewegen sich die Jugendlichen in Kontexten, die  Kirche nur selten erreicht.

Frage: Warum braucht es ein Konzept für die Kinder- und Jugendpastoral in jedem Pastoralen Raum? Warum reicht nicht eines für das gesamte Erzbistum?
Podschun: Die Lebenswelten der Jugendlichen sind so verschieden, dass ich sie nicht über einen Kamm scheren kann. Es gilt daher, vor Ort genau hinzuschauen. Das gelingt allerdings nur, wenn wir die Jugendlichen als die Experten ihrer eigenen Lebenswelt, in der sie sich bewegen, ernst nehmen. Wir müssen sie ansprechen und fragen, wie es bei ihnen ganz konkret vor Ort aussieht.

„Durch die Jugendlichen kann die Kirche die Stimme des Herrn vernehmen.“

Frage: Warum sollte ein Pastoraler Raum ein solches Konzept entwerfen?
Podschun: Das, was einen Pastoralen Prozess im Ganzen ausmacht, trifft natürlich auch für die Jugend zu: Kirche ist nicht nur für sich selbst da. Wenn wir den Glauben lebendig halten wollen und Kirche nach außen hin sichtbar sein soll, müssen alle mitwirken. Das heißt: auch die Jugendlichen, die zur Glaubensgemeinschaft dazugehören. Wie wichtig das ist, schreibt Papst Franziskus im Dokument zur Vorbereitung auf die Jugendsynode 2018: „Durch die Jugendlichen kann die Kirche die Stimme des Herrn vernehmen. Indem wir auf ihre Erwartungen hören, können wir die Welt von morgen erkennen, die auf uns zukommt, und die Wege entdecken, welche die Kirche zu beschreiten berufen ist.“ Er sagt uns damit: „Schaut doch mal auf die Kinder und Jugendlichen, seid offen, geht auf sie zu, macht es so wie Jesus, über den es in der Bibel heißt: ,Er stellte ein Kind in ihre Mitte‘!“

Frage: Das verlangt eine sehr konkrete Auseinandersetzung mit der Jugend in der Pfarrei…
Podschun: Wir, BDKJ und EAJ, nehmen wahr, dass die Pfarreien schon eine Weile danach suchen, wie sie mit Jugendlichen arbeiten können, wie sie Jugendarbeit betreiben sollen. Fragen, die uns immer wieder gestellt werden, lauten: „Wie funktioniert eigentlich Jugendpastoral bei uns? Wie können wir mit Jugendlichen arbeiten? Wie motivieren wir Jugendliche, wenn sie keine Lust auf uns, auf Kirche haben?“ Auf diese Fragen gibt es keine pauschalen Antworten. Die Menschen vor Ort müssen sich die Antworten selber geben. Das kann anhand eines solchen Pastoralkonzepts geschehen. Wir unterstützen sie dabei.

Frage: Was gehört in solch ein Konzept unbedingt hinein?
Podschun: Zwei Grundvoraussetzungen bilden den Rahmen. Zum einen: Jugendliche brauchen Freiräume zur Selbstbestimmung. Und zum anderen: Jugendliche müssen Verantwortung übernehmen dürfen. Hinzu kommen fünf Leitziele: Kinder und Jugendliche darin zu fördern, Glauben zu lernen und ihr Leben aus dem Glauben heraus zu deuten; sie zur Selbstbestimmung und Selbstorganisation und Verantwortung zu ermutigen; altersgerechte Partizipation zu fördern; Gemeinschaft zu ermöglichen und fünftens: Anregungen zu geben, dass Glaube konkret wird in Gemeinschaft, Verkündigung, Liturgie und Diakonie.

„Jugendliche brauchen zum einen Freiräume zur Selbstbestimmung und zum anderen müssen sie Verantwortung übernehmen dürfen.“

Frage: Die Arbeitshilfe nennt sogenannte Möglichkeitsbedingungen. Was verstehen Sie darunter?
Podschun: Die Handreichung gibt nicht vor, was konkret in das Konzept hinein muss. Sie nennt daher Rahmenbedingungen, die man vor Ort braucht, um selbstgesetzte Ziele in der Jugendarbeit zu erreichen, zum Beispiel hauptberufliche Unterstützer als Anwälte der Jugendlichen. Oder die vollwertige Anerkennung von Jugendlichen in Gremien, die bis jetzt leider noch nicht in allen Gemeinden und Pfarreien gegeben ist, dass ihre Meinung für voll genommen wird wie auch die Erscheinungsform, wie sich diese Meinung äußert. Und natürlich – ganz real gedacht – finanzielle, räumliche und personelle Ressourcen.

Frage: Sie fordern eine Jugendseelsorgerin, einen Jugendseelsorger für jeden Pastoralen Raum?
Podschun: Ja. Bislang war auch in jedem Dekanat ein Dekanatsjugendseelsorger vorgesehen. Allerdings ist momentan nur ein Bruchteil dieser Stellen besetzt aufgrund der personell schwierigen Situation im Erzbistum. Daher ist der BDKJ der Meinung, dass auch Ehrenamtliche Seelsorge leisten können. Allerdings braucht es dann neben einem ehrenamtlichen Jugendseelsorger einen Hauptberuflichen, der die Jugendlichen in ihren Interessen unterstützt. Das muss nicht unbedingt ein Priester oder ein Theologe, sondern kann zum Beispiel auch ein Sozialarbeiter sein.

Frage: Zudem fordern sie einen Kinder- und Jugendkonvent in einem Pastoralen Raum. Was ist das?
Podschun: In einem solchen Austauschgremium sollten alle, die in einem Pastoralen Raum in irgendeiner Form in der Jugendseelsorge aktiv sind, vernetzt sein, wie zum Beispiel Firmbegleiter, Leiter der Erstkommunionkurse, Vertreter der Ministranten, der Jugendverbände, der Gemeindejugend.

Frage: Sie stellen in der Arbeitshilfe vor allem Fragen wie zum Beispiel: Wie suchen wir gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen nach neuen Formen, um über den Glauben zu sprechen? Wo wird jungen Menschen Verantwortung zugetraut und übertragen? Das klingt nach Grundlagenarbeit…
Podschun: Die Fragen dienen zur Selbstvergewisserung und Selbstreflexion der örtlichen Jugendpastoral. Es gibt Dinge, die gut laufen, und Dinge, die weniger gut laufen. Was gut läuft, muss nicht neu erfunden werden. Da sind Pfarreien, die leisten großartige Jugendarbeit, wo in einer angenehmen Form, die der Jugend gerecht wird, über den Glauben gesprochen wird. Wenn das so ist, hat die Pfarrei bereits positive Antworten gefunden und kann das auch in ihr Pastoralkonzept einarbeiten. Falls es allerdings nicht so ist, gilt es für die Verantwortlichen zu überlegen, wie sie künftig damit umgehen, wie sie zum Beispiel verantwortungsvoll mit den Jugendlichen über den Glauben sprechen wollen, wie sie ihnen Verantwortung übertragen.

„Was wollt ihr, dass die Kirche für euch tut? Und was wollt ihr für die Kirche tun?“

Frage: Inwieweit helfen die Fragen, das Konzept zu erstellen?
Podschun: Die Handreichung liefert keine Antworten. Diese müssen vor Ort gesucht werden. Die Lebenswelten der Jugendlichen sind sehr verschieden. Sie sind Experten ihrer eigenen Lebenswelt. Wenn ich eine verantwortungsvolle Jugendpastoral machen möchte, ohne mich über die Köpfe der Jugendlichen hinwegzusetzen, muss ich die Jugendlichen vor Ort direkt ansprechen und fragen: „Was wollt ihr, dass die Kirche für euch tut? Und was wollt ihr für die Kirche tun?“ Wenn sich Jugendliche ernst genommen wissen, sind sie offen, ihre Bedürfnisse klar zu äußern.

Frage: Oder soll die Jugend das Konzept komplett selbst entwickeln?
Podschun: Wunderschön wäre es natürlich, wenn ein Großteil der Jugendlichen sagt, wir arbeiten am jugendpastoralen Konzept mit. Aber es braucht auch Leute aus anderen Bereichen, die diese Konzeptentwicklung mittragen und den Blick noch einmal weiten. Jugendarbeit muss immer eingebettet sein in das Ganze des Pastoralen Raums. Jugend ist ja nicht etwas Eigenständiges und Abgeschlossenes. Es geht im Pastoralen Prozess auch darum, generationsübergreifend zusammenzuarbeiten, um ein ernsthaftes Miteinander.

Frage: Wie unterstützt der BDKJ außerdem den Pastoralen Prozess vor Ort?
Podschun: Gemeinsam mit dem EAJ hat der BDKJ „jugendGERECHT“ auf den Weg gebracht, um den Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ jugendgerecht zu gestalten und die Pastorale Räume bei ihrer Suche nach einem jugendpastoralen Konzept zu unterstützen. Uns geht es bei dieser gemeinsamen Strategie um Lobbyarbeit für die Jugend, um Vernetzung, Qualifizierung und Begleitung. Zum Beispiel ermöglichen wir mit dem Verbandsmobil Jugendlichen vor Ort einen Selbstcheck und die Chance, verbandliche Jugendarbeit kennenzulernen. Mit dem „Netzwerk Junge Kirche“ tragen wir dazu bei, dass sich Verantwortliche in der Jugendpastoral regelmäßig treffen. Mit Qualifizierungswochenenden befähigen wir Jugendliche, ihre Interessen im Pastoralen Raum zu vertreten. Jeder Pastorale Raum kann sich jederzeit an uns wenden. Das EAJ hat für jeden Pastoralen Raum einen Ansprechpartner bestimmt. Beim BDKJ sind es die Länderreferenten, die für die Pastoralen Räume immer ansprechbar sind.

„Jugend Mut machen, aufzubrechen“

Frage: Was verbirgt sich hinter dem Qualifizierungsangebot für Jugendliche, was wird da vermittelt?
Podschun: Die Schulung, die zwei Mal im Jahr an einem Wochenende stattfindet, richtet sich an Jugendliche, die in Pastoralausschüssen aktiv sind oder aktiv sein werden. Sie vermittelt Handwerkszeug für die Arbeit in den Ausschüssen wie ein Rhetoriktraining, Kommunikationsmodelle, Auftreten vor Gruppen usw. Wir halten Jugendliche dazu an, sich untereinander gut zu vernetzen und sich kollegial zu beraten, vielleicht auch einmal schauen, wie es in anderen Pastoralen Räumen läuft, was sie von dort übernehmen können. Wir wollen, dass die Jugendlichen selber eine Haltung zum Prozess entwickeln, möglichst eine positive, aufbrechende, und wollen sie darin bestärken, ihre Interessen selbst zu vertreten und vielleicht auch zum Vorbild zu werden, wenn es darum geht, Kirche neu zu gestalten.

Frage: Was wünschen Sie sich?
Podschun: Ich wünsche den Jugendlichen Mut machen, aufzubrechen, sich einzubringen und ihre Interessen zu vertreten. Ebenfalls möchte ich den Erwachsenen und Hauptberuflichen Mut machen, offen auf die Jugendlichen zuzugehen und sie als mündige Christinnen und Christen wahrzunehmen.

Arbeitshilfe „Er stellte ein Kind in ihre Mitte“

Liste mit Ansprechpartnern von EAJ und BDKJ
in den Pastoralen Räumen