Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Eine offene und einladende KircheÜber Aufgabe und Wesen eines Pastoralen Raums

02. März 2017 Erzbischof Heiner Koch

Verantwortung in der Sendung Gottes: Erzbischof Koch bei der Eröffnung des Pastoralen Raums Usedom/Anklam/Greifswald. Foto: Anja Goritzka

Diese Zeilen schreibe ich im Rückblick auf die Weihnachtszeit, auf wunderbare Gottesdienste und tiefe Begegnungen:

Für die Botschaft Jesu Christi einstehen

Da waren die vielen Gespräche nach dem furchtbaren Terroranschlag am 19. Dezember in Berlin. Immer wieder tauchte die Frage auf: „Was trägt uns in dieser Gesellschaft eigentlich? Was ist das Gemeinsame? Welches sind im Konkreten unsere Werte? Worauf leben wir eigentlich gemeinsam hin?“ Plötzlich ist die Frage nach der „religio“, nach unserer „Rückbindung“ so brisant, so aktuell, so bedrängend geworden.

Gerade jetzt stellt sich für uns Christen die Frage: Bringen wir unsere religio, unsere Bindung, unseren Glauben in die Gespräche ein? Stehen wir für die Botschaft Jesu Christi ein, in dieser Gesellschaft und gegenüber den vielen, die das Evangelium kaum kennen oder zumindest nicht von ihm im Herzen getroffen sind? Versuchen wir, diese frohe Botschaft den Menschen in unserer Umgebung, unserem Dorf, unserer Region, unserer Stadt, gemeinsam mit unseren Nachbargemeinden, den Einrichtungen und Gemeinschaften unserer Kirche wirkungsvoll und vielfältig zu bezeugen? Das ist die Aufgabe für die Kirche in einem Pastoralen Raum.

Einander ergänzen

Heiligabend und den ersten Weihnachtstag habe ich mit Alleinstehenden, Obdachlosen, Flüchtlingen und Gefangenen gefeiert. Immer wieder war ich betroffen, dass diese Menschen alltäglich neben uns leben und wir, ihre Mitmenschen, aber auch unsere Gemeinden und Einrichtungen ihre Not oft nicht wahrnehmen oder nicht ansprechen.

Wir sind als Kirche nicht für uns selbst da. Wir sind Dienende. Wir sind verantwortlich für die uns umgebende Gesellschaft. Wir stehen hier in gemeinsamer Verantwortung. Unsere Caritas-Einrichtungen können auf andere Weise helfen als eine Kolpingsfamilie, unsere Schulen anders als eine Jugendgruppe. Nicht jeder kann alles, aber jeder kann das Seine mit anderen Gemeinschaften und Einrichtungen unserer Kirche in seiner Umgebung tun.

Pastoraler Raum ist das Miteinander unterschiedlicher Gemeinden und Gemeinschaften in unserem gemeinsamen Dienst als Kirche für die Menschen in dem uns umgebenden Raum. Wir ergänzen einander, wir stützen, wir helfen der anderen Einrichtung und kirchlichen Gemeinschaft in unserem Pastoralen Raum, damit wir gemeinsam unseren Sendungsauftrag für die Menschen, die Gott uns auch in unserer Gesellschaft anvertraut hat, erfüllen können.

Gemeinschaft von Gemeinschaften

Mehrmals bin ich in diesen Tagen Menschen begegnet, die in Wirtschaft und Gesellschaft, Kultur und Politik in verantwortlicher Position leben, geachtet und anerkannt, mit vielen sozialen Kontakten. Dennoch: Mitten in Berlin mit seinen 3,7 Millionen Einwohnern vereinsamen viele Menschen: „Ich fühle mich mitten unter den Menschen hier ziemlich verloren“, sagte mir eine Frau. Sind wir als Kirche für die Menschen Heimat, so habe ich mich immer wieder gefragt, sind wir für sie ein Zuhause?

Wir dürfen nicht zu einer anonymen Großinstitution verkommen. Wir dürfen aber auch nicht eine geschlossene Sekten-Clique werden, die alle Kräfte dafür beansprucht, sich miteinander wohlzufühlen. Wir dürfen kein geschlossener Raum sein, sondern offene und einladende Kirche. Diese Herausforderung ist schwer genug zu erfüllen, weil man oft gar nicht merkt, wie schnell man sich ungewollt in einem Binnenkreis mit Binnenkommunikation abschließt. Auch dies ist eine Grundforderung an unsere Pastoralen Räume.

Ein Pastoraler Raum ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr kirchliche Orte, wo wir miteinander als Christen leben, uns stärken und korrigieren, wo wir aber auch offene Heimat für Menschen bilden, die uns vielleicht fremd sind, die anders wahrnehmen und denken als wir und andere Erfahrungen mit einbringen. Wir brauchen nicht weniger Gemeinschaften durch Zentrierung, sondern eine bunte, vielfältige Zahl von miteinander vernetzten und sich füreinander verantwortlich fühlenden Gemeinschaften. Der Pastorale Raum ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften und wird umso lebendiger, je mehr Gemeinschaften sich in ihm bilden.

Mit vereinten Kräften

Mit vereinten Kräften auf vielfältigen Wegen Zeugen zu sein für die Botschaft der Menschwerdung Gottes aus Liebe zu uns. Gemeinsam sich den Nöten der Menschen in dem uns gegebenen gesellschaftlichen Raum zu stellen, sie in ihrer Not nicht allein zu lassen, Heimat zu bilden, offene Gemeinschaft für so viele, die in vielerlei Hinsicht oft vereinsamen: Welch große und beglückende Aufgabe für die Menschen, für die Gemeinden, für die Gemeinschaften, für die Einrichtungen eines Pastoralen Raumes im Erzbistum Berlin!

Dieser Artikel erscheint in der neuen Ausgabe von „Auf dem Weg“, der Zeitung zum Pastoralen Prozess. Sie liegt ab diesem Wochenende wieder in allen Kirchen des Erzbistums aus und wird am Sonntag mit der neuen Ausgabe des „Tag des Herrn“ in den Pfarreikirchen verteilt. Online kann die Zeitung schon jetzt gelesen werden unter