Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Was hält unsere Gesellschaft zusammen?“Aufbruch im Pastoralen Raum: Eine Podiumsdiskussion mit Erzbischof Koch an der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder)

10. Mai 2017

Pater Theodor Wenzel M.Id. Foto: Herrmann

„Was hält unsere Gesellschaft zusammen? – Werte, Wissenschaft, Religion in der sich wandelnden Welt“, so lautet das Thema eines ganz besonderen Abends am kommenden Donnerstag, den 18. Mai, um 18 Uhr, im Senatssaal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Universität und Erzbistum begegnen sich bei einer Podiumsdiskussion im wissenschaftlichen Rahmen – ein besonderer Akzent im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ im Pastoralen Raum Frankfurt (Oder) – Buckow-Müncheberg – Fürstenwalde. Mit dem Moderator der Veranstaltung und Leiter des Pastoralen Raums, Pater Theodor Wenzel M.Id. vom Orden Missionare Identes, sprach im Vorfeld des Abends Alfred Herrmann.

Frage: Pater Theodor, Berlins Erzbischof Heiner Koch und Frankfurts Universitätspräsident Professor Alexander Wöll gemeinsam auf einem Podium. Wie kam es dazu?
Pater Theo: Am 19. Mai letzten Jahres eröffnete Erzbischof Koch unseren Pastoralen Raum Frankfurt (Oder) – Buckow-Müncheberg – Fürstenwalde. Eines der großen Themen bildete an diesem Tag die Studierendenseelsorge. Dabei entstand die Idee, einen Austausch mit wissenschaftlichem Vortrag für Interessierte der Universität in den Räumen der Pfarrei Heilig Kreuz zu organisieren. Im Laufe der Vorbereitungen machte uns der Präsident der Universität, Professor Wöll, das Angebot, einer gemeinsamen Veranstaltung im Senatssaal der Viadrina. Der Termin am Donnerstag fällt passend auf den Vorabend zum ersten Jahrestag der Gründung unseres Pastoralen Raums.

Frage: Die Universität kann als Ort kirchlichen Lebens innerhalb des Pastoralen Raums verstanden werden. Wie gestaltet sich bislang der Kontakt?
Pater Theo: Wir vom Seelsorgeteam und die Brüder und Schwestern der Ordensgemeinschaft gehen bereits seit vielen Jahren an die Uni. Das sind allerdings vor allem einzelne, punktuelle Begegnungen. Daneben gibt es während des Semesters wöchentliche Treffen, zu denen auf deutscher Seite vielleicht drei und auf polnischer 15 bis 20 Studierende kommen.

Frage: Wie sieht die Pfarrei die Herausforderung Universität?
Pater Theo: In der Gemeinde herrscht zurückhaltende Skepsis vor allem auch mit Blick auf die personellen Ressourcen. Umso wichtiger ist es, dass die Studierendenseelsorge in den Pastoralen Prozess eingebunden wird und im Pastoralkonzept seinen Platz findet. Ich bin davon überzeugt, wenn wir als Kirche die Studierenden intensiver ansprechen, wird das auch unseren Pastoralen Raum bereichern. So könnten wir die Studierendenseelsorge in die Jugendarbeit des Pastoralen Raumes einbeziehen, so dass sich beide Bereiche gegenseitig befruchten.

„Wenn wir als Kirche die Studierenden intensiver ansprechen, wird das auch unseren Pastoralen Raum bereichern.“

Frage: Sie denken weiter?
Pater Theo: Die Studierendenseelsorge im Erzbistum Berlin ist ein zentrales Anliegen von Erzbischof Koch. Er richtet den Blick nicht allein auf die wenigen hundert christlichen Studierenden, sondern auf den gesamten Universitätsbetrieb, auf die vielen tausend Studierenden an den Hochschulen im Erzbistum, in Berlin, Potsdam, Greifswald und eben Frankfurt (Oder). Das sehe ich genauso. Da sind einmal die 200 bis 300 Studierenden der Viadrina, die zwar in der Kartei unserer Pfarrei stehen, allerdings sonst kaum in Erscheinung treten. Und da sind die 80 Prozent Nichtchristen, Nichtgetaufte an einer Uni, denen wir als Kirche auch etwas zu sagen haben und für die wir da sein sollten.

Frage: Wen wollen sie mit dem Podiumsgespräch also ansprechen?
Pater Theo: Die Überlegungen zielen darauf ab, an einem zentralen gesellschaftlichen Ort im Sozialraum unseres Pastoralen Raums breiter anzudocken, eine Verbindung aufzubauen und Berührungsängste abzubauen. Wir haben daher breitflächig eingeladen, die Professoren, den AStA, die Kirchengemeinden, aber auch ganz allgemein in die Stadt hinein.

Frage: Die Kirche zeigt: Auch wir haben einen Inhalt zu setzen an diesem wissenschaftlichen Ort?
Pater Theo: Wir können mit dem Evangelium und unseren geistlichen Inhalten im offiziellen Betrieb einer Universität, bei Professoren und Studierenden, nur sehr schwer ankommen. Als Pater der Ordensgemeinschaft Missionare Identes, die sich im Besonderen der Akademikerseelsorge annimmt, spreche ich da aus Erfahrung. Ein Kontakt gelingt vor allem immer dann, wenn er über die Wissenschaft entsteht, über philosophische oder allgemeinwissenschaftliche Themen. Wenn wir auf diesem Weg in den Austausch treten, entsteht vielleicht ein geistliches Nachfragen, ein geistliches Interesse.

„Auf einmal waren ganz viele Menschen da, die helfen wollten und sich berufen fühlten.“

Frage: Das Thema des Abends lautet: „Was hält die Gesellschaft zusammen?“ Was erwartet die Interessierten?
Pater Theo: Nach einem einleitenden Impuls von Erzbischof Koch diskutieren unser Erzbischof, Universitätspräsident Wöll, der CDU-Bundestagsabgeordnete und Katholik unserer Pfarrei Martin Patzelt, die Diözesan-Caritasdirektorin Professorin Ulrike Kostka und der Sozialanthropologe Professor Werner Schiffauer zum Thema „Was hält die Gesellschaft zusammen?“. In der Vorbereitung haben wir lange an diesem Titel gefeilt. Religion und Kultur und Wissenschaft, ja die Gesellschaft allgemein steht vor der zunehmenden Herausforderung, gemeinsames Leben zu ermöglichen und zu gestalten. Caritasdirektorin Kostka wird sicherlich auf das Thema Migration eingehen und daran zeigen, welch großartige Möglichkeiten gerade die Kirche besitzt, der Einheit der Gesellschaft zu dienen. Professor Schiffauer würde ich gerne fragen, was aus seiner Sicht den Zusammenhalt des Islam in der heutigen Zeit ermöglicht.

Frage: Gerade jetzt, rund um entscheidende Wahlen, wird vermehrt von Rissen in der Gesellschaft gesprochen. Wo ist ein gemeinsamer Konsens zu finden?
Pater Theo: Dieser liegt, so glaube ich, vor allem im Menschsein allgemein. Wenn ich Menschen mit Blick auf ihr Menschsein auf Liebe und Freundschaft anspreche, ohne es philosophisch und theologisch auszuschlachten, dann erlebe ich eigentlich immer, dass es zu einem gemeinsamen, konstruktiven Austausch kommt.

Frage: Können Religion oder Werte oder Wissenschaft der Kitt unserer Gesellschaft sein?
Pater Theo: Keiner allein, aber vielleicht alle zusammen. Wenn sich jeder öffnet, die Werte für die Notwendigkeiten der Menschen, die Religion für die Sorgen und Sehnsüchte, die Wissenschaft für den Dienst an der Gesellschaft, dann wird von ganz alleine der Zusammenhalt gefördert.

Frage: Der Migrationsforscher Professor Werner Schiffauer sieht die Zivilgesellschaft im Aufbruch, dank der Flüchtlingskrise...
Pater Theo: Da würde ich ein ganz dickes Ausrufezeichen dahinter setzen. Angefangen dabei, dass Flüchtlinge in unsere Sonntagsgottesdienste kommen, dass wir auch diesbezüglich einen Austausch mit Vertretern der evangelischen Gemeinden begonnen haben, dass sich ein Integrationsausschuss im Pfarrgemeinderat gebildet hat, dass ein Ruck durch die Gemeinde ging, als wir zwei Flüchtlingsfamilien in unserem Pfarrhaus Platz geben wollten. Ein nicht unerheblicher Teil unseres Gemeindelebens und -handelns wurde durch das Kommen der Flüchtlinge konstruktiv, ja positiv aufgerüttelt.

„Es gilt, das Ehrenamt neu zu organisieren und neu zu strukturieren.“

Frage: Das Ehrenamt sei durch die Flüchtlingskrise völlig neu erfunden worden, Menschen, die sich sonst kaum engagiert haben, sind neu dazugekommen...
Pater Theo: Das habe ich in Frankfurt erlebt. Auf einmal waren ganz viele Menschen da, die helfen wollten und sich berufen fühlten. Sie haben erkannt: „Ich werde hier gebraucht.“ Damit sind wir mitten im Thema: „Was hält unsere Gesellschaft zusammen?“ Wenn jeder einzelne weiß, er wird gebraucht, wenn jeder einzelne weiß, was er für den anderen noch tun muss, wenn er abends nach Hause kommt, dann sind wir in einem Fahrwasser des Zusammenhalts, das eine enorme Kraft sowohl nach Innen als auch nach Außen entwickelt. Für den Nächsten da zu sein, das kann der Kitt für die Gesellschaft sein.

Frage: Was bedeutet das für die Kirche und für den Pastoralen Prozess hier im Erzbistum?
Pater Theo: Wenn Professor Schiffauer formuliert, dass das Ehrenamt neu entdeckt wurde, dann ist vor allem das „neu“ zu unterstreichen. Das gilt für die Gesellschaft wie für die Kirche gleichermaßen. Wir haben nach der Wiedervereinigung den Fehler gemacht, zu viel den Hauptamtlichen zu übertragen. Der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ zielt nun wieder in die andere Richtung. Das ist ein energieaufreibender Prozess, aber notwendig. Es gilt also, das Ehrenamt neu zu organisieren und neu zu strukturieren. Denn die Menschen sind nicht nur freier geworden, sondern auch „intellektueller“ und „aufgeklärter“. Sie gehen an das, was sie tun oder lassen, ganz anders ran, als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Frage: In welche Richtung sollte Ihrer Meinung nach diese Neuorganisation gehen?
Pater Theo: „Was hält unsere Gesellschaft zusammen?“ Neben der einen Antwort, wie jeder für den anderen da ist, gibt es noch eine zweite, ergänzende: wie jeder einzelne für sich wertvoll ist und wie jeder einzelne gefördert werden kann, mit seinen ganz persönlichen Fähigkeiten. Das können mit Blick auf die Gesellschaft die verschiedenen Berufe sein. Kirchlich gesehen, bezieht es sich auf die verschiedenen Berufungen. Für mich ist in diesem Prozess eine Pastoral zentral, die sich an Charismen orientiert und Partizipation ermöglicht, geht es doch darum, wie sich jeder einzelne auf seine Art und nach dem Willen Gottes mit seinen Begabungen und Talenten, mit seiner persönlichen Berufung als Teil des mystischen Leibes Christi in die Gemeinschaft einbringen kann.


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