Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Beziehungen brauchen ZeitDr. Daniela Bethge und Benedikt Zimmermann über die Ergebnisse des Projekts „Caritas rund um den Kirchturm“

20. Juni 2017

Dr. Daniela Bethge und Benedikt Zimmermann. Foto: Herrmann

Um Caritas und Pastoral im Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ neu aufeinander auszurichten, startete im Oktober 2014 das Projekt „Caritas rund um den Kirchturm – Kirche mitten unter den Menschen“. Im April 2017 endete die Laufzeit. Nun wird der Übergang gestaltet. Über das Projekt und seine Ergebnisse sprach Alfred Herrmann mit den Projektverantwortlichen Dr. Daniela Bethge vom Caritasverband für das Erzbistum Berlin und Benedikt Zimmermann vom Erzbischöflichen Ordinariat.

Frage: Mit welchen Zielen sind Sie im Herbst 2014 angetreten?

Bethge: Die Grundüberlegung des Projekts „Caritas rund um den Kirchturm“ war und ist es auch heute noch: die verbandliche Caritas in ihrem Engagement in den Pastoralen Räumen zu stärken und sie in ihrer Netzwerkarbeit als Ort kirchlichen Lebens zu begleiten. So sollte in jedem Pastoralen Raum ein Ansprechpartner von der verbandlichen Caritas benannt werden, der in der Entwicklungsphase des Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ konkret mitarbeitet. Das Fachkonzept der Sozialraumorientierung sollte für die Arbeit der verbandlichen Caritas und der pastoralen Arbeit in den Kirchengemeinden zugänglich gemacht werden. In drei Modellregionen sollten Sozialarbeiter konkret erproben, wie die Vernetzung der Caritas mit den Kirchengemeinden und weiteren Orten kirchlichen Lebens funktioniert.
Zimmermann: Es ging uns immer darum, Vorbehalte für eine Zusammenarbeit auf Seiten der Caritas wie auch auf Seiten der Pastoral abzubauen, gemeinsame Veranstaltungen zu entwickeln und durchzuführen, das Zusammendenken und Zusammenwirken auf kleinen und großen Ebenen zu fördern, Caritasdienste und -einrichtungen als Orte kirchlichen Lebens bekannt zu machen sowie ihre Vernetzung mit- und untereinander zu unterstützen.

Frage: Wenn Sie auf die vergangenen zweieinhalb Jahre zurückblicken, was sehen Sie an zentralen Ergebnissen?

Bethge: Das zentralste Ergebnis ist vielleicht, dass beide Seiten, Kirchengemeinden wie auch Caritasmitarbeitende, gelernt haben: Caritas ist Kirche. Caritasarbeit geschieht im Auftrag der Kirche. In der verbandlichen Caritas arbeiten Menschen, die, egal ob getauft oder religionslos, im Auftrag der Kirche fachlich sachverständig Menschen in Not helfen. Das war nicht immer klar. Das Zweite ist: Zusammenarbeit muss wachsen. Beziehungen brauchen Zeit. Ohne Geduld, Beharrlichkeit und Gelassenheit geht es nicht. Und: Beziehungen entstehen nicht durch Sitzungen, sondern durch Gespräche, durch ausgiebiges zuhören: Wer ist der andere? Was sind seine Interessen? Daraus ergeben sich Anknüpfungspunkte, aus denen etwas wachsen kann.

 

„Beide Seiten, Kirchengemeinden wie auch Caritasmitarbeitende, gelernt haben: Caritas ist Kirche.“

 

Frage: Welche Probleme haben sich gezeigt?

Zimmermann: Die zum Großteil ehrenamtlich funktionierende Gemeinde und die vornehmlich mit hauptberuflichen Mitarbeitenden funktionierende Caritas arbeiten nach zwei grundverschiedenen Prinzipien. Das eine ist eine Freizeitlogik, wo das meiste nach Feierabend stattfindet und Interessengeleitet ist. Das andere ist die Logik der Arbeitswelt, wo Fallzahlen und Klientenkontakte vorgewiesen werden müssen und in der Regel tagsüber von Montag bis Freitag gearbeitet wird.
Bethge: Das vielleicht zentralste Problem ist: Caritasmitarbeitende beherrschen oftmals nicht die Sprache, die in Kirchengemeinden und in der Pastoral gesprochen wird. Allein in Vorpommern sind rund 80 Prozent der Mitarbeitenden religionslos. Worte wie Pastoral, Eucharistie, Exerzitien und
Liturgie bleiben Fremdworte. Was ist ein Pastoraler Raum, eine Pfarrei, eine Gemeinde? Woher soll dieses Wissen kommen, wenn man nicht im kirchlichen Umfeld sozialisiert wurde. Umgekehrt ist das übrigens nicht anders. Auch das „Fachchinesisch“ der Caritas wird in den Gemeinden nicht verstanden. Wichtig ist deshalb, dass beide Seiten ein Gefühl dafür entwickeln, dass jeder Bereich Worte benutzt, bei denen der andere nicht weiß, was damit gemeint ist. Daran haben wir gearbeitet. Und es ist noch viel zu tun.

Frage: Wie haben Sie das gemacht?

Zimmermann: Zum Beispiel habe ich im Seniorenzentrum der Caritas-Altenhilfe in Frankfurt (Oder) unsere Arbeit der Leitungsrunde vorgestellt und anderthalbstündige Fortbildungen für die Belegschaft angeboten, unter anderem zum Thema: „Was ist Barmherzigkeit?“ Es kamen zirka 30 Mitarbeitende über Barmherzigkeit ins Gespräch, von denen viele überhaupt nichts mit Kirche, Glaube und Christentum zu tun hatten.
Bethge: Was wir insgesamt feststellen konnten: es braucht regelmäßige Klärungs- und Profilkurse für Caritasmitarbeitende, eine Art „ABC des Christentums“, die ganz selbstverständlich und verpflichtend wie eine jährliche Brandschutzübung sind. Denn über den kirchlichen Kontext meines Arbeitgebers Bescheid zu wissen, gehört zur Fachlichkeit und ist nicht allein etwas Persönliches, was man mit sich ausmacht. Die Caritas ist ein Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, Mitarbeitende müssen daher wissen, was Kirche ist, wie sie funktioniert und was in Kirche läuft. Und was hat das Ganze „mit dem lieben Gott“ zu tun hat.

Frage: Warum wissen Caritasmitarbeitende so wenig über die Situation von Kirchengemeinden?

Bethge: Das Erzbistum Berlin erstreckt sich über sehr säkulares Gebiet. Nur sieben Prozent der Einwohner bekennen sich formal zur römisch-katholischen Kirche. Alle anderen sind „normal“! Sie sind vor allem religionslos oder einer anderen Konfession oder Religion zugehörig. Das schlägt sich natürlich auch in der Mitarbeiterschaft der Caritas nieder. Für viele kommt katholische Kirche in ihrer Lebenslogik nicht vor. Und dennoch: diese Menschen arbeiten – Gott sei Dank – für unsere Kirche. Das heißt aber auch, ich muss als Arbeitgeber die Möglichkeit schaffen – und da geht es nicht um Missionieren und Taufschein, sondern um Basiswissen –, dass meine Mitarbeitenden mehr über Kirche, ihre Strukturen und Inhalte erfahren. Die Caritas hat aus meiner Sicht hier Nachholbedarf: Was meinen wir, wenn wir von christlichen Werten sprechen? Wie kommt das Evangelium in die Organisation? Was bedeutet es, als Caritas mit religiösen und religionslosen Mitarbeitenden den Auftrag der Kirche – Zeichen und Werkzeug für das wachsende Reich Gottes zu sein – wahrzunehmen?

 

„Was bedeutet es, als Caritas mit religiösen und religionslosen Mitarbeitenden den Auftrag der Kirche – Zeichen und Werkzeug für das wachsende Reich Gottes zu sein – wahrzunehmen?“

 

Frage: Und umgekehrt? Wie können Kirchengemeinden mehr über die Lebenswirklichkeit der Caritas erfahren?

Zimmermann: Der traditionelle Caritassonntag im Herbst könnte besser genutzt werden, zum Beispiel indem Mitarbeitende der Caritas in der Sonntagsmesse von ihrer Arbeit erzählen, im Anschluss für Einzelgespräche zur Verfügung stehen, eventuell sogar in Verbindung mit einem Kirchencafé. In diesem Sinne lautet ein Motto für den letzten und kommenden Caritassonntag: „Lernen Sie uns kennen, wir sehen uns im Gottesdienst“. In manchen Gemeinden ist solch ein Denken längst selbstverständlich und der Caritassonntag ein Kennlernsonntag. Andere belassen es ohne großen Kommentar bei einem Caritas-Kollektensonntag.
Bethge: Oder blicken wir auf die Ausbildung pastoraler Berufe: Mitarbeitende der Pastoral werden vor allem in ihren Pastoralmilieus geprägt, in Theologie- und Religionspädagogikstudium, Priesterseminar und Bewerbendenkreis. Hilfreich wären daher gemeinsame Lern- und Erfahrungsräume, die bereits in der Ausbildung verankert sind, vielleicht gemeinsame Werkwochen oder ein längeres Praktikum in einem der Dienste der Caritas. Auch täte es der Pastoral in den Gemeinden gut, sich das ein oder andere bei der Caritas abzuschauen, zum Beispiel konkrete Ziele zu definieren, die in einem abgegrenzten Zeitraum erreichbar sind. Das ist in der Pastoral bislang nicht überall üblich. Aber auch die Caritas kann noch viel dazu lernen.
Zimmermann: Es braucht eine Haltungsänderung. Zu viele sind noch auf Bewahrung ausgerichtet: nichts aufgeben, alles beibehalten. Heute stehen wir in der Pastoral vor der Herausforderung, etwas komplett neu zu denken. Das muss in die Köpfe und die Herzen rein, um dann wirklich etwas neu angehen zu können. Dabei können die Begegnung mit der Caritas und die Auseinandersetzung mit dem Sozialraum helfen, dessen Teil die Kirchengemeinde ist.

Frage: Warum hat sich dieses Nebeneinander so lange halten können?

Zimmermann: Das hat mit Ängsten zu tun, sein Alleinstellungsmerkmal zu verlieren: „Für die Seelsorge bin doch ich zuständig und die soziale Arbeit machst doch allein du?“ Wenn aber jemand in einer Allgemeinen Sozialberatung Menschen mit Ängsten, Sorgen und Nöten berät, ihnen zuhört, sie unterstützt, ist das in meiner Wahrnehmung auch Sorge um die Seele. Und wenn Ehrenamtliche der Pfarrei Senioren besuchen und ihnen helfen, dann ist das ein Aspekt von sozialer Arbeit. Wichtig ist: Der Gedanke der Kooperation muss den der Konkurrenz ablösen. Entweder wir engagieren uns miteinander, dann werden – jetzt kirchlich gesprochen – die Früchte größer sein, oder es bleibt beim Nebeneinander zweier verschiedener Player.
Bethge: Dass es Miteinander besser geht, zeigt sich für mich beispielsweise morgen Vormittag. Da fahre ich nach Pasewalk, um mit Pater Gregor Mazur, Pfarrer von St. Otto, Klaudia Wildner-Schipek, Projektreferentin von „Glauben ohne Grenzen“ und Burghardt Siperko, Caritas-Regionalleiter für Vorpommern, gemeinsam zu beraten, welche konkreten Projekte wir in diesem Gebiet gemeinsam entwickeln können. Eine Art gemeinsame Fortbildung für Beschäftigte der Pastoral und der Caritas ist im Gespräch. Dass Verantwortliche aus beiden Bereichen bereits in der Ideenphase zusammenarbeiten, ist eine Frucht der beharrlichen Arbeit von „Caritas rund um den Kirchturm“.

Frage: Haben sie noch weitere Beispiele neu gewachsener Zusammenarbeit von Pastoral und Caritas?

Zimmermann: Beispiele gibt es viele: so entstand in Müncheberg die Idee für ein Begegnungszentrum. Es werden nun Räumlichkeiten im bisherigen Gemeindezentrum entwickelt, die von unterschiedlichsten Institutionen und Personen genutzt werden, die im Sozialraum aktiv sind, von der Kirchengemeinde, der Caritas, vom Jugendamt, von der Deutschen Rentenversicherung. Ein anderes Beispiel ist der CARIsatt-Laden in Frankfurt (Oder), der im Erntedank-Gottesdienst erfolgreich zu einer Lebensmittelsammlung aufrief. Oder in Fürstenwalde: dort haben Mitarbeiter der Caritas die Sternsinger begleitetet.
Bethge: In Pasewalk kommt mittlerweile Anfang des Jahres der Pfarrer in die Räume der Caritas, um sie zu segnen. Dabei erklärt er in einfacher Sprache, was er da tut und was Segen bedeutet.
Zimmermann: Insgesamt haben wir von „Caritas rund um den Kirchturm“ mehr als 130 Veranstaltungen organisiert und damit über 3.000 Menschen erreicht. Erinnern möchte ich an den ersten Caritas-Pastoral-Tag im Erzbistum Berlin im letzten Jahr, den Sozialraumorientierungsfachtag oder das „Forum Ehrenamt und Engagement“ mit dem Thema „Entspannt engagiert“ im letzten November. Bei allen genannten Beispielen haben bereits Caritas und Pastoral gemeinsam die Federführung. Daneben hielten wir Fortbildungen für die verschiedenen Dienste der Caritas ab, für die Wohnungslosenhilfe, für Migration, Suchtberatung, Armut.

 

„Wichtig ist: Der Gedanke der Kooperation muss den der Konkurrenz ablösen!“

 

Fragen: Sie sprachen zu Beginn von den Modellregionen …

Bethge: Ja, wir haben in drei Modellregionen, den Pastoralen Räumen Berlin Tiergarten-Wedding für Berlin, Frankfurt (Oder) – Buckow-Müncheberg – Fürstenwalde für das Land Brandenburg sowie Pasewalk/Hoppenwalde für Vorpommern, reichlich Erfahrung gesammelt, wie Mitarbeitende der Caritas vor Ort die Vernetzung mit den Kirchengemeinden umsetzen können. Dafür wurden eigens Sozialarbeiter mit Stellenanteilen und Stundenkontingenten ausgestattet, um sich dieser Aufgabe anzunehmen.
Zimmermann: Diese Sozialarbeiter, Thomas Thieme in Fürstenwalde und Maria Streichert in Frankfurt (Oder), Rita Kampe in Berlin Tiergarten-Wedding und Laura Lenard in Pasewalk und Löcknitz, sind alle in den Pastoralausschüssen aktiv und denken dort Caritas im Pastoralen Prozess mit. Umgekehrt bringen sie das Thema „Wo Glauben Raum gewinnt“ auch in die Caritas-Einrichtungen, in die Dienststellen und die Leitungssitzungen mit ein. So können Interessen und Anliegen geäußert und an den jeweiligen Stellen eingebracht werden.

Frage: Wie geht es damit nun weiter?

Bethge: Caritas und Pastoral werden weiterhin zusammenarbeiten. Die Bereiche des Projektes sollen nun „in Regelstrukturen“ überführt werden. Beispielsweise wird es in jedem Pastoralen Raum für die Gemeinden und anderen Orte kirchlichen Lebens bis Ende des Jahres einen Caritas-Ansprechpartner geben. Diese Funktion, ein Bindeglied zwischen Caritas und Pastoral, soll über die Entwicklungsphase hinaus in den neuen Pfarreien erhalten bleiben.

 

„Die Bereiche des Projektes sollen nun ,in Regelstrukturen' überführt werden.“

 

Frage: Wird es weiterhin auch eine Stelle auf Ebene des Diözesanverbandes geben?

Bethge: Natürlich muss es auch hier im Haus [Zentrale des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e. V., Residenzstraße 90; Anm. d. Red.] etwas geben. Meiner Meinung nach sollte sich die Caritas intern in zwei Themenfeldern intensiver aufstellen, in „Theologie und Spiritualität“ sowie in „Caritas in Pastoralen Räumen und diakonischer Kirchenentwicklung“. Daran wird bereits in der Caritas-Leitungsrunde gearbeitet. Darüber hinaus bräuchte es einen Partner für das Thema „diakonische Kirchenentwicklung und Seelsorge“ im Dezernat Seelsorge des Erzbischöflichen Ordinariats. Dort gibt es beispielsweise jemanden für Liturgie, für missionarische Pastoral oder für die Citypastoral aber noch keine formal beauftragte Kontaktperson für die Caritas. Mein Traum wäre jemand, der sich dort dem Themenfeld diakonische Pastoral widmet.

Frage: Frau Dr. Bethge, Sie hatten die Projektleitung inne. Wie lautet Ihr Resümee?

Bethge: Der Blick über den „eigenen Tellerrand“ hilft mir, Dinge besser einzuschätzen. Bundesweit betrachtet kann sich die Kirchenentwicklung im Erzbistum Berlin unter dem Motto „Wo Glauben Raum gewinnt“ im Bereich der Zusammenarbeit zwischen Caritas und Pastoral beziehungsweise Seelsorge gut sehen lassen. Viele meiner Caritas-Kollegen aus anderen Diözesen staunen, was wir hier im Erzbistum Berlin alles gemeinsam machen. Das macht mich glücklich, dankbar und auch ein bisschen stolz.