Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Gelebte VielfaltErzbischof Koch erkundet den Pastoralen Raum Berlin Wuhle-Spree

04. Juli 2017 Alfred Herrmann

Die Stimmung ist gelöst: Pater Otto (r.) begrüßt Erzbischof Koch in Marzahn. Foto: Herrmann

Klaus-Peter Kaschubowski, Pfarrer im Ruhestand, erklärt Kirche und expressionistisches Kreuz. Foto: Herrmann

Erzbischof Heiner Koch hört aufmerksam zu und fragt gezielt nach. Foto: Herrmann

Der Erzbischof erkundet nicht allein. Begleitet wird er u. a. durch Generalvikar Pater Kollig und das Leitungsteam. Foto: Herrmann

Der Empfang ist überall herzlich: hier im Don-Bosco-Zentrum in Marzahn. Foto: Herrmann

Kurz vor Zwölf rollt der blaue Kleinbus auf den Parkplatz der Kirche „Von der Verklärung des Herrn“ in Berlin-Marzahn. Die Stimmung ist gelöst, als Erzbischof Heiner Koch und Generalvikar Pater Manfred Kollig, Pater Martin Benning, Gemeindereferentin Susanne Siegert und Markus Weber von der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ aussteigen. Salesianerpater Franz-Ulrich Otto begrüßt sie im Namen der Pfarrei. Dann bahnt sich die Delegation zügig ihren Weg durch die Gemeinderäume in die Kirche. Nach einem Moment der Stille beten alle den Engel des Herrn.

Einen Tag lang erkundet Erzbischof Koch den neuen Pastoralen Raum Berlin Wuhle-Spree, Heimat von knapp 12.000 katholischen Christen. Morgens um acht Uhr begann seine Tour in St. Martin, der Pfarrkirche von Kaulsdorf. Um 19 Uhr wird er den feierlichen Eröffnungsgottesdienst in St. Marien Karlshorst zelebrieren. Dazwischen liegen, eng getaktet, zahlreiche Stationen: sechs Kirchen und Gottesdienstorte der vier Pfarreien in Biesdorf, Kaulsdorf, Marzahn und Friedrichsfelde sowie ausgewählte Orte kirchlichen Lebens von der Kita St. Martin über den Konvent der Missionsärztlichen Schwestern, den Migrationsdienst der Caritas, die Katholische Hochschule für Sozialwesen, das Seniorenstift St. Antonius der Marienschwestern von der Unbefleckten Empfängnis hin zum Mädchen- und Frauentreff von IN VIA.

Die Gemeinde in Marzahn befindet sich im Übergang. Anfang August kommt der neue Pfarrer, erneut ein Salesianer. Daher berichtet der im Ruhestand lebende, langjähre Pfarrer, Klaus-Peter Kaschubowski, über die Pfarrei, die Kirche und das imposante, expressionistische Altarkreuz. Unterstützt wird er von Dr. Uwe Döll und Manfred Pesch vom Kirchenvorstand. Auch Dekanatskirchenmusiker Sebastian Sommer ist gekommen. Er sieht im Pastoralen Raum Chancen für die Kirchenmusik. „Wenn wir unsere Kräfte bündeln, lässt sich manches Format anpacken, was ein Kirchenchor bislang allein nicht stemmen konnte.“ Wie gut Kooperation über Gemeindegrenzen hinweg funktionieren kann, weiß Sommer aus Erfahrung. Seit 2008 tragen evangelische und katholische Gemeinde mit der Ökumenischen Kantorei Marzahn gemeinsam den Kirchenchor.

Kräfte bündeln

Nach 20 Minuten macht sich der Tross um Erzbischof Koch wieder auf. Ein paar Straßen weiter, auf der anderen Seite von Märkischer Allee und S-Bahn gibt es Mittagessen im Don-Bosco-Zentrum. Gemeinsam betreiben hier die Ordensgemeinschaften der Salesianer Don Boscos und der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel die „Manege gGmbH“. Fast 60 Mitarbeitende helfen benachteiligten Jugendlichen, die nur schwer in der Arbeitswelt Fuß fassen.

Zwischen Pfarrei und Don-Bosco-Haus bestehen mittlerweile zahlreiche Berührungspunkte. „Uns ist es ein Anliegen, zwischen unseren Jugendlichen, die in der Regel fernab jeder Religiosität leben, und der Pfarrgemeinde eine Verbindung aufzubauen“, betont Pater Franz-Ulrich Otto, Direktor des Salesianer-Konvents. So feiern zum Beispiel Einrichtung und Pfarrei einmal im Jahr gemeinsam das Don-Bosco-Fest, oder es finden pro Woche zwei Werktagsgottesdienste der Pfarrei in der Hauskapelle der Manege statt. Eine wichtige Brücke bildet der Pfarrer. Er lebt nicht im Pfarrhaus, sondern mit seinen Mitbrüdern im Don-Bosco-Haus. „Wichtig ist, dass wir gemeinsam füreinander einstehen.“ Pater Otto sieht im Don-Bosco-Haus einen zentralen Zeugnisort von Kirche mitten in der Gesellschaft, insbesondere in einem Berliner Bezirk, in dem weit über 80 Prozent der Bevölkerung keiner Religion angehört. „Mit der Manege geben wir Kirche ein Gesicht. Wir zeigen den Menschen, die keiner Religion angehören: die Kirche ist für die Menschen da.“

Am Mittagstisch hat auch Schwester Alicja Piszczek Platz genommen. Die Steyler-Missionsschwester lebt mit einer Mitschwester vorübergehend im Don-Bosco-Haus. Gemeinsam mit den beiden Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel und den fünf Salesianern leben hier drei Ordensgemeinschaften unter einem Dach – ein Pastoraler Raum in klein. „Die Gemeinschaften unterstützen sich im Gebet und im Alltag“, bewertet Schwester Alicja die außergewöhnliche Lebenssituation positiv. „Wir erfahren im Zusammenleben, dass es verschiedene Charismen gibt, die sich ergänzen und voneinander lernen können.“ Sie selbst bringt reichlich Erfahrung mit, was einen Pastoralen Prozess betrifft. Bis vor einem Jahr wirkte sie im Erzbistum Freiburg, in Bötzingen am Kaiserstuhl. Dort erlebte sie mit, wie zwei Pfarreien aus acht Ortschaften zu einer Seelsorgeeinheit zusammenwuchsen. „Ich fand das bereichernd. Allein schon durch die Eucharistiefeiern an verschiedenen Orten hat sich unser Horizont erweitert.“

Sauerteig sein

Pater Benning und Susanne Siegert begleiten Erzbischof Koch während seiner Tour. Der Pfarrer von Zum Guten Hirten Friedrichsfelde und die Gemeindereferentin von St. Martin Kaulsdorf bilden ein Leitungsteam für den Pastoralen Prozess im Pastoralen Raum Wuhle-Spree. „Wir leben hier in einem sehr vielfältigen Pastoraler Raum mit unterschiedlichen Sozialstrukturen“, hebt Pater Benning hervor. „Wir haben bürgerliche Viertel in Karlshorst, Kaulsdorf oder Biesdorf, Plattenbauviertel in Marzahn und Friedrichsfelde. Es gibt Gemeinden mit viel jungem Leben und traditionell geprägte Pfarreien. Hinzu kommen verschiedenste Orte kirchlichen Lebens, von der Katholischen Hochschule über das Priesterseminar des Neokatechumenats, dem Hospizdienst der Malteser bis zur Wohnungslosenhilfe der Caritas.“

Die Diaspora-Situation sieht der Oblatenmissionar als zentrale Anfrage für die Entwicklungsphase. „Wir versuchen schon jetzt, Sauerteig zu sein“, plädiert Pater Benning für eine größere Offenheit der Gemeinden. „Die Menschen sollen spüren: wir laden euch vorbehaltlos ein, kommt und schaut, habt keine Angst, wir vereinnahmen euch nicht.“ Die große Angst der Menschen ganz im Osten der Stadt sei, immer noch beeindruckt von der DDR-Zeit, in ihrem Dasein von jemandem anderen in Beschlag genommen zu werden. „Die Freiheit ist hier etwas ungeheuer Wichtiges. Und Kirche hat leider den Geruch, diese Freiheit wieder einzugrenzen. Das müssen wir überwinden mit einladenden und offenen Gemeinden.“

Kein einheitlicher Weg für alle

Ähnlich denkt auch Erzbischof Koch. Seit Januar 2016 absolvierte das Oberhaupt der Kirche von Berlin bereits 23 Erkundungstouren durch bestehende und entstehende Pastorale Räume. „Das Erzbistum ist sehr verschieden“, resümiert er, „in der Prignitz leben die Menschen anders als in Frankfurt (Oder), in Greifswald anders als in Berlin-Dahlem.“ Der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ dürfe daher keinen einheitlichen Weg vorschreiben, sondern müsse gelebte Vielfalt ermöglichen: „Wir können in diesem Erzbistum nicht von dem einen pastoralen, strukturellen oder finanziellen Weg sprechen, der für alle zu gelten hat.“

Das erfordere, so der Erzbischof, dass die Verantwortlichen vor Ort selbst die Initiative ergreifen und ihren Raum gestalten. Das Erzbistum müsse dafür den notwendigen Freiraum eröffnen, während in den Pastoralen Räumen „verantwortliche ehrenamtliche Laien gebraucht werden, die diese Verantwortung auch annehmen und nicht mit der Erwartungshaltung kommen: was bietet ihr uns?“ Das alles funktioniere allerdings nur, wenn man die eigenen Ressourcen im Blick behalte, sprich die begrenzten finanziellen Mittel wie auch die begrenzte Zahl engagierter Katholiken in einem Diaspora-Bistum wie Berlin: „Es gibt so viel Not, wir könnten so viel machen. Aber wir kommen immer wieder an unsere Grenzen. Daher gehört es auch zu unserem Glauben, dass wir das, was wir tun können, tun und das, was nicht geht, der Gnade Gottes überlassen.“