Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Vom Berliner Ostbahnhof zur Ostsee auf Rügen Vier Projekte für „Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen“ ausgewählt

13. Juli 2017 Alfred Herrmann

Das Modellprojekt "Fundraisingentwicklung im Pastoralen Raum" geht an den Start.

Uta Bolze Foto: Herrmann

„Es haben sich wirklich tolle Projekte beworben, die es eigentlich alle verdient hätten, an dem Modellprojekt ,Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen‘ teilzunehmen“, zeigt sich Uta Bolze beeindruckt. „Es war nicht einfach, sich für vier Projekte zu entscheiden, die nun an dem zweijährigen Modellprojekt teilnehmen dürfen“, betont die Koordinatorin für Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen.

Die Steuerungsgruppe „Fundraising-Entwicklung“, der unter anderem Generalvikar Pater Manfred Kollig, Uta Raabe, Leiterin des Dezernats Seelsorge, und Bernd Jünemann, Leiter des Dezernats Finanzen im Erzbischöflichen Ordinariat, angehören, legte sich in der vergangenen Woche auf folgende vier Projekte fest:

  • „Ambulanter Hospizdienst“ des Vereins „Hospizgruppe Demmin – Leben bis zuletzt“
  • „Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof“ von IN VIA im Pastoralen Raum Friedrichshain-Lichtenberg
  • „Ausbau der Gottesdienstzeiten und -Orte auf der Insel Rügen im Rahmen der Tourismuspastoral“ des Pastoralen Raums Stralsund/Rügen/Demmin
  • „Tage ethischer Orientierung (TEO)“ des BDKJ

Sie nehmen am Modellprojekt „Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen“ im Rahmen des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ teil.

Tourismuspastoral auf Rügen

Sebastian Tacke zeigte sich erfreut über die Zusage aus Berlin. Das Mitglied im Pastoralausschuss des Pastoralen Raums Stralsund/Rügen/Demmin hat das Projekt zur Tourismuspastoral auf Rügen mitausgearbeitet. „Jedes Jahr machen in unserem Pastoralen Raum mehr als zwei Millionen Menschen Urlaub, darunter 30.000 bis 50.000 Katholiken, die sonntags die Messe besuchen. Das können wir mit unserem bisherigen Gottesdienstangebot kaum auffangen.“ Angelehnt an die Erfahrungen der Urlauberseelsorge des Bistums Osnabrück, „Seelsorger am Meer“, plant der Pastorale Raum nun, Urlauberpriester zu gewinnen und so das Angebot an Gottesdienstzeiten und Gottesdienstorten auszuweiten.

„Ohne ein entsprechendes Fundraising bekommen wir das nicht hin“, weiß Tacke. „Denn um das Projekt umzusetzen, müssen wir Wohnungen für die Priester anmieten. Wir brauchen ein gezieltes Marketing, um Urlauberpriester und Urlaubsküster aus dem Bundesgebiet für uns zu gewinnen und um unser Angebot unter den Touristen bekannt zu machen. Dann fehlt es uns an einem Mitarbeiter, der Organisatorisches übernimmt.“ Tacke erhofft sich vom Modellprojekt „Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen“ das notwendige Knowhow, um die Finanzierung zu sichern und Menschen dafür zu begeistern.

Planungssicherheit für den Hospizdienst

Der Verein „Hospizgruppe Demmin – Leben bis zuletzt“ begleitet mit 25 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen zurzeit 37 schwerkranke Menschen. Nachdem die Caritas in diesem Frühjahr Demmin verlassen hat, musste sich der Verein neu aufstellen. Er mietete eigene Räume an und stellte eine Mitarbeiterin auf Stundenbasis ein. „Wir befinden uns im ersten Jahr unserer Neugründung“, berichtet Renate Koch, Vorsitzende des Vereins. „Ab Herbst planen wir, eine feste Koordinatorin einzustellen und ein Auto anzuschaffen. Dafür brauchen wir für die nächsten Jahre Planungssicherheit.“

Koch ist daher froh, dass die Wahl der Jury auf den ambulanten Hospizdienst fiel. Der Verein ist aus der Kirchengemeinde erwachsen und bis heute mit ihr eng verbunden. So sitzt Koch im Pfarrgemeinderat. Elf der 25 Ehrenamtlichen sind katholisch. „Zwar machen wir bereits viel Öffentlichkeitsarbeit und Spendenakquise, aber wir wollen durch das Modellprojekt Neues in diesem Bereich kennenlernen.“

Bahnhofsmission lebt vom Ehrenamt

Die IN VIA-Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof ist mit fast 125 Jahren die älteste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Neben dem Einwerben von Geldern gehe es ihnen bei der Teilnahme am Modellprojekt Fundraising vor allem darum, Ehrenamtliche für das Engagement am Ostbahnhof zu gewinnen, betont Astrid Gude von IN VIA. „Die Bahnhofsmission lebt vom Ehrenamt. Wir brauchen neben unseren hauptamtlichen Kräften mindestens vier Ehrenamtliche pro Tag, um den Betrieb, wie wir ihn uns vorstellen, zu gewährleisten.“

Gude hofft daher, mit Hilfe des Modellprojektes noch intensiver mit den Gemeinden des Pastoralen Raums Friedrichshain-Lichtenberg in Kontakt zu kommen. Mit der Pfarrei St. Antonius arbeitet der Ort kirchlichen Lebens von IN VIA bereits zusammen. So besuchen die Kommunionkinder die Bahnhofsmission und die Leitung der Einrichtung arbeitet im Pastoralausschuss mit. „Immer mittwochs findet mit ,Drei nach drei‘ eine kleine Andacht in unseren Räumen statt. Unseren Gästen ist das wichtig.“ Gude kann sich weitere spirituelle Angebote in der Bahnhofsmission vorstellen. Gut fände sie eine Messe einmal im Monat und sucht dafür einen Priester.

Türöffner für staatliche Schulen

„Uns geht es vor allem darum, Kontakt zu staatlichen Schulen aufzubauen und neue Menschen zu gewinnen, die bei uns als Teamer mitwirken“, steht für Helmut Janssen, Geistlicher Leiter des BDKJ-Berlin, beim Thema Fundraising die Frage nach der Akquise neuer finanzieller Mittel zunächst einmal hinten an. Der BDKJ hat sich mit den „Tagen ethischer Orientierung“ (TEO) um die Teilnahme am Modellprojekt beworben. TEO bildet ein Angebot des BDKJ für fünfte bis achte Klassen und ihre Lehrkräfte, das auf erlebnispädagogische Weise Werte und ethische Bildung vermittelt.

„TEO trägt sich, je mehr Klassen und Schulen mitmachen. Daher ist es wichtig, Wege zu suchen, wie wir die Idee an die Frau und den Mann bringen können“, formuliert Janssen seine Erwartungen an das Modellprojekt „Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen“. Was TEO für Pastorale Räume bedeuten kann? „TEO ist ein Türöffner für Kirche, um einfacher mit staatlichen Schulen in Verbindung zu treten.“ Über TEO böte sich die Möglichkeit, dass sich Ehrenamtliche aus den Gemeinden an staatlichen Schulen engagierten.  „Bislang kommen unsere ehrenamtlichen Teamer meist aus unserer Jugendverbandsarbeit. Warum sollen künftig nicht auch Ehrenamtliche aus den Gemeinden mithelfen, TEO an den Schulen durchzuführen?“

Qualifizierung und Begleitung

Am 22. September startet das zweijährige Modellprojekt „Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen“ mit einer Informationsveranstaltung. Ab Oktober werden die festen Teams von zwei bis drei ehrenamtlichen und hauptamtlichen Vertretern pro Projekt in drei dreitägigen Fortbildungsblöcken geschult. Daneben begleiten das Fundraisingbüro im Bistum Hildesheim (frb) und das in Aachen ansässige Zentrum für Systemisches Fundraising (ZSF) die vier Projekte direkt vor Ort. Sie beraten die vier Teams mit Coaching und Supervision bei der selbständigen Entwicklung eines Fundraising-Konzepts und dessen Umsetzung.

Am Ende soll jedoch nicht nur ein Gewinn für die vier Projekte stehen. Sie dienten anderen Initiativen in den Pastoralen Räumen als Lernbeispiele und Multiplikatoren, betont Uta Bolze. Es gehe darum, Fundraising-Wissen und -Erfahrung in die Pastoralen Räume zu bringen, um so wirksam die Arbeit vor Ort zu unterstützen. Auch das Erzbistum verspreche sich einen Lernerfolg vom Modellprojekt, so die Koordinatorin für Fundraising-Entwicklung in den Pastoralen Räumen: „Was macht Fundraising mit dem Ehrenamt? Wie verändert es unseren Blickwinkel und unsere Sprache? Welche Auswirkung hat es auf die Übernahme von Verantwortung? Und entsteht eine neue Kultur des Dankens?“ Die kommenden zwei Jahre werden spannend.

Weitere Informationen zum Modellprojekt