Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Mit dem Rad den Raum erfahrenKennenlernen: Der Pastoralausschuss Neukölln-Süd auf Erkundungstour durch Britz

19. Juli 2017 Alfred Herrmann

Mit dem Fahrrad durch Britz: Der Pastoralausschuss von Neukölln-Süd. Foto: Herrmann

Leiterin Bury (r.) führte durch die Kita Heilige Schutzengel. Foto: Herrmann

Norbert Jüngling berichtet über sein ehrenamtliches Engagement. Foto: Herrmann

Leiten im Team (v. l.): Pfarrer Pfeifroth, Inge Kerschkewicz und Wolfgang Klose. Foto: Herrmann

Im Raum der Stille im Klinikum Neukölln. Foto: Herrmann

Sergio Lugli berichtet über den Neokatechumenalen Weg. Foto: Herrmann

Vor Bruder Klaus: der Pastoralausschuss Neukölln-Süd. Foto: Herrmann

„Wir betreuen 50 Kinder im Alter von anderthalb Jahren bis zum Schuleintritt.“ Jeannette Bury führt den Pastoralausschuss des Pastoralen Raums Neukölln-Süd durch die Kita Heiliger Schutzengel in Berlin-Britz. Die Gruppe besichtigt den Kreativbereich, den Werkraum, den Sinnesbereich, die Entspannungsecke, den Essensraum. Die Kita vermittle die Inhalte des Berliner Bildungsprogramms und orientiere sich an der Montessori-Pädagogik, erklärt die Leiterin.

Die Kita befindet sich direkt hinter der ehemaligen Pfarrkirche Heilige Schutzengel. „Nach der Gemeindefusion mit Bruder Klaus 2003 wurde die Schutzengelkirche 2011 an die African christian church verkauft“, erklärt Wolfgang Klose. „Die Kita blieb dagegen der Pfarrei erhalten, die seitdem Träger von zwei Kitas ist.“ Nach einer kurzen Begrüßung bittet Klose alle aufzusatteln und der Wegkundigen Inge Kerschkewicz zu folgen. Wer nicht radeln kann, für den steht ein rapsgelber BONI-Bus bereit.

Mit dem Fahrrad erkundet der Pastoralausschuss von Neukölln-Süd an diesem Abend das Gebiet der Pfarrei Bruder Klaus in Britz. Im Frühjahr machte sich das Gremium bereits auf, die Pfarrei St. Dominicus in der Berliner Gropiusstadt zu erlaufen. Nach der Sommerpause wird der Ausschuss sich St. Joseph in Rudow vor Augen führen. „Kennenlernen“ steht über dem ersten Jahr der Entwicklungsphase und das auch in dem Pastoralen Raum, der sich im Dezember letzten Jahres aus den drei Pfarreien im Neuköllner Süden gebildet hat und in dem fast 13.500 katholische Christen leben.

So wagten die drei Pfarreien bereits an einem Wochenende im Frühjahr einen Pfarrertausch. Pfarrgemeinderatssitzungen einer Pfarrei werden regelmäßig von Abgesandten der Pfarrgemeinderäte der anderen Pfarreien besucht. Die Bürokräfte der drei Pfarreien trafen sich vor kurzem, um sich und ihre Arbeitsweisen kennenzulernen, und nach dem Sommer werden all jene zusammenkommen, die in der Kirchenmusik aktiv sind. Die Mitarbeitenden der Pastoral von Neukölln-Süd verabreden sich mittlerweile einmal im Monat, um sich darüber auszutauschen, wie der einzelne zum Beispiel seine Taufvorbereitung oder sein Engagement im Altenheim gestaltet. Die AG Öffentlichkeitsarbeit produziert gemeinsame „Südseiten“ für alle drei Pfarrbriefe, die über die Entwicklungen im Pastoralen Raum informieren und Orte kirchlichen Lebens vorstellen. Und der Pastoralausschuss erstellt eine detaillierte Netzwerkanalyse.

Neu entdecken, was man glaubt, zu kennen

Vor dem Hermann-Radtke-Haus wartet bereits Norbert Jüngling auf die Radfahrer. Seit sieben Jahren engagiert sich der aktive Katholik ehrenamtlich in der Alten- und Klinikseelsorge. Er besucht und begleitet Bewohnerinnen und Bewohner in dem Pflegeheim der Diakonie. Nun hofft er, im Pastoralen Raum weitere engagierte Christen begeistern zu können. „Der Bedarf ist da“, betont Jüngling nachdrücklich. Allerdings brauche es einiges dazu, sich darauf einzulassen. „Die Besuchten spielen die erste Geige, man muss sich zurücknehmen können und vor allem zuhören.“

Gerhard Rech zeigt sich begeistert von der Radtour. „Sonst bin ich hier vor allem mit dem Auto unterwegs, mit dem Fahrrad ist das dann doch noch einmal eine ganz andere Perspektive“, meint das Pfarrgemeinderatsmitglied von St. Dominicus. Für Ulrike Ratemborski vom Kirchenvorstand von St. Dominicus bildet das Gemeindegebiet von Bruder Klaus kein unbekanntes Terrain. „Die drei Pfarreien liegen nah beieinander. Ich bin hier aufgewachsen und kenne die Ecken und Einrichtungen.“ Dennoch, gibt sie zu bedenken, sei jede der Pfarreien bislang ihren sehr eigenen Weg gegangen. „Man merkt, wie wenig man voneinander weiß“, meint dagegen Romana Pawlak von der Caritas Altenhilfe. Sie ist in Bruder Klaus aufgewachsen. „Auf der Tour kann ich Orte und Einrichtungen neu entdecken, die man eigentlich glaubt, zu kennen.“

Als die Radgruppe das Vivantes Klinikum Neukölln erreicht, wird sie von Sabine Kamp und Anette Didrich, der katholischen und der evangelischen Klinikseelsorgerin erwartet. „Das Klinikum Neukölln ist ein Maximalversorgerhaus“, nennt die Pastoralreferentin zunächst einige Rahmendaten ihres Arbeitsplatzes. „Sämtliche Fachrichtungen, fast 1.200 Betten, 2.200 Mitarbeiter darunter rund 500 Ärzte und mehr als 1.000 Pflegekräfte. Jeden Sonntag, um zehn Uhr wird im Raum der Stille Gottesdienst gefeiert.“ Dann werden Fragen gestellt: „Wie erfahren sie von katholischen und evangelischen Patienten?“ „Besuchen sie jeden Katholiken?“ „Was wäre nötig, um einen ehrenamtlichen Besuchsdienst von Seiten des Pastoralen Raums einzurichten?“ „Wie funktioniert das Verhältnis unter den verschiedenen Religionen, insbesondere zu den Muslimen?“ Bevor Kamp die Gruppe in den „Raum der Stille“ führt, fordert sie ihre Besucher auf: „Wenn sie wissen, dass jemand aus der Gemeinde im Klinikum liegt und begleitet werden soll, dann melden sie sich bei mir.“

Leitungsteam statt leitender Pfarrer

„Neben der Besichtigung von Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens wollen wir vor allem den Sozialraum wahrnehmen“, erklärt Wolfgang Klose. „Wenn wir durch die Gropiusstadt laufen, die Häuser, die Menschen, die Lebensumstände sehen, ist es etwas anderes, als wenn wir jetzt durch Britz radeln oder später durch Rudow fahren. Mit diesen Eindrücken gilt es zu überlegen: was bedeutet das für uns als Kirche?“ Der Pfarrgemeinderatsvorsitzender von St. Dominicus gehört zum Leitungsteam des Pastoralen Raums. Anders als in den meisten anderen Pastoralen Räumen im Erzbistum übernimmt in Neukölln-Süd nicht ein einzelner Priester die Leitung des Prozesses. Hier kümmern sich Inge Kerschkewicz vom Pfarrgemeinderat St. Joseph, Thomas Pfeifroth, Pfarrer von Bruder Klaus, und Wolfgang Klose gemeinsam die Organisation. Das sei ein Schritt aus der Not heraus gewesen, berichtet das Team, da die drei Priester im Raum aufgrund von Gesundheits- und Altersgründen die Leitung nicht übernehmen wollten. „Die Gremien der drei Pfarreien haben jeweils ihren Vertreter gewählt und die Vertreter der anderen Gemeinden bestätigt, ganz demokratisch“, erläutert Klose die Besetzung des Leitungsteams.

Nun treffen sich Kerschkewicz, Pfarrer Pfeifroth und Klose einmal pro Woche. Sie diskutieren ihre Ideen und stimmen darüber ab. Die Mehrheit entscheidet. „Es ist wahnsinnig bereichernd, mit zwei so kompetenten Leuten zusammenzuarbeiten“, ist Pfarrer Pfeifroth vom Teamgedanken überzeugt. Der Priester machte den Weg für Mehrheitsentscheidungen im Leitungsteam frei. „Wenn der Pfarrer am Schluss das letzte Wort hat, ist es kein Team, dann bin ich de facto der Leiter und habe eine Adjutantin und einen Adjutanten.“ Kerschkewicz verweist unterdessen auf die Akzeptanz des Modells in den Pfarreien: „Wir machen nichts heimlich. Wir kommunizieren alles. Das honorieren uns alle drei Gemeinden mit entsprechendem Vertrauen.“

In Bruder Klaus angekommen, gehen die Radfahrer zunächst in den „Blauen Saal“, einem Versammlungs- und Gottesdienstraum einer Neokatechumenalen Gemeinschaft. Dort stellen Sergio Lugli und Matteo Carpanese die Besonderheiten des Neokatechumenalen Wegs vor. Schließlich versammeln sich alle in der Pfarrkirche. Pfarrgemeinderatsvorsitzende Daniela Walker stellt das Gotteshaus vor, das 1989 geweiht wurde und der Ranftkapelle in Flüeli nachgebildet ist. „Die Glocke ist ein Originalabguss der Ranftglocke“, erklärte Walker. Bevor sich der Pastoralausschuss zur Sitzung im Gemeindesaal versammelt, besuchen alle gemeinsam die Seitenkapelle der Kirche, die Nikolaus von der Flüe gewidmet ist. Dort singen und beten sie gemeinsam wie einst der Einsiedler in der Schweiz: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“