Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Eine offene Tür zeigt auf ein offenes HerzBuckow-Müncheberg plant ein neues Gemeinde- und Begegnungszentrum, damit der Glaube Raum gewinnt

01. August 2017 Alfred Herrmann

Gregor Reski, Pfarrer Töpfner, Petra Probst und Thomas Thieme vor dem alten Pfarrhaus von Müncheberg. Foto: Herrmann

„Wir wollen die offene Tür. Sie ist Zeichen für unser offenes Herz.“ Pfarrer Bernhard Töpfner bringt auf den Punkt, wie seine Pfarrei St. Hedwig Buckow-Müncheberg das Leitwort des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ auslegt. Die offene Tür für alle, für gemeindenahe wie für distanzierte Katholiken, für Christen wie für Nichtchristen, diese Vorstellung soll mit einem neuen Gemeinde- und Begegnungszentrum schon bald Wirklichkeit werden.

„Links, in den langen Gebäudeteil, mietet sich das Christlich-Naturnahe Kinderhaus ein, eine Kita für 30 Kinder, die vom KEKS, vom Katholischen Elternkreis Strausberg getragen wird.“ Tief über den Grundriss gebeugt, erklärt Gregor Reski vom Kirchenvorstand, wie der Neubau aussehen soll. „Zwischen Kita und Kirche, im mittleren Gebäudeteil, entsteht ein Saal für 60 bis 70 Personen sowie ein Büro und ein Multifunktionsraum.“ Gemeinsam mit Thomas Thieme von „Caritas rund um den Kirchturm“, Petra Probst von KEKS e. V. und Pfarrer Töpfner sitzt er im Besucherzimmer des Pfarrhauses in Müncheberg. Das weiße Gebäude, das direkt an die Kirche angrenzt, wurde 1991 renoviert und weist mittlerweile erhebliche Bauschäden auf. Statt kostenintensiv saniert zu werden, soll es einem knapp 500 Quadratmeter großen, barrierefreien Flachbau weichen. „Wir warten täglich auf die Baugenehmigung. Dann wird abgerissen. Der Pfarrer hat schon gepackt“, freut sich Reski.

Offen für alle

Als Bauherr fungiere die Pfarrei, doch genutzt werden solle das Gemeinde- und Begegnungszentrum nicht allein von der Kirchengemeinde, sondern von verschiedensten Menschen und Institutionen, an die die Räume stunden- und tageweise beziehungsweise mit dem Kinderhaus dauerhaft vermietet werden. „Wir wollen mit dem Gebäude kein Geld verdienen, sondern mit den Mieteinnahmen decken wir die laufenden Kosten“, betont Reski. Die Ziele der Pfarrei liegen wo anders. Die Kirche von Buckow-Müncheberg an der Karl-Marx-Straße soll ein einladender Ort des Lebens für Menschen von jung bis alt werden. „Wir brauchen diese Öffnung“, betont Pfarrer Töpfner. „Es leben zu viele Menschen hier, für die ist katholische Kirche immer noch fremdes Land. Sie nehmen uns als ewiggestrigen Verein wahr und trauen sich nicht zu uns aufs Gelände.“

Der Weg zur neuen Offenheit begann für Buckow-Müncheberg mit der Findungsphase des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“. Die 1994 aus der Fusion der Gemeinden von Buckow und Müncheberg entstandene Pfarrei mit gut 430 katholischen Christen feierte bis vor kurzem an zwei Standorten die Messe. „Wir haben uns die Frage gestellt: wie lange können wir als kleiner werdende Kirchengemeinde, die dem demographischen Wandel in Brandenburg ausgesetzt ist, zwei Gottesdienstorte erhalten und pflegen“, erklärt Thieme die Ausgangslage. Die Pfarrei entschied sich, sich von ihrem Gemeindehaus mit Kapelle in Buckow zu trennen.

Mit Hilfe des Büros D:4, das im Rahmen des Pastoralen Prozesses in allen Pfarreien des Erzbistums eine Wirtschaftlichkeitsanalyse der Immobilien vornimmt, und der unterstützenden Beratung
des Dezernates für Finanzen und Bau im Erzbischöflichen Ordinariates Berlin entstand die Idee für den Neubau eines Gemeinde- und Begegnungszentrums. „Wir wollten einen Grundstein legen, damit es katholische Kirche auch noch in 20, 30 Jahren im Raum Buckow-Müncheberg gibt, damit wir eine lebendige Gemeinde aufrechterhalten können, auch wenn kein Pfarrer mehr dauerhaft hier vor Ort lebt“, so Thieme. Immerhin sei die Pfarrei die kleinste im Pastoralen Raum Frankfurt (Oder)/Buckow-Müncheberg/Fürstenwalde.

Bei der Suche nach einer Finanzierung des Bauvorhabens stieß die Kirchengemeinde außer auf das Bonifatiuswerk und möglichen Hilfen des Erzbistums auf das LEADER-Förderprogramm der EU, das der Entwicklung des ländlichen Raums dient. Wollte sie aus diesem Topf Mittel beantragen, musste sie darlegen, was der Mehrwehrt ihres Neubaus für die ländliche Gesellschaft sein kann. „Dadurch wurden wir gezwungen, zu überlegen, welche Außenwirkung wir erzielen möchten und damit einhergehend: welchen Auftrag wir eigentlich als Kirchengemeinde im Rahmen der Verkündigung haben.“ Die Pfarrei begann, ihren Sozialraum genauer zu betrachten. Es zeigte sich, dass es in Müncheberg an Räumen für Familienfeiern, für Vorträge und Veranstaltungen mittlerer Größe fehlte. Es brauchte zudem einen barrierefreien Treffpunkt für Senioren in der ländlichen Kleinstadt. Ebenso stellte sich heraus, dass das Christlich-Naturnahe Kinderhaus, das 15 Jahre in einem Gebäude der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde untergebracht war, nach neuen Räumlichkeiten suchte, da es eine Erweiterung plante.

Schranken abbauen

„Zwei Drittel unserer Kinder mit ihren Eltern sind konfessionslos“, erklärt Petra Probst von KEKS e. V., „mit dem Umzug rücken wir näher an die Kirche heran und haben die Möglichkeit, bei ihnen und ihren Eltern Berührungsängste abzubauen und sie mit dem Glauben noch stärker in Berührung zu bringen.“ Pfarrer Töpfner erkennt im Gegenzug in der Kita eine Chance für die Gemeinde, die Öffnung voranzutreiben. „Mit dem Kinderhaus auf dem Gemeindegelände bekommen wir einen ersten Zugang zu Menschen, die bislang nur wenig mit uns zu tun hatten. Vielleicht schaffen wir es, dass sie sich hier wohlfühlen und wiederkommen wollen.“

Die Offenheit für alle soll sich allerdings nicht allein über das Kinderhaus Bahn brechen. So denke beispielsweise die Caritas daran, Beratungsangebote im neuen Haus zu etablieren, erklärt Thieme und zählt auf: „niederschwellige Elternangebote, Erziehungsberatung, Gruppen für Trennungs- beziehungsweise Scheidungskinder“. Die Räume könnten auch stundenweise an nichtkirchliche Institutionen wie Rentenversicherungsträger oder Krankenkassen vermietet werden, die dort ihre Sprechstunden abhalten. Dank der im Kinderhaus angesiedelten Küche bestünde die Möglichkeit, skizziert Reski ein weiteres Vorhaben, Senioren im Gemeindesaal ein warmes Mittagessen anzubieten. Und er denkt gleich noch einen Schritt weiter: „Warum sollen nicht auch fitte Ältere im Ehrenamt, Essen ausfahren, zu Menschen, die nicht mehr so gut raus können?“

Pfarrer Töpfner freut sich über den Aufbruch, den „Wo Glauben Raum gewinnt“ in seiner Pfarrei ausgelöst hat. Bei noch zu vielen Gläubigen beschränke sich Katholisch-sein allein auf die Erfüllung der Sonntagspflicht, meint er. „Sie kommen in den Gottesdienst und verziehen sich danach gleich wieder. Das reicht ihnen an Kirche.“ Etwas wesentliches, was Kirche ausmacht, ließen sie zu oft vermissen: die gelebte Gemeinschaft. „Wir tragen mit unserer Lebensweise Christus in die Welt, diesem Bewusstsein müssen wir uns noch stärker öffnen.“

Auch Thieme erhofft sich einen Wandel. Der Mann von der Caritas plädiert für eine Kirche, die sich stärker für die konkreten Lebenssituationen der Menschen interessiert, um sie dort abzuholen, wo sie gerade stehen. „Ein starres Korsett hilft uns nicht weiter. Wir müssen offen sein, für Menschen, die Ideen haben und diesen Ideen einen Raum geben, damit sie sich entwickeln können.“ 

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