Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Beziehungen zu fördern und zu pflegen, ist für uns zentral“Generalvikar Pater Kollig zum Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“

07. September 2017

Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC

Die neue Ausgabe von "Auf dem Weg", der Zeitung zum Pastoralen Prozess, ist da! Sie liegt ab nun wieder in den Kirchen des Erzbistums und an zahlreichen Orten kirchlichen Lebens aus. In der Ausgabe: ein Interview mit Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC. Seit Februar im Amt hat er in den vergangenen Monaten die Kirche von Berlin intensiv erkundet. Lesen Sie hier die Langfassung des Interviews zum Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“.

Generalvikar Pater Kollig, welchen Eindruck konnten Sie vom Erzbistum und vom Pastoralen Prozess gewinnen?

Pater Kollig: Bei fast allen Pastoralen Räumen, die seit Februar besucht und gegründet wurden, konnte ich dabei sein, nicht nur in Berlin, sondern auch in Vorpommern und Brandenburg. Dabei trifft man auf ganz unterschiedliche pastorale Situationen, wenn man die Prignitz oder Rügen, wenn man eine Pfarrei im Westen oder im Osten Berlins in den Blick nimmt. Man merkt schnell, es kann keine allgemeine und einheitliche Lösung für die Entwicklung der Kirche im Erzbistum Berlin geben. Ich bin allen dankbar, die die Vielfalt kennen und anerkennen, die nicht spalten, sondern an der Einheit – aber nicht Einheitlichkeit – mitwirken und so einen inneren Zusammenhalt herstellen.

Was haben Sie über die Menschen gelernt?

Pater Kollig: Auf der einen Seite habe ich den Eindruck, es machen sich viele Menschen auf den Weg und fragen sich: „Wie können wir dazu beitragen, dass Kirche sich weiterentwickelt?“ Sie sind bereit, sich den Sozialraum, in dem sie wohnen, genauer anzuschauen: Wo sind hier die Nöte, die Sorgen, wo können wir es Menschen erleichtern, mit Christus in Berührung zu kommen? Sie sind sich bewusst, dass nicht alles so bleiben kann, wie es ist. Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass die Menschen ganz unterschiedliche Kirchenbilder verinnerlicht haben.

Was sind das für Kirchenbilder?

Pater Kollig: Die Kirchenbilder bewegen sich im Erzbistum Berlin – wie in vielen deutschen Bistümern – zwischen zwei extremen Grundüberzeugungen: Die einen folgen der Vorstellung: Kirche ist so etwas wie eine geschlossen Gruppe. Um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: Sie leben für eine Kirche, die sammelt, sich aber nur wenig senden lässt, sich kaum als Kirche für die Welt versteht. Kirche lebt dort in der Gefahr, ein Ghetto zu sein. Die anderen verstehen sich als Kirche, die Events veranstaltet, Leuchttürme baut und große Projekte anleiert. Sie lassen sich senden, legen aber wenig Wert darauf, sich dauerhaft, kontinuierlich, verbindlich zu sammeln. Hier wird Kirche, wie Bonhoeffer sagt, zum Boulevard, zu einer Prachtallee, die zwar beeindruckt, aber kaum bindet. Aufgrund der Vielfalt in unserem Erzbistum werden wir in den Pastoralen Räumen sicherlich unterschiedliche Kirchenbilder verwirklichen. Kriterium muss immer sein, dass diese dazu dienen, die Menschen in der Kirche zu sammeln und sie in die Welt zu senden.

„Gott selbst ist es, der entwickelt“

Was heißt das für den Pastoralen Prozess?

Pater Kollig: Uns fällt es generell schwer, Veränderungen in den Blick zu nehmen und darin eine Chance zu erkennen. Aber Kirche ist nicht statisch, sondern entwickelt sich. Das gilt es anzuerkennen und zu akzeptieren. Die Geschichte Gottes mit dem Menschen geht immer weiter. Die Kirche entwickelt sich, weil sich die Welt entwickelt. Die Antworten, die wir vor 50 oder 100 Jahren auf Fragen der Zeit gegeben haben, sind nicht falsch, aber sie sind heute nicht mehr gültig, weil es die Fragen dazu nicht mehr gibt. Kirchenentwicklung bedeutet zunächst einmal: Wir akzeptieren, dass Kirche sich entwickeln muss, weil sich Gesellschaft entwickelt und Kirche immer Christus in der konkreten Gesellschaft mit ihren Fragen, Chancen und Grenzen darstellt. Wenn zum Beispiel sehr viele polnische Christen in Vorpommern zuziehen, wenn Pfarreien in Berlin erleben, dass auf einmal viele spanischsprachige Menschen kommen, dann können wir nicht als Kirche so tun, als ginge uns das Ganze nichts an, sondern müssen schauen, wie wir darauf reagieren, was das für uns und für die Entwicklung unserer Kirche bedeutet. Ein gutes Beispiel ist hier die neue Projektstelle, die in der Grenzregion in Löcknitz eingerichtet wurde. Zielsetzung ist die Förderung eines gelingenden „Miteinanders“ über Grenzen hinweg.

Was müssen wir dann tun, damit der Glaube Raum gewinnt?

Pater Kollig: Es wäre ein Missverständnis, zu denken, wir könnten dem Glauben Raum verschaffen. Wir müssen anerkennen: Gott selbst ist es, der entwickelt. Daher braucht es Menschen, die aus dem Glauben sagen: „Ich lasse mich in meinem Denken, Urteilen und Handeln von Gott leiten“, die vor Entscheidungen darüber nachdenken: „Hat Jesus Christus etwas dazu gesagt?“ Oder: „Was würde er tun, wenn er an meiner Stelle wäre?“ Wo diese Haltung eingenommen wird, da gewinnt Glauben Raum.

Sie fordern also eine stärkere geistliche Durchdringung vor jedem Handeln?

Pater Kollig: Wir sind immer sehr schnell beim Machen und erkennen nicht den Wert, zuerst einmal Inne zu halten und einfach mal zu sehen und wahrzunehmen. Jesus Christus selbst ist uns dabei Vorbild. Wenn er Menschen begegnet ist, schaute er zuerst: Wen habe ich da vor mir? Das zeigt sich in seinen Fragen: „Was willst du, dass ich tun soll?“ (Mk 10,51). „Was soll ich dir tun?“ (Lk 18,41). Auch wir müssen, bevor wir handeln, immer erst einmal wahrnehmen: Wie denken die Menschen vor Ort? Was bewegt sie? Welche Chancen bieten sie? In jedem Menschen stecken Botschaften Gottes. Das können kritische Anfragen sein, ebenso wie die Botschaft: Da ist einer, der will dich unterstützen.

Was bedeutet das konkret für den Prozess?

Pater Kollig: Zwei Dreischritte sind für den Pastoralen Prozess wesentlich. Der erste lautet „Sehen-Urteilen-Handeln“. Bevor wir urteilen, gilt es, möglichst alles wahrzunehmen. Gute Entscheidungen setzen voraus, dass ich vorher alles geprüft und gesehen habe, was mir zugänglich ist. Dann erst kann ich urteilen. Und urteilen heißt für Christen, dass sie deuten, was sie gesehen haben, dass sie zum Beispiel ein Problem nicht allein als Herausforderung, sondern vielleicht als Anruf, als Auftrag Gottes, als Chance deuten. Bevor ich handle, gilt es, den zweiten Dreischritt „Wollen-Können-Sollen“ anzulegen. Zu oft begnügen wir uns mit dem Wollen. Wir sagen sehr schnell: „Das steht doch in der Bibel, also müssen wir das doch tun wollen“, ohne zuerst einmal zu fragen: „Können wir das auch? Haben wir die Menschen dazu? Haben wir die materiellen Möglichkeiten?“ Wenn wir das geprüft haben und sagen: „Ja, wir wollen es, es ist im Sinne des Evangeliums, es steht an in unserer Welt, wir antworten wirklich auf eine Not“ und wissen, dass wir es auch können, dann müssen wir immer noch einmal der Frage stellen: Sollten wir es auch tun? Ist es in diesem Moment das Richtige? Passt es?

Wie können wir erreichen, dass der Pastorale Prozess weniger ein Strukturprozess ist, sondern stärker ein geistlicher Prozess?

Pater Kollig: Sicherlich nicht, indem wir sagen: Wir beten erst und dann reden wir über die Strukturen. Das ist noch kein geistlicher Prozess. In den nächsten Jahren entstehen aus den Pastoralen Räumen große Pfarreien. Um was geht es dabei? Geht es da um eine reine Verwaltungsreform? Nein! Wenn wir große Pfarreien bilden, dann nur, weil wir für Pfarreien sorgen, in denen die Menschen wirklich all das finden, was zu Kirche wesentlich gehört, das, was nicht jede Gemeinde und schon gar nicht jeder Ort kirchlichen Lebens leisten kann.

Und was ist das?

Pater Kollig: Jesus hat dreimal gesagt: „Das bin ich!“ In der Eucharistie: „Das ist mein Leib“ über Brot, „Das ist mein Blut“ über Wein; dann als er ein Kind mit den Worten in die Mitte stellt: „Wer dieses Kind aufnimmt, nimmt mich auf“; und schließlich als er sagt: „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. In einer Pfarrei müssen alle diese Ich-Realitäten Jesu von der Kirche dargestellt werden. Und das ist weit mehr als Struktur.

„Communio ist das zentrale Leitmotiv“

In den künftigen Pfarreien soll es Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens geben …

Pater Kollig: Das Erzbistum hat in diesen Tagen drei Dokumente verabschiedet. Eines behandelt die Pfarrei, die Gemeinde und Orte kirchlichen Lebens, ein anderes den priesterlichen Dienst von Pfarrer und Pfarrvikar. In dem dritten Dokument, das die Grundlage ist, werden Leitgedanken formuliert. Da unser Erzbistum so vielfältig ist, wahrscheinlich so vielfältig wie kein anderes deutsches Bistum, ist für uns das Leitmotiv der „Communio“, sprich Beziehungen zu pflegen und zu fördern, zentral. Je größer die Unterschiede in unserem Erzbistum, je weiter die Ufer voneinander entfernt liegen, umso stärker muss die Brücke sein, die uns miteinander verbindet.

Was ist künftig unter einer Gemeinde im Verhältnis zu einer Pfarrei zu verstehen?

Pater Kollig: Eine Pfarrei muss sicherstellen, dass das, was Kirche ausmacht, auch wirklich auf dem Gebiet der Pfarrei vorkommt. Eine Pfarrei muss Christus darstellen: in der Eucharistie, in den Kindern und Jugendlichen, in den Ärmsten. Nun haben wir momentan auch Gemeinden, von denen wir etwa wissen, dass es dort kaum noch Kinder- und Jugendarbeit gibt. Sie kann aus meiner Sicht keine eigenständige Pfarrei sein. Wenn es aus demographischen Gründen kaum noch Kinder und Jugendliche in einer Gemeinde gibt, muss sie andere Schwerpunkte setzen, während in einem andern Teil der Pfarrei die Kinder- und Jugendarbeit stattfindet. Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens bilden also zukünftig gemeinsam eine Pfarrei.

Ist eine Gemeinde zwingend eine ehemalige Pfarrei oder kann gar ein Hauskreis eine Gemeinde sein?

Pater Kollig: Es wird ehemalige Pfarreien geben, die sich als Gemeinde verstehen. Es können aber auch Gemeinden entstehen, in der sich eine Gruppe von Personen um eine kirchliche Einrichtung wie eine Kita oder eine Schule sammelt. Entscheidend dabei ist, dass in den Gemeinden die drei Grundvollzüge der Kirche sichtbar werden und sie sich nicht abschotten, sondern sich auf die ganze Pfarrei hin öffnen. Ich kann mir keine Gemeinde vorstellen, die sich nie in der Eucharistie um Christus versammelt, ebenso wenig keine, in der nie über das Wort Gottes gesprochen wird, die das Wort Gottes nicht verkündet. Auch kann ich mir keine Gemeinde vorstellen, die nicht dienende Gemeinde ist, wenn es um Menschen geht, die in ihrer Not Unterstützung brauchen.

Und was ist dann ein Ort kirchlichen Lebens?

Pater Kollig: Ein Ort kirchlichen Lebens ist etwas wie die Hauskirche, die Ordenskommunität, die Beratungsstelle, dort, wo sich Kirche ganz konkret zeigt, beispielsweise als Ratgeberin oder als Unterstützerin, als Gebetsgruppe oder als Bibelkreis, als Einrichtung wie eine Schule oder ein Seniorenheim. An Orten kirchlichen Lebens bekomme ich Ideen für den Auftrag der Kirche, für das, was die Sendung der Kirche ist. Dort, wo Kirche zum Beispiel Suchtkranke berät, zeigt sie, wie Christen mit Menschen umgehen, die suchtkrank sind, und auf diese Weise, wie Christus mit Suchtkranken umgehen würde, bzw. durch Menschen gegenwärtig umgeht.

„Der Pfarrvikar nimmt an der Leitung teil“

Wo liegt der Unterschied zwischen Pfarrer und Pfarrvikar?

Pater Kollig: Der Pfarrer ist nach dem Kirchenrecht der Leiter der gesamten Pfarrei. Er behält die Einheit im Blick, das Ganze, baut Brücken, um Spaltung zu verhindern und um Ghettos oder geschlossene Clubs zu vermeiden. Der Pfarrvikar dagegen nimmt an der Leitung teil, das bedeutet, er beschäftigt sich mit Teilbereichen der Pfarrei. So kann er zum Beispiel die Leitung einer Gemeinde übernehmen. Allerdings muss er in Teilen immer auch Verantwortung für das Gesamte tragen.

Welche Aufgaben nimmt ein Pfarrvikar wahr?

Pater Kollig: Er feiert die Eucharistie und spendet Sakramente. Daneben wird er sich der Aufgabe stellen müssen, die Charismen der Getauften zu entdecken und sie zu ermutigen, ihre Gaben einzubringen. Von Leitungs- und Verwaltungsaufgaben entlastet hat der Pfarrvikar mehr Zeit für die seelsorglichen Dienste, und kann näher an den Menschen sein.

Charismen-Entdeckung – dieser Begriff fällt im Pastoralen Prozess immer wieder, gerade wenn es um das Ehrenamt geht. Was heißt das?

Pater Kollig: Wenn ich glaube, dass Gott jedem Menschen Gaben mitgegeben, niemanden ohne Gaben gelassen hat, ist es Kernauftrag von Kirche, Menschen dabei zu helfen, diese Gaben zu entdecken, Gott dafür zu danken und sie einzubringen und zu teilen. Glauben gewinnt Raum in dem Maße, in dem Menschen sich ihrer Gaben bewusst sind, sie mit Gott in Verbindung bringen, und bereit sind, sie für andere mit anderen einzusetzen.

Auch wird immer wieder thematisiert, dass das Pastorale Personal vor Ort in Form von Pastoralteams zusammenarbeiten soll. Wie muss man sich das vorstellen?

Pater Kollig: Ich sprach vorhin von Communio, von Beziehung. Sie ist vielleicht momentan das wesentlichste Paradigma, das uns hier im Erzbistum vor Augen stehen und leiten sollte. Wir glauben an einen Gott, der Beziehung, der Vater, Sohn und Geist in Gemeinschaft ist, der sich nicht abkapselt, sondern der sich öffnet. Das wiederum kann nur bedeuten: Eine Kirche, die diesen Gott darstellen, verkünden und erfahren lassen will, muss sich selbst auszeichnen durch Beziehungsstärke. Sprich: „Keiner macht etwas alleine“ muss Prinzip in unserem Handeln sein, auch in einem Pastoralteam, um in dieser Welt glaubhaft zu zeigen: Wir sind eine Kirche, die sich durch Beziehung auszeichnet, weil sie an einen Gott in Beziehung glaubt!

Inwieweit sehen Sie den Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale als Teil des Pastoralen Prozesses?

Pater Kollig: Insofern, als wir die große Chance haben, die Bischofskirche neu zu gestalten. Die St. Hedwigs-Kathedrale ist eine Rundkirche. In ihr kommt die „Communio“ besonders stark zum Ausdruck: Christus in der Mitte, im Altar, im Kreuz, in Eucharistie und wir um ihn herum versammelt. Aber diese Communio mit Christus endet nicht an der Kirchenmauer, sondern wirkt, symbolisch gesprochen, wie ein Stein, der in der Mitte der Kathedrale ins Wasser fällt. Seine Wellen wandern ins ganze Erzbistum hinaus und bringen es von der Mitte, das heißt von Christus aus in Bewegung. Ein wirksames Symbol für den gesamten Prozess.

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