Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Christsein ist ein Weg, kein Stillstand“Mit St. Franziskus in Reinickendorf-Nord feiert die erste neue Pfarrei im Pastoralen Prozess ihre Errichtung

10. Oktober 2017 Alfred Herrrmann

Mit einem Pontifikalamt feierte St. Franziskus die Pfarreigründung. Foto: Herrmann

„Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde“ schallt es durch St. Martin zum Einzug. Die Kirche im Märkischen Viertel in Berlin ist überfüllt. Frauen, Männer und Kinder stehen bis weit vorne in den Gängen, sitzen auf Papphockern am Rand und zwischen den Bankreihen. Fast 40 Ministranten und fünf Priester bevölkern den Altarraum, während Erzbischof Heiner Koch mit dem Weihrauchfass den Altar umrundet. Im linken Seitenflügel dirigiert Dekanatskirchenmusikerin Maria Hasenleder einen Projektchor, mehr als 100 Sängerinnen und Sängern aus allen sieben Gemeinden der neuen Pfarrei St. Franziskus.

Bereits am 1. Januar haben sich die drei Pfarreien St. Hildegard, Maria Gnaden und St. Martin und damit der Pastorale Raum Reinickendorf-Nord mit rund 16.000 katholischen Christen zu einer neuen Pfarrei vereinigt. Sie ist die erste im Erzbistum Berlin, die aus dem Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ hervorgegangen ist. Zum Patronatstag feierten die Gläubigen diesen Schritt nun ausgiebig mit einem Pontifikalamt und einem großen Pfarreifest. Bereits Donnerstagabend erfolgte der spirituelle Auftakt mit einer Vigil in St. Hildegard in Berlin-Frohnau. Dabei bekamen die sieben Gemeinden der neuen Pfarrei – St. Hildegard, St. Martin, St. Nikolaus (Berlin-Wittenau), Maria Gnaden (Berlin-Hermsdorf), Christkönig (Berlin-Lübars) und St. Katharinen (Schildow) – jeweils eine Kerze überreicht, die nun beim Festgottesdienst in St. Martin vor dem Altar aufgereiht brennen.

„Werden Sie eine lernende Pfarrei!“

In seiner Predigt forderte Erzbischof Koch die Gläubigen der neuen Pfarrei auf, in einer sich stetig verändernden Welt als lernende Menschen zu leben. Denn wer Jünger Christi – „im mittelhochdeutschen Wortsinn ein Lehrling Christi“ – sein möchte, müsse lernen. „Lernen ist nicht einfach irgendetwas beliebig zu verändern, weil sich die Gesellschaft verändert“, definierte Erzbischof Koch, „sondern das ist, etwas bewusst reflektiert zu vollziehen, bewusst Schritte der Veränderung zu gehen, bewusst zu fragen: in welche Richtung möchte ich, möchten wir den Weg weiterbeschreiten.“

Ein Jünger Christi müsse sich immer wieder neu herausfordern lassen, sich immer wieder neu auf den Weg machen und aus seinen Lebens- und Glaubenserfahrungen lernen. Dies gelte auch für die neue Pfarrei. „Christsein ist ein Weg, kein Stillstand“, betonte Erzbischof Koch. „Wir dürfen uns nicht ausruhen, auf dem was war.“ Die neue Pfarrei mit ihren Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens müsse sich als Lerngemeinschaft verstehen, die voneinander profitiert und so gemeinsam ihren Weg in die Zukunft geht. „Lernen Sie miteinander! Jeder hat etwas, keiner hat alles. Werden Sie eine lernende Pfarrei!“

Ein Fest der Begegnung

Wie sich St. Franziskus bereits als lernende Pfarrei versteht, das zeigte sie beim anschließenden Fest der Begegnung. Die sieben Ortsgemeinden sowie die in der Pfarrei ansässige spanischsprachige Gemeinde stellten sich mit eigenen Ständen vor. Außerdem präsentierten sich zahlreiche Orte kirchlichen Lebens, unter anderem vier Kitas, die katholischen Schulen, ein Krankenhaus.

Der Leitende Pfarrer von St. Franziskus, Norbert Pomplun, verglich das Fest mit einer Hochzeit. „Wir feiern heute das, was wir erreicht haben. Jetzt gilt es, die Beziehungen ganz bewusst weiter zu entwickeln.“ Das erfolge unter anderem in den zweijährigen Gemeindeentwicklungsprozessen, die die Ortsgemeinden zurzeit durchlaufen. „Wir stecken noch in so einer Art Entwicklungsphase, auch wenn wir schon fusioniert sind“, betonte Pomplun. „Wir stehen erst am Anfang und haben noch viel zu organisieren“, meinte Priska Litwiakow aus dem Vorstand des Pfarreirates zum Start der Pfarrei. Sie zeigte dabei auf ein erstes Ergebnis, das brandneue Pfarrei-Logo, das sie soeben offiziell vorgestellt hat. „Wir lernen voneinander und das machen wir mit viel Achtsamkeit voreinander.“

In seiner Gemeinde in Wittenau habe sich seit Gründung der Pfarrei schon einiges entwickelt, meinte Jörg Brühe von St. Nikolaus. So gebe es mittlerweile einen Bibelkreis, jeden zweiten Freitag im Monat ein Taizé-Gebet in der Kirche, eine Kooperation mit einem privaten Seniorenpflegeheim, mit dem Ziel, den Bewohnern Teilhabe am Gemeinde- und Gottesdienstleben zu ermöglichen. „Wir sind dabei, unsere Gemeinde zu beleben“, sieht Brühe für St. Nikolaus eine besondere Chance in der neuen großen Pfarrei. „Wir wollen wieder ähnlich aktiv werden, wie wir das vor der Fusion mit St. Martin im Jahr 2003 bereits waren.“

Gemeindeentwicklung geht weiter

Anna Korinth von der spanisch-sprachigen Gemeinde weiß um die neuen Herausforderung in der nun größer gewordenen Pfarrei. „Wir müssen noch viel lernen, wie wir unsere Beziehungen zu den deutschen Gemeinden besser entwickeln können.“ Jeden Sonntag kämen deutschsprachige Katholiken in den spanischen Gottesdienst, zum Beispiel die Ehepartner der Gemeindemitglieder. Da gelte es von den deutschsprachigen Gemeinden zu lernen. Aber auch die deutschen Ortsgemeinden könnten einiges von der Muttersprachlichen Gemeinde lernen. Zum spanischsprachigen Gottesdienst kommen Gläubige aus ganz Berlin, Potsdam und dem Umland. „Viele fahren mehr als eine Stunde“, betont Korinth. Daher biete die Gemeinde vieles rund um die Messe an, vom Rosenkranzgebet über die Sakramentenvorbereitung hin zu einem gemeinsamen, warmen Essen. „Wir haben allein 60 bis 70 Ehrenamtliche, die sich in acht Gruppen abwechselnd jede Woche um das Essen kümmern.“

Zwei Stände weiter wartete Bernarda Reichertz. Sie leitet die Aktion „Laib und Seele“. Jeden Dienstag verteilen Ehrenamtliche der Aktion in den Räumen von St. Martin Lebensmittel an Bedürftige. „Wir brauchen mehr Helfer“, hoffte Reichertz, auf dem Pfarreifest den einen oder anderen zu gewinnen. Bislang engagierten sich rund 25 Ehrenamtliche, allerdings alle aus den Gemeinden St. Martin und St. Nikolaus. „Vielleicht können wir ja auch aus den anderen Gemeinden, aus Hermsdorf oder Frohnau, Menschen für unsere diakonische Aktion begeistern.“

Neue Möglichkeiten für Orte kirchlichen Lebens

„Wie kann Kirche zur Familie kommen?“ Antworten auf diese Frage erhoffen sich Andrea Köppler und Anneliese Lindner künftig von der neuen Pfarrei. Sie präsentierten auf dem Pfarreifest zwei der vier Kitas, die mittlerweile zur Pfarrei St. Franziskus gehören. „Der Austausch unter den Kitas ist wesentlich vielfältiger geworden“, zeigen sie sich zufrieden mit der Entwicklung. Bisher gebe es vor allem einen intensiven Kontakt zur evangelischen Gemeinde, was das ehrenamtliche Engagement betrifft, erklärt Susanne van Schewick, Geschäftsführerin des Dominikus-Krankenhauses. „Wir entwickeln das Thema Ehrenamt noch mit den katholischen Gemeinden.“ Im Pastoralen Prozess sieht van Schewick daher einen Gewinn. „Bevor ,Wo Glauben Raum gewinnt‘ begann, war alles ein Nebeneinanderher. Jeder kümmerte sich um sich selbst. Jetzt sind wir viel stärker eingebunden.“

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