Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Umgang mit den eigenen Räumlichkeiten verändern D:4 analysierte Wirtschaftlichkeit der Pfarreien in der Findungsphase

07. November 2017 Alfred Herrmann

Marcus Nitschke und Cordula Heintze-von Baeyer von D:4. Foto: Herrmann

„In Müncheberg verfügt die Gemeinde künftig über ein Drittel weniger umbaute Fläche für ihre Zwecke. Trotzdem wird sie ihren neuen Raum als größer empfinden.“ Marcus Nitschke nennt ein aus seiner Sicht gelungenes Beispiel für eine zukunftsorientierte Entwicklung von Gemeinderäumen. Die Pfarrei St. Hedwig Buckow-Müncheberg lässt das alte Gemeindehaus neben der Kirche abreißen und baut neu. Sie hat festgestellt, dass ihre Gebäude für ihre pastorale Arbeit nicht mehr geeignet sind. „Es ist etwas anderes, ob ich Wohn- und Speisezimmer und die Kammer einer ehemaligen Pfarrwohnung zu einem Gemeinderaum zusammenlege oder ob ich einen für diesen Zweck neu gebauten Saal nutzen kann.“

Marcus Nitschke und Cordula Heintze-von Baeyer resümieren am großen Konferenztisch von D:4 in Berlin-Friedenau die vergangenen drei Jahre. D:4, ein interdisziplinäres Büro, aktiv in den Bereichen Architektur und Denkmalpflege, strategische Liegenschaftsberatung sowie Kirche und Kultur, besuchte in dieser Zeit 104 Pfarreien im Erzbistum Berlin. Im Rahmen der Findungsphase des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ erstellt D:4 im Auftrag des Erzbischöflichen Ordinariates für jede Kirchengemeinde eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, die den jeweiligen Baubestand und die finanzielle Situation der Pfarrei umfasst. Gemeinsam mit Carola Schenk, Stefan Müller und Markus Weber, den Leitern der Abteilungen „Bau- und Liegenschaftsverwaltung“ und „Haushaltswesen und Kirchenaufsicht“ des Erzbischöflichen Ordinariats sowie der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“, präsentieren sie die Ergebnisse den Verantwortlichen vor Ort.

„Es gibt alles“, fasst Nitschke seinen Gesamteindruck zusammen, „Räume, die gut in Schuss sind und gut genutzt werden; Räume, die gut in Schuss sind und die meiste Zeit leer stehen; Räume, die sich in einem elenden Zustand befinden und in denen dennoch viel los ist; sowie Räume in einem elenden Zustand, wo kaum jemand hinkommt.“ Den Worten des Geschäftsführers von D:4 lässt sich entnehmen, D:4 bewertet Räumlichkeiten nicht allein daraufhin, wie gut oder wie weniger gut diese durchrenoviert sind. Der Blick der Experten liegt darauf, wie eine Pfarrei ihre räumlichen Ressourcen nutzt, inwieweit ihre Räumlichkeiten für ihre Bedürfnisse geeignet sind und in welchem baulichen Zustand sich diese befinden.

„Wenn man den Eigenbedarf betrachtet, verfügen die meisten Gemeinden eigentlich über zu viele Räume“, spricht Nitschke eines der zentralen Ergebnisse an. Ungefähr 680 Gebäude gebe es, inklusive Kirchen und Kapellen, in den Pfarreien des Erzbistums. Das bedeute allerdings nicht, betont er ausdrücklich, dass die Pfarreien Räume abgegeben sollten. Vielmehr fordert er einen bewussteren und wirtschaftlicheren Umgang mit den eigenen räumlichen Ressourcen als bisher.

Pastorale Herausforderungen

Zum einen bewusster, weil die Räumlichkeiten für die pastoralen Herausforderungen der Zeit tauglich sein sollen. Die Gesellschaft befindet sich ebenso wie der die Gemeinde umgebende Sozialraum im stetigen Wandel. So hält beispielsweise der Zuzug nach Berlin an. Der Speckgürtel wächst. Neue Quartiere entstehen und verschieben örtliche Zentren. Menschen ziehen aus der Innenstadt an die Ränder, nach Marzahn, Hellersdorf oder in die Gropiusstadt, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. Gleichzeitig verlassen vor allem jüngere Frauen und Männer den ländlichen Raum, so dass Gemeinden überaltern wie in der Prignitz oder in Vorpommern. An der Oder wiederum wachsen Gemeinden, weil vermehrt Polen in die Dörfer und Städte an der Grenze ziehen. Heintze-von Baeyer: „Die Pfarreien müssen sich fragen: Sind die Orte für das kirchliche Leben noch an der richtigen Stelle? Müssten wir nicht ganz wo anders sein und vielleicht auch in einer ganz anderen Form?“

Auch die Bedürfnisse der Pfarreien und der Pastoral verändern sich, unterstreichen Nitschke und Heintze-von Baeyer. Ihre Gebäude bilden allerdings ein theologisches oder gesellschaftspolitisches Konzept aus der Zeit ab, in der sie geplant wurden. So atmen die großzügigen Gebäude aus dem vergangenen Jahrhundert oft den Geist volkskirchlicher Ansprüche. „Heute plant keiner mehr bei einem Neubau einen Tischtennisraum oder ein Fotolabor ein, keiner verlegt mehr den Raum für die Jugend in den Keller“, stellt Nitschke fest. „Aber warum behalte ich sie dann in einem bestehenden Komplex?“ Und Heintze-von Baeyer fragt weiter: „Und warum hole ich die Jugend nicht aus dem Keller?“

Wirtschaftliche Herausforderungen

Zum anderen müsse der Umgang mit den räumlichen Ressourcen wirtschaftlicher werden, weil Unterhalt und Instandhaltung einen wesentlichen Faktor in der Bilanz einer Pfarrei bilden. „Wir haben Gemeinden besucht, da gehen 80 Prozent des Gesamtbudgets in die Gebäudebewirtschaftung“, erklärt Heintze-von Baeyer. Das könne gerechtfertigt sein, wenn eine Pfarrei die Räume intensiv mit pastoralen Leben fülle. Wenn aber große Raumflächen ungenutzt sind, solle man sich fragen: „Ist das so viel Geld wert oder sollte man das Geld nicht besser in die Pastoral investieren?“ Es sei ja nicht gratis, im eigenen Haus zu wohnen. „Man kann nicht denken, das steht ohnehin da und wenn es renoviert werden muss, wird irgendwoher schon das Geld kommen.“ Hohe Bewirtschaftungskosten für Gebäude und Räume, die kaum genutzt werden, blockieren die Entwicklung und das Leben einer Pfarrei, so die Quintessenz der Experten von D:4. „Privat würde das ja auch keiner machen“, zieht Nitschke einen Vergleich, „sich 200 Quadratmeter anzumieten, obwohl man nur 100 braucht, und dafür auf den Urlaub zu verzichten.“

Das Team von D:4 gibt im Rahmen der Präsentationen Empfehlungen, zum Beispiel leerstehende Räume zur Untermiete anzubieten, auch solche, die nur abends oder nur ein bis zweimal die Woche von der Gemeinde genutzt werden. Das erfordere, sich zu öffnen und mit Gruppen und Kreisen aus der gesamten Gesellschaft zu kooperieren. „Die Vorteile liegen auf der Hand“, meint Nitschke, „zum einen lässt sich die Kostenbilanz verbessern und zum anderen hilft es den Blick zu weiten: Was gibt es noch in unserem Lebensumfeld? Wer steht einem nahe? Mit wem könnte man kooperieren? Wie bindet man sich gesellschaftlich ein?“

Bewusstseinswandel nötig

Heintze-von Baeyer und Nitschke empfehlen einen Bewusstseinswandel im Umgang mit den räumlichen Ressourcen. Dazu brauche es eine ehrlichen Analyse: „Was findet in den Räumen statt? Chorproben oder soziales Engagement wie eine Tafelausgabe oder eine Suppenküche? Wie groß sind die Gruppenstärken? Und wer kommt eigentlich? Kinder, Senioren, Behinderte?“ In einem zweiten Schritt gehe es um die Beschaffenheit der Räume: „Sind die Räume eigentlich geeignet für das, was die Gemeinden machen? Fühlt man sich darin wohl? Sind sie barrierefrei? Wie sind sie technisch ausgestattet?“ Und schließlich: „Wieviel Räume werden für wie lange tatsächlich benötigt?“

Die Gemeinden sollten „den Stier bei den Hörnern packen“, meint Nitschke, und sich einer gezielten Raumplanung stellen, um die darin liegenden pastoralen wie wirtschaftlichen Chancen zu nutzen. Seine Hoffnung setzt er auf die Entwicklungsphase, wenn sich die Pfarreien in einem Pastoralkonzept entwerfen, wie sie künftig zusammenleben und welche gemeinsamen Ziele sie erreichen möchten. „Das erfordert unweigerlich auch Antworten auf die Frage, wie mit den räumlichen Ressourcen umgegangen werden soll.“

Das Team von D:4 wird im Auftrag des Erzbischöflichen Ordinariats die Pastoralen Räume in der Entwicklungsphase unterstützen. Es kann bei der Erstellung eines Raumprogramms helfen, bietet Machbarkeitsanalysen an und ist da, wenn ein Musterbudget für die künftige neue Pfarrei erstellt werden soll. „In der Entwicklungsphase haben die Pfarreien die Chance, ganz neue Ideen zu entwickeln“, betont Nitschke und wünscht sich einen freieren und kreativen Umgang mit den eigenen Möglichkeiten. Denn Lösungen von der Stange gebe es nicht. „Jeder Pastorale Raum braucht seine eigenen Lösungen.“

In St. Hedwig Buckow-Müncheberg hießen diese: Verkauf des Gemeindehauses in Buckow, Abriss des Gemeindehauses in Müncheberg und Neubau eines barrierefreien Gebäudes neben der Kirche. Doch die Pfarrei baut nicht für sich allein. Sie öffnet sich. Es entsteht zugleich Raum für eine sich einmietende Kita eines freien Trägers, konkrete Vorstellungen von einer Kooperation mit der städtischen Seniorenarbeit und der Wunsch, Beratungsstellen als zeitweilige Untermieter zu gewinnen. Das Ziel: eine zu überaltern drohende Kirchengemeinde und die Botschaft des Evangeliums neu in der örtlichen Gesellschaft zu verankern.