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„Man kann niemandem in den Kopf schauen“Besuch einer Basis-Schulung „Prävention von sexualisierte Gewalt“

15. November 2017 Alfred Herrmann

Basis-Schulung "Prävention von sexualisierter Gewalt in der Kinder- und Jugendarbeit". Foto: Herrmann

Burkhard Rooß, Präventionsbeauftragter des Erzbistums. Foto: Herrmann

Dass es in der Entwicklungsphase notwendig ist, ein Institutionelles Schutzkonzept für die neue Pfarrei zu erstellen, wird Burkhard Rooß nicht müde zu betonen. Doch das bildet nur eine Säule für eine wirksame Prävention von sexualisierter Gewalt in der Gemeinde vor Ort. Unter dem Motto „Wissen hilft schützen“ schulen daher auch der Präventionsbeauftragte des Erzbistums und sein Team berufliche und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Kinder- und Jugendarbeit. Ein Besuch bei einer Basis-Schulung.

Zwei Bilder leuchten vorne auf der Leinwand. Das Linke zeigt in den Farben des Regenbogens den Kopf eines lächelnden Kindes, der sicher in zwei großen Händen ruht. „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ (Jes 49), steht darunter. Auf dem rechten Bild wirbelt ein Ministrant mit Hilfe eines Kerzenleuchters schwungvoll über eine rote Backsteinmauer. „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“, wird Psalm 18 zitiert.

„Schutz durch uns und Ermutigung von uns“ – mit zwei Gemälden von Sieger Köder versinnbildlicht Burkhard Rooß zu Beginn der Basis-Schulung „Prävention von sexualisierter Gewalt“ die beiden zentralen Wege, um sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vorzubeugen. „Kinder müssen sich bei uns geborgen fühlen und zugleich erfahren, dass ihnen etwas zugetraut wird“, betont der Präventionsbeauftragte des Erzbistums Berlin.

20 Frauen und Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren haben sich an diesem Samstag im Oktober pünktlich um 10.00 Uhr im Gemeindesaal von St. Laurentius in Berlin-Tiergarten eingefunden. Sie kommen aus Reinickendorf, Tegel, dem Wedding, Kaulsdorf, der Gropiusstadt und aus Tiergarten. Die einen wollen demnächst eine mehrtägige Kinder- und Jugendfahrt oder eine Religiöse Kinderwoche (RKW) begleiten, die anderen leiten einen Kinderchor oder engagieren sich regelmäßig in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Pfarrei. Sie alle benötigen für ihr ehrenamtliches Engagement neben einem erweiterten Führungszeugnis die sechsstündige Basis-Schulung.

Nach dem Missbrauchsskandal setzt die katholische Kirche im Erzbistum Berlin neben einem Institutionellen Schutzkonzept für alle Einrichtungen auf verpflichtende Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche, um die Handlungsspielräume von Tätern innerhalb ihrer Kinder- und Jugendarbeit zu schließen. Mehr als 300 Seminare haben Rooß und sein Team in den vergangenen fünf Jahren bereits gehalten, weit mehr als 6.000 kirchlich engagierte Frauen und Männer geschult und sensibilisiert.

Was ist sexualisierte Gewalt?

Die Zahlen die Rooß präsentiert, sind erschreckend. Jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder achte bis zwölfte Junge ist von sexuellem Missbrauch betroffen. „Bei Missbrauch handelt sich um kein Einzelphänomen, sondern um ein reales Kindheitsrisiko“, betont er. Die Täter, zu fast 90 Prozent Männer, finden sich quer durch alle Gesellschaftsschichten, durch alle sexuellen Orientierungen und alle Altersgruppen. Allerdings sind ein Drittel unter 21 Jahre alt. Drei Viertel der Täter stammen aus der Kernfamilie oder dem sozialen Nahfeld der Kinder.

Nach einer Vorstellungsrunde beginnt Rooß mit der Frage, was eigentlich unter sexualisierter Gewalt zu verstehen ist. In Kleingruppen diskutieren die Teilnehmer  beispielhafte Situationen: „Bei der RKW fordert die Gemeindereferentin die Kinder auf, sich nackt auszuziehen und untersucht die Mädchen und Jungen auf Zeckenbisse“ oder „Ein 14-jähriges Mädchen geht an einer Gruppe von Jungs vorbei, einer sagt laut: ,Ey, hat die geile Titten!‘“ oder „Ein Gruppenleiter tanzt mit einer 14-jährigen Teilnehmerin beim Abschlussabend engen Blues“.

Schnell wird deutlich: keine Situation ist eindeutig. Verunsicherung macht sich breit, die Suche nach Kriterien beginnt. „Braucht es bei Zecken nicht unweigerlich eine Sichtkontrolle durch Verantwortliche?“ „Aber muss es den Kindern nicht unangenehm sein, so nackt nebeneinander zu stehen?“ Oder: „Kann man bei unflätigen Rufen von Teenagern gleich von sexueller Gewalt sprechen?“ „Aber wie fühlt sich das Mädchen?“ Oder: „Enger Blues eines Gruppenleiters mit einer 14-Jährigen, muss das sein?“ „Aber vielleicht wollte dies das Mädchen ja auch?“ Es herrscht sofort eine offene Gesprächsatmosphäre und das über alle Altersgrenzen hinweg. Deutlich ist zu spüren: dieses Thema geht an niemandem spurlos vorbei.

„Sexualisierte Gewalt meint körperliche oder psychische Grenzüberschreitungen, die die Intimsphäre eines Menschen verletzen“, definiert Rooß den komplexen Begriff anschließend im großen Stuhlkreis. Zur besseren Unterscheidung differenziert er zwischen verschiedenen Schweregraden, zwischen „Grenzverletzungen“, „sexuellen Übergriffen“ und „strafrechtlich relevanten Formen sexualisierter Gewalt“. Er unterscheidet zwischen einmaligem oder gelegentlichem unangemessenen Verhalten, das oft unbeabsichtigt geschieht, wiederholt beabsichtigten Handlungen wie vermeintlich zufällige Berührungen, sexistischen Bemerkungen, aufdringlicher Nähe, sowie Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Auf jeden der drei Schweregrade gelte es angemessen zu reagieren, betont Rooß, von einfacher Ansprache des Grenzverletzenden über das Setzen deutlicher Grenzen bei sexuellen Übergriffen hin zur Meldung an den Pfarrer oder die Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums und dem Einschalten der Strafverfolgungsbehörden.

Schutz bieten

„Man kann niemandem in den Kopf schauen“, betont Rooß immer wieder. Niemandem lässt es sich ansehen, dass er oder sie ein Täter ist. Täter dagegen suchen sich ihr Umfeld für ihre geplante Tat ganz genau aus. Ignoranz gegenüber Hinweisen und bewusstes Wegschauen ermöglichen ihnen daher oft erst die Tat. Genau hinzuschauen, die Unterschiede zu erkennen und angemessen zu reagieren, das möchte die Basis-Schulung vermitteln. Denn nur achtsame Haupt- und Ehrenamtliche schützen Kinder und Jugendliche wirkungsvoll vor sexualisierter Gewalt. „Sexueller Missbrauch findet nicht von jetzt auf gleich statt, sondern ihm gehen zahllose und immer weitergehende Grenzüberschreitungen voraus“, erklärt Rooß.

Mit einem Trickfilm zeigt der Präventionsbeauftragte, mit welchen typischen Strategien Täter vorgehen. Da erzählt ein Junge im Rollstuhl wie sein beliebter Schwimmtrainer ihm mehrfach beiläufig in der Umkleide übers Knie streichelt. Da spricht das kleine Mädchen über den unangenehmen Freund der Familie, der alleine zu ihr in die Küche kommt, während die Eltern im Wohnzimmer Fußball schauen. Da berichtet ein Teenager, wie sich sein älterer Stiefbruder an ihm vergreift und ihn als schwul anzuschwärzen droht. Deutlich wird: Täter missbrauchen das Vertrauen der Opfer, nutzen eins zu eins Situationen aus, machen sich mit großzügigen Geschenken Opfer gefügig, freunden sich mit den Eltern der Opfer an, setzen Geheimnisse als Druckmittel ein.

Um Tätern diese Spielräume zu nehmen, gelte es, zunächst eine Risikoanalyse vorzunehmen, um kritische Situationen und Orte zu identifizieren. Danach gelte es einen klaren Verhaltenskodex aufzustellen, in dem für eine Freizeit, für eine Kita, für Gruppenstunden festgelegt wird, wie sich Verantwortliche in einer besonders sensiblen Situation zu verhalten haben. Dieser Kodex müsse allen Beteiligten transparent gemacht werden, den Leitern, den Kindern, den Eltern. Rooß: „Vor einer Freizeit ist in einem Verhaltenskodex zum Beispiel festzuhalten: wie gehen wir mit Duschsituationen um, wie mit einer Zeckenbissprüfung, wie mit der Übernachtungssituation.“

„Jedes Kind wehrt sich auf seine Weise“, rückt Rooß die Opfer in den Blick. Manche Kinder erstarren, um nichts mehr zu spüren, schlafen nicht mehr, um nicht überrascht zu werden, weichen der Mutter nicht von der Seite, werden aggressiv, erleben Leistungseinbrüche. Weil es aber kein spezielles Missbrauchssyndrom gebe, gelte es genau hinzuschauen und hinzuhören, wenn Kinder sich auffällig verhalten.

„Wem offenbaren sich Kinder, wenn ihnen die eigenen Eltern nicht glauben, weil ein Täter es geschafft hat, auch ihr Vertrauen zu erschleichen?“, fragt der Präventionsbeauftragte in die Runde. „Menschen, die außerhalb dieses Vertrauenssystem stehen, die immer wieder nachfragen, wenn sich ein Kind auffällig verhält“, gibt er selbst gleich die Antwort und nimmt die Anwesenden in die Pflicht: „Zu einer solchen Person können auch Sie werden! Ein Kind kann sich Ihnen offenbaren, ob Sie wollen oder nicht!“ Doch was soll ein Ehrenamtlicher dann tun? „Ruhig bleiben, dem Kind glauben, es dafür loben, dass es sich mitteilt, ihm versichern, dass es keine Schuld hat, nicht auf eigene Faust ermitteln, sondern sich Unterstützung bei den Ansprechpersonen im Ordinariat oder einer Fachberatungsstelle holen, den Kontakt zum Täter unterbinden, alles gut dokumentieren, niemals den möglichen Täter befragen, das ist Sache der Profis.“

Ermutigen und stärken

Zu Beginn des dritten Abschnitts bittet Rooß die Teilnehmer zu einer Selbsterfahrungsübung. Sie sollen nachspüren, wieviel Nähe, wieviel Distanz ihnen persönlich wichtig ist, wie individuell verschieden die Wahrnehmung eines jeden einzelnen sein kann und wie schwer es einem oftmals fällt, Grenzen zu setzen. „Inwieweit stört es, wenn der Chef einem das Du anbietet? Die Frau, der Mann einem einen Zungenkuss in der S-Bahn geben will? Frauen bei überfüllter Damentoilette das Männerklo benutzen?“, fragt Rooß. Jeder soll sich auf einer imaginären Linie zwischen „völlig in Ordnung“ und „das geht gar nicht“ platzieren. Die meisten wissen sofort, was sie mögen und was nicht, aber könnten sie diese Haltung auch gegenüber dem Chef, der Freundin, im Trubel einer Toilettenanlage durchsetzen? „Wenn es für Sie schon schwierig ist, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen, wie schwierig muss das dann erst für Kinder sein“, resümiert Rooß im Anschluss der Übung.

Kinder gelte es daher, darin zu stärken, ihre Bedürfnisse zu äußern, Grenzen zu setzen, sich zu beschweren, wenn Grenzen überschritten werden. „Kinder wissen meist, was sie wollen, nur werden sie selten danach gefragt.“ Rooß spricht von pädagogischer Prävention, davon, Kinder zu einem selbstbewussten Auftreten zu ermuntern, ja zu erziehen. Das beginne bereits bei alltäglichen Themen wie das Essen und reiche bis zur Arbeit an Themen wie der körperlichen Selbstbestimmung – „Dein Körper gehört Dir“ –, dem Vertrauen ins eigene Gefühl, dem Recht, Nein zu sagen. Ein Kind solle wissen, dass es am Missbrauch keine Schuld trägt, schlechte Geheimnisse weitererzählen und keiner ihm Angst machen darf, es stets ein Recht auf Hilfe hat. „Dazu braucht es auch ein funktionierendes Beschwerdesystem“, fordert Rooß, die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen und zwar bei allen Themen und auf allen Ebenen.

Am Ende des inhaltsreichen Tags bekommen die Teilnehmer einen umfangreichen Reader. In der Abschlussrunde wird deutlich, ab jetzt liegt es an jedem selbst, wie das neugewonnene Wissen und die geschärfte Sensibilität umgesetzt wird. Ein echter Auftrag. Auf die Frage, was nun nach der Schulung zu tun ist, fasst Rooß kurz zusammen: „Ein Team in der eigenen Gemeinde für ein Schutzkonzept zusammenstellen, eine Risikoanalyse vornehmen, einen Verhaltenskodex aufstellen und Beschwerdewege festlegen.“

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