Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

Nicht allein unterwegsAuch andere Diözesen befinden sich in pastoralen Veränderungsprozessen – ein Blick über die Berliner Bistumsgrenze

06. Dezember 2017 Alfred Herrmann

Das Erzbistum Paderborn hat für seinen Veränderungsprozess ein Zukunftsbild entworfen. Grafik: Erzbistum Paderborn

Das Bistum Trier plant 35 "Pfarreien der Zukunft". Der gezeigte Entwurf wird in der "Resonanzphase" diskutiert. Grafik: Bistum Trier

Eine neue Pfarrei als Pastoraler Raum: auch das Bistum Würzburg ist auf dem Weg. Grafik: Medienhaus der Diözese Würzburg

„Entwickelt wird der Pastorale Raum nicht von den Pfarreien oder Einrichtungen und ihren gewohnten Abläufen her, sondern von den Menschen und ihren Glaubens- und Lebensthemen her. Insofern wird der Pastorale Raum ein Lebens- und Glaubensraum für alle Menschen sein, die in ihm glauben und leben“, heißt es im „Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn“.

Die Kirche in Deutschland befindet sich im Wandel. Im Mittelpunkt steht ein neuer Blick auf die Pastoral. Nicht allein im Erzbistum Berlin, in dem sich die Findungsphase im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ dem Ende zuneigt und sich die Mehrzahl der Pastoralen Räume mitten in der Entwicklungsphase befinden, verändert sich momentan die katholische Landkarte. Auch in anderen Diözesen sind die katholischen Christen unterwegs zu neuen Strukturen, erarbeiten sie Pastoralkonzepte, überlegen sie, wie sie das Wort Gottes in der Zeit leben und weitergeben können und wollen. Es lohnt sich, einmal über die eigene Bistumsgrenze hinauszuschauen und sich inspirieren zu lassen.

Paderborner „Zukunftsbild“

Bereits 2004 startete Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker mit „Perspektive 2014“ einen zehnjährigen Zukunftsprozess. Ein Ergebnis ist das „Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn“. Das Leitwort umschreibt eine Pastoral der Zukunft, die sich am Raum orientieren und sich an den dort lebenden Menschen ausrichten soll: „Über die bisher dominierende Sozialform der Pfarrgemeinde hinaus entwickelt sich ein vielfältiges Netzwerk von Gemeinden, pastoralen Orten und Gelegenheiten, das in seiner Gänze die ,Kirche vor Ort‘ bildet.“ Ein anderes Ergebnis sind die Pastoralen Räume selbst. Um mittelfristige Planungssicherheit zu gewährleisten, legte Erzbischof Becker im Jahr 2010 die Grenzen von 87 Pastoralen Räumen für die 689 – bereits in Pastoralverbünden zusammenarbeitenden – Pfarreien seiner Diözese fest. Bis zum Jahr 2030 werden diese Pastoralen Räume nun nach und nach gebildet.

Bevor ein Pastoraler Raum errichtet wird, beginnt für die Kirche vor Ort zunächst eine gut zweijährige Findungsphase. In dieser Zeit entscheiden sich die beteiligten Pfarreien, ob sie verwaltungstechnisch künftig eine einheitliche Pfarrei oder einen Pastoralverbund bilden. Vor allem aber wird der Pastorale Raum zum Zeitpunkt seiner Entstehung als pastoraler Organisationsrahmen betrachtet, als „pastorale Fläche“, die es entsprechend zu gestalten gilt: „Die Gestaltung der Pastoral erfordert einerseits eine Öffnung und Differenzierung in die größere Weite des Raumes als Planungs- und Vernetzungsrahmen und andererseits eine Verdichtung zur Nähe und Berührbarkeit in der Seelsorge an unterschiedlichen Orten und zu  unterschiedlichen Gelegenheiten, wo wir heute glaubwürdig auf Menschen und ihre Fragen treffen können“, heißt es im „Leitfaden zum Aufbau und zur Gestaltung der Pastoralen Räume im Erzbistum Paderborn“.

Dazu erarbeiten die beteiligten Pfarreien in der Findungsphase eine „Pastoralvereinbarung“, in der sie Schwerpunkte und Entwicklungslinien ihres künftigen gemeinsamen Wirkens im Pastoralen Raum beschreiben. Diese Pastoralvereinbarung soll sich am „Zukunftsbild“ orientieren, das vier Schwerpunkte setzt: „Evangelisierung – Lernen aus der Taufberufung zu leben“, „Ehrenamt – Engagement aus Berufung“, „Missionarisch Kirchen sein – Pastorale Orte und Gelegenheiten“, „Caritas und Weltverantwortung – Diakonisch Handeln“.
(Weitere Informationen zum Zukunftsbild, zur Perspektive 2014 und zur Entwicklung von Pastoralen Räumen im Erzbistum Paderborn)

Hamburger „Erneuerungsprozess“

Das Erzbistum Hamburg befindet sich seit 2009 auf dem Weg. Erzbischof Werner Thissen stieß den Pastoralen Prozess an, im Zuge dessen 92 Pfarreien zunächst in 28 Pastorale Räume zusammenfanden. Sein Nachfolger, Erzbischof Stefan Heße, geht auf diesem Weg weiter. Mit dem sogenannten „Erneuerungsprozess“ unter dem Motto „Herr erneuere Deine Kirche – und fange bei mir an!“, der im November 2016 startete, fokussieren sich die katholischen Christen im Erzbistum Hamburg wieder neu auf die Fragen: „Welchen Auftrag haben wir Katholiken in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg? Wie können wir Christus in der Gegenwart und in einer wenig religiös geprägten Umwelt nachfolgen? Wie können wir missionarisch Kirche sein?“

Bis zum Jahr 2020 soll unter anderem ein „Pastoraler Orientierungsrahmen“ für die Diözese erarbeitet werden. Außerdem gehen die 28 Pastoralen Räume ihren Weg weiter zu Pfarreien der Zukunft, die eine raumorientierte und auf Vernetzung von Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens basierende Pastoral leben, um die vielgestaltige „Kirche vor Ort“ zu fassen. In einer dreistufigen Entwicklungsphase entwerfen die Pfarreien eines Pastoralen Raumes ein Pastoralkonzept für ihr künftiges Zusammenwirken in einer Pfarrei der Zukunft.
(Weitere Informationen zum Erneuerungsprozess)

Dresdner „Erkundungsprozess“

2013 startete das Bistum Dresden-Meißen in den „Erkundungsprozess“ unter dem Leitwort „So da sein, wie ER da ist – uns und alle Menschen mit Christus in Berührung bringen“. Der damalige Erzbischof Heiner Koch errichtete 2015 34 Pastorale Räume, sogenannte Verantwortungsgemeinschaften, in denen die 97 Pfarreien der Diözese zusammenwirken. Der neue Bischof Heinrich Timmerevers hat nun beschlossen, dass sich bis Advent 2020 aus den Verantwortungsgemeinschaften Pfarreien entwickeln sollen. Voraussetzung sei eine „pastorale Verständigung der Pfarreien zu der Frage: ,Wozu sind wir als Kirche da?‘“, die gemeinsam erarbeitet werden soll.
(Weitere Informationen zum Erkundungsprozess)

Trier: „heraus gerufen“

Die Diözese Trier begann ihren Veränderungsprozess im Dezember 2013 mit einer Bistumssynode. Mit dem Schlussdokument „heraus gerufen. Die nächsten Schritte in die Zukunft“ beschloss die Synode im April 2016 einen „radikalen Perspektivwechsel“ und damit einhergehend eine umfassende inhaltliche und strukturelle Neuausrichtung der Pastoral. Den Perspektivwechsel macht das Schlussdokument an vier Hauptaspekten fest: „Vom Einzelnen her denken“, „Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen“, „Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern“ und „Das synodale Prinzip bistumsweit leben“.

Zunächst sollen nun Pastorale Räume gebildet werden, aus denen sich anschließende, nach einer zweijährigen Erkundungsphase, zum 1. Januar 2020 sogenannte „Pfarreien der Zukunft“ entwickeln. Eine „Teilprozessgruppe Raumgliederung“ präsentierte bereits in diesem Frühjahr einen von ihr erarbeiteten Vorschlag zur territorialen Neugliederung des Bistums. Die 887 Pfarreien, die bislang in 173 Pfarreiengemeinschaften zusammenarbeiteten, sollen in 35 Pastoralen Räumen aufgehen und zu 35 „Pfarreien der Zukunft“ werden. Nach einer sogenannten Resonanzphase, in der der Vorschlag im gesamten Bistum diskutiert wurde, wird Bischof Stephan Ackermann im Januar 2018 die endgültige Bistumskarte verabschieden.

Unter einer „Pfarrei der Zukunft“ versteht die Bistumssynode Trier ein Netzwerk „mit Pfarr-Ort, Basisgemeinschaften, Themenzentren und anderen Orten“, so das Abschlussdokument: „Dieses Netzwerk lebt von der Lebendigkeit und Selbstständigkeit der einzelnen Knotenpunkte. Es bildet die in sich vielfältige Sozialgestalt der Pfarrei der Zukunft.“ Geleitet werden, soll die „Pfarrei der Zukunft“ durch ein Leitungsgremium „aus drei geeigneten hauptamtlichen Mitgliedern (einem Pfarrer sowie zwei weiteren Hauptamtlichen), die der Bischof ernennt. Das Leitungsgremium soll um bis zu zwei ehrenamtliche Mitglieder erweitert werden, die die Gesamtverantwortung für die Pfarrei teilen und Ressortverantwortung übernehmen können. […] Das Leitungsgremium trägt die Verantwortung für die Pfarrei der Zukunft gemeinsam.“
(Weitere Informationen zum Veränderungsprozess „heraus gerufen“ und zum Abschlussdokument der Bistumssynode)

Würzburg: „Gemeinsam Kirche sein“

Im Herbst 2015 begann das Bistum Würzburg mit dem Prozess „Gemeinsam Kirche sein – Pastoral der Zukunft“. Auch in Unterfranken geht es darum, zum einen Pastorale Räume zu bilden, aus denen einmal neue Pfarreien erwachsen sollen, und zum anderen, um die Frage, wie die Pastoral in diesen künftigen raumgeprägten Pfarreien funktionieren soll. Gesprochen wird von einer „geistlich geprägten Kirchenentwicklung“. Der Allgemeine Geistliche Rat nannte im Herbst 2016 die Zahl von 40 Pfarreien, die aus den 620 Pfarreien der Diözese, die bislang in 160 Pfarreiengemeinschaften zusammenwirken, entstehen sollen.

„Die Diözese wird langfristig in Pfarreien gegliedert, die sich an größeren pastoralen Räumen orientieren. Die bisherigen Pfarreien, Kuratien und Filialen sind Gemeinden innerhalb der neuen Pfarreien“, heißt es im Votum des Allgemeinen Geistlichen Rats, das den Prozess umschreibt. Zudem spricht es von Orten kirchlichen Lebens, die neben die Gemeinden Kirche vor Ort leben. Die Leitung der neuen Pfarrei soll nach diesem Votum beim Pfarrer liegen, die Leitung der Gemeinden jedoch durch „kollegiale Leitung durch die Gläubigen“ erfolgen. Genaue Fristen und konkrete Vorgehensweisen, zum Beispiel wie die Pastoralen Räume zusammenfinden, sind noch nicht beschlossen, da das Bistum zurzeit vakant ist.

Das Bistum Würzburg macht die „Pastoral der Zukunft“ an drei Grundorientierungen fest: „der communio (Sammlung/Gemeinschaft), der missio (Sendung), der creatio (Schöpfung/Entwicklung)“. „Orte der Nähe“ ließen „communio“ sichtbar und erfahrbar werden. „Missio“ zeige sich vor allem in Situationen, in denen Christinnen und Christen in den „Raum der Weite“ aufbrechen und Gott außerhalb der traditionellen Pfarrgemeinde suchen. „Creatio“ trete an „Orten der Entwicklung“ zu Tage, wo Projekte entworfen, etwas riskiert und ausprobiert werde, wo Gläubige kreativ werden.
(Weitere Informationen zu „Gemeinsam Kirche sein – Pastoral der Zukunft“)

(Leseempfehlung: Ausgabe 4/2017 der Zeitschrift „Lebendige Seelsorge“ unter dem Hefttitel „Pastoralgeographie“)