Wo Glauben vor Ort Raum gewinnt

„Eine wirkliche Bereicherung“Der Pfarrgemeinderat von Heilige Dreifaltigkeit in Brandenburg besucht katholische Neubürger

21. Dezember 2017 Alfred Herrmann

Eine Initiative des Pfarrgemeinderats: Carina Donner klingelt bei neu zugezogenen Katholiken in Brandenburg. Foto: Herrmann

Carina Donner übergibt Herrn Abate den Begrüßungsbrief ihrer Pfarrei. Foto: Herrmann

Carina Donner ist Mitglied im Pfarrgemeinderat und leitet die katholische Kita. Foto: Herrmann

Vor einem Altbau in der Wilhelmsdorfer Straße in Brandenburg: „Hallo! Ich komme von der katholischen Kirche und habe Post für Sie“, ruft Carina Donner, übertönt vom Straßenlärm, in die Sprechanlage. Eine ungläubige Nachfrage später und einem kurzen Moment des Nachdenkens geht der Türsummer, und die 39-Jährige drückt die schwere Holztür auf.

In der zweiten Etage wartet im Treppenhaus ein 33-jähriger Mann, schütteres Haar, roter Pullover, mit verschränkten Armen. Vor wenigen Wochen erst ist er aus dem katholischen Unterfranken nach Brandenburg gezogen. „Aber ich bleibe hier nur ein paar Monate, bis ich meine Masterarbeit fertig habe“, reagiert er abwehrend auf Donners Einladung im Namen der Kirchengemeinde Heilige Dreifaltigkeit. Die Vertreterin des Pfarrgemeinderats übergibt dem Studenten ein Begrüßungsschreiben des Pfarrers sowie den aktuellen Pfarrbrief. „Ich bin zwar katholisch“, beginnt der Mann sich schließlich doch noch zu öffnen, „aber war schon zehn Jahre nicht mehr im Gottesdienst. In der Kirche bin ich nur noch, weil es meiner Oma wichtig ist.“ Es entspinnt sich ein Gespräch über Glaube und Kirche.

Seit einem knappen Jahr ist die Leiterin der katholischen Kita immer mal wieder nach Feierabend unterwegs, um persönlich Begrüßungsbriefe ihrer Pfarrei Zugezogenen zu überbringen. Auf einer Klausur des Pfarrgemeinderats im letzten Januar entstand die Idee, statt, wie in den vergangenen Jahren üblich, die Begrüßungsbriefe nur mit der Post zu verschicken, sie persönlich zu übergeben. „Wir dachten, der persönliche Kontakt kann helfen, dass mehr Leute zu uns finden“, erklärt Donner die Initiative.

30 bis 40 Briefe im Quartal

Nun teilen die elf Mitglieder des Pastoralgremiums rund 30 bis 40 Briefe im Quartal in der Pfarrei aus. Diese erstreckt sich von Pritzerbe bis nach Golzow und von Plaue bis nach Groß Kreutz auf über 734 Quadratkilometern, auf denen zirka 2.650 katholische Christen leben. Donner übernimmt dabei die Innenstadt von Brandenburg. „Man bekommt plötzlich ein Gefühl dafür, wer hier so zur Gemeinde gehört, und lernt Leute kennen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie katholisch sein könnten.“

So erzählt Donner von einer jungen Ärztin aus Süddeutschland. „Sie zeigte sich begeistert, fragte, was es hier alles gibt, hatte Interesse am Singen. Wir haben E-Mail-Adressen ausgetauscht, so dass sie nun von der Pfarrei regelmäßig angeschrieben werden kann.“ Dann berichtet sie von einem polnischen Katholiken. Er sei sehr fromm, käme allerdings nicht zur Messe, sondern verfolge einen polnischen Sonntagsgottesdienst im Internet. „Für mich ist das eine wirkliche Bereicherung, zu sehen, da ist jemand katholisch, der seinen Glauben lebt, aber nicht den Weg in unsere Gemeinde sucht.“ Da sie jetzt um ihn wisse, wolle sie ihn informieren, wenn die Pfarrei mal wieder einen ihrer polnischen Abende organisiert.

Wenn niemand zu Hause ist, gibt Donner nicht auf, sondern kommt wieder. „Bislang habe ich spätestens beim dritten Mal jemand angetroffen“, ist sie zufrieden. Und: Die Tür sei ihr noch nie vor der Nase zugeschlagen worden. Vielmehr werde sie sehr häufig hereingebeten. So lernte sie eine Familie kennen, in der Vater und Sohn katholisch, Mutter und Tochter evangelisch sind. „Eine interessante Konstellation. Sie haben sich mit mir darüber unterhalten, wohin sie sich zugehörig fühlen und dass sie nicht so sehr in die Kirche gehen.“

Die Hemmschwelle senken

Ein Neubau unweit des Hauptbahnhofs: Donner steht mitten in einer Wohngruppe für pflegebedürftige Senioren. Der 73-Jährige, den sie im Namen der Pfarrei begrüßt, ist vor kurzem aus dem Umland in die Stadt gezogen. Er kenne die Kirche bereits, meint er. Drei-, viermal sei er schon dort gewesen. Donner übergibt ihr Kuvert, spricht kurz mit der Pflegekraft. Unklar bleibt, ob der Mann tatsächlich realisiert hat, dass er mittlerweile in einer neuen Pfarrei lebt. „Aber nun wissen sie dort, dass er katholisch ist“, zeigt sie sich zufrieden, und die Gemeinde wisse nun, dass hier ein Senior lebe, der eventuell einmal besucht werden könnte. 

„Mir ist wichtig, dass für Zugezogenen unsere Gemeinde ein Gesicht bekommt, dass sie jemanden persönlich kennenlernen können und einen Ansprechpartner haben, einen ganz normalen Bürger, der im Leben steht“, erklärt Donner ihre persönliche Motivation. Sie möchte die Hemmschwelle für den Besuchten senken, zur Gemeinde dazuzustoßen, in den gemeinsamen Gottesdienst zu gehen. Und sie möchte für sich eine Antwort darauf finden, „warum jemand, der hierher zieht und katholisch sozialisiert ist, nicht zum Gottesdienst kommt.“

Die Besuchsinitiative ist nur ein Projekt, das der Pfarrgemeinderat nach seiner Klausur angeschoben hat. Pfarrer Matthias Patzelt, der seit Mitte 2014 die Kirchengemeinde leitet, initiierte eine spirituelle Findungsphase mit den Fragen: „Wie können wir unsere Pfarrei erneuern? Wie können wir zurück zu unserem Glauben finden und ihn im Alltag leben?“ berichtet Donner aus dem Pfarrgemeinderat. Langsam beginnt sich die Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit auf diesem Weg mehr und mehr zu öffnen. „Bislang haben wir in einer festgefügten Gemeindestruktur gelebt und daher ja auch nicht besonders auf die Zuzügler geachtet oder auch die jungen Leute aus dem Blick verloren.“

So sucht der Pfarrgemeinderat mittlerweile den Kontakt zur Gruppe der 18- bis 35-Jährigen. 420 Gemeindemitglieder gibt es in der Pfarrei in dieser Altersstufe. Alle wurden angeschrieben und im Herbst zu einem Kinoabend im eigens angemieteten „Fontane-Club“ eingeladen. Die Resonanz habe sich aber leider in Grenzen gehalten, meint Donner rückblickend. Nach einer gezielten Auswertung der Aktion entschied sich das Pastoralgremium dennoch, hartnäckig zu bleiben. Im Februar findet nun ein Koch-Abend statt. Diesmal wird die Altersgruppe weiter eingegrenzt und nur die 20- bis 25-Jährigen eingeladen.

Eine spirituelle Findungsphase

Auch wenn Carina Donner diesen neuen Geist nicht mit dem Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ in Verbindung bringen möchte, er bietet eine Chance für den Pastoralen Raum, den Brandenburg künftig mit Rathenow und Bad Belzig bilden wird. Auch wenn die aktive Katholikin die Findungsphase des Pastoralen Prozesses bislang nur als strukturellen Weg zu einer Großpfarrei betrachtet, – die spirituelle Findungsphase, auf die sich die Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit bereits eingelassen hat, kann die nun anstehende Entwicklungsphase durchaus prägen.

Die letzte Adresse des Abends befindet sich in einem Mietshaus nur wenige hundert Meter von der katholischen Kirche entfernt. „Ein ausländischer Name, hoffentlich können sie etwas deutsch“, meint Donner. Als sie klingelt ruft eine Frau von oben aus dem Fenster, im Hintergrund schreit ein Baby. Nachdem Donner ihr Anliegen vorgetragen hat, öffnet sich die Tür. Herr Abate kommt die Treppe herunter. Er könne nur schlecht Deutsch, meint der Italiener. Dennoch, er weiß sofort, um was es bei dem Besuch geht. Abate kennt bereits die Gottesdienstzeiten, gibt er zu verstehen. Donner überreicht ihm den Brief und weist ihn noch auf die katholische Kita neben der Pfarrkirche hin. „Vielleicht kann ich ja der jungen Familie in den kommenden Tagen eine Kopie der deutsch-italienischen Gottesdiensttexte vorbeibringen“, meint sie beim Hinausgehen.