Koch.Kunst & Kultur.Genuss

Erzbischof lädt zu kulinarischem Sommerabend in die Kirchenruine

Der Erzengel Michael traut seinen Augen nicht. Von seinem Späherposten hoch oben über dem Eingangsportal der Kirchenruine St. Michael am Engelbecken hat er alles bestens im Blick. Aber heute ist alles anders als sonst. Er reibt sich verwundert die Augen. Schon den ganzen Nachmittag über hatte er das eifrige Treiben beobachtet: Tische und Stühle werden angeliefert, Servietten kunstvoll zu Bischofsmützen gefaltet. Bunte Marktstände aufgebaut, Scheinwerfer positioniert, Kabel verlegt und Steckdosen überprüft.

Doch abends kommt es noch doller: über den roten Teppich flaniert eine kunterbunte Gästeschar in die Ruine: Intendanten und Schauspieler, Bildhauer und Maler, Schriftsteller und Literaten, Kunsthistoriker und Kulturschaffende. Sie alle geben sich ein Stelldichein, weil der Erzbischof geladen hat zu Begegnung und Austausch, Koch.Kunst und Kultur.Genuss.

Und so dauert es nicht lange, bis Essensduft dem Erzengel verführerisch in der Nase kitzelt, denn verschiedene ausländische Missionen werden an diesem Abend die Gäste mit internationalen Köstlichkeiten verwöhnen: von kroatischen Grill-Variationen über peruanische Spezialitäten und ghanaisch Herzhaftes bis hin zu vietnamesischen Leckerbissen fehlt es an nix. Das Besondere an diesem Abend: Als Teller dienen selbstgefertigte Tonschalen der Künstlerin Uli Aigner, die Bestandteil ihres Kunstprojekts ONE MILLION sind.
Doch auch die Seele erhält schmackhafte Nahrung, denn Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB geht in ihrem Grußwort auf die identitätsstiftende Bedeutung des baukulturellen Erbes von Sakralbauten ein, während Dr. Christiane Theobald, stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, im Rahmen einer Tischrede einen ganz besonderen Fokus auf das Zusammenspiel von Kunst.Kultur.Religion in der heutigen Gesellschaft richtet.

Dass nach all dem Kultur-Input allmählich auch die Mägen leicht knurrend auf sich aufmerksam machen, hört Gott sei Dank niemand, denn die Brass Band Schnafftl Ufftschik verbreitet zwischen den einzelnen Beiträgen mit Jazz und Folk eine fetzige Atmosphäre. Da wippt nicht nur St. Michael hoch oben auf der imposanten Ruine im Rhythmus der Musik mit dem Fuß…

Eine Audio Datei können wir hier leider nicht anfügen, aber einen kleinen Ein-Blick hätten wir schon für Sie. Wollen Sie mal schauen?

Gelungener Verwandtenbesuch: zwei (un-)gleiche Schwestern – Religion und Kunst
So gibt es an diesem Abend ausreichend Gelegenheit, um miteinander in Kontakt und Austausch zu treten und Gemeinsamkeiten oder zumindest Berührungspunkte zu entdecken. Und das gilt nicht nur für die Gäste im Besonderen, sondern auch für Kunst und Religion im Allgemeinen. Schließlich behandeln beide existentielle Fragen. Blicken über das Gewohnte und Reale hinaus. Tragen eine schöpferische Kraft in sich. Verweisen auf etwas Transzendentes, das man auf den ersten Blick nicht wahrnehmen kann. Stellen Nicht-Sichtbares dar.


„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ (Paul Klee)
Nicht-Sichtbares greifbar zu machen – dazu bieten sowohl Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB in ihrem Grußwort sowie Dr. Christiane Theobald, stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, im Rahmen einer Tischrede konkrete Sehhilfen an. Gerne reichen wir die beiden „Brillen“ hier an Sie weiter:

 

Rede von Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB,
Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,
beim Sommerempfang „Koch. Kunst. Kultur“
am 29. August 2019 in Berlin

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Das gilt ganz bestimmt auch für die christliche Nächstenliebe. Die Einladung zum heutigen Abend unter dem Motto „Koch.Kunst.Kultur“ weckt deshalb durchaus auch kulinarische Erwartungen, und das im besten christlichen Sinne: Zwar lebt der Mensch nicht vom Brot allein, doch Speis und Trank bringen Menschen zusammen, ja „gemeinsames Essen ist das Rückgrat des menschlichen Miteinanders“. So hat es kürzlich ein Psychologe formuliert, der in einem langen Zeitungsartikel zum Thema „Gemeinsam essen“ zu Wort kam. Ich freue mich jedenfalls auf gute Gespräche, begleitet von Koch-Kunst und Kultur-Genuss. Vielen Dank für die Einladung, verehrter/lieber Herr Erzbischof Koch.

Ein Gesprächsthema drängt sich mir an diesem Ort und an diesem Tag geradezu auf: Es ist die identitätsstiftende Bedeutung des baukulturellen Erbes im Allgemeinen und der Kirchengebäude im Besonderen. Wir befinden uns hier in der Ruine einer Kirche, die viel über die Geschichte Berlins erzählt - und zwar auf den Tag genau 1010 Jahre, nachdem ein anderer, bedeutender Kirchenbau, der Mainzer Dom nämlich, fast bis auf die Grundmauern niederbrannte. Letzter ist längst wiederaufgebaut und der Brand nahezu in Vergessenheit geraten; St. Michael dagegen ist nach wie vor von den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs gezeichnet und verweist damit auch auf die Grausamkeit von Kriegen. Beide Bauten aber erinnern daran, welch hohe Bedeutung Kirchengebäude weit über die Gemeinschaft gläubiger Christen hinaus haben.

Kirchengebäude sind nicht nur Orte des Gottesdienstes und der Einkehr für Gläubige. Auch Menschen, die keiner Kirche angehören und der Kirche als Institution vielleicht sogar kritisch gegenüberstehen, betrachten Kirchen im Allgemeinen als schützens- und erhaltenswert- sei es als Rückzugsorte im hektischen Alltag, sei es als bedeutende Kulturdenkmäler, als Teil unseres reichen kulturellen Erbes. Kirchen sind Ankerpunkte und Bezugspunkte des gesellschaftlichen Miteinanders. Sie gehören zum Fundament unserer Identität - in Berlin wie in Mainz, in Deutschland und in ganz Europa und der Welt. Nicht umsonst hat ja auch die verheerende Brandkatastrophe von Notre-Dame im April dieses Jahres Gläubige und Nichtgläubige weit über Frankreich hinaus zutiefst erschüttert und eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Auch ich habe meinem französischen Amtskollegen Franck Riester Hilfe beim Wiederaufbau angeboten, und die Kölner Dombau-meisterin Barbara Schock-Werner, eine ausgewiesene Expertin, mit der Koordinierung der Hilfsangebote aus Deutschland beauftragt.

Angesichts ihrer identitätsstiftenden Bedeutung ist der Erhalt von Sakralbauten eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; dazu leistet - neben den Kirchen selbst - auch der Staat seinen Beitrag. In Deutschland sind Denkmalschutz und Denkmalpflege in erster Linie Aufgabe der Länder. Doch auch die Bundesregierung engagiert sich für den Erhalt historischer Gottesdienststätten und Kirchen in Städten und Gemeinden. So sind aus meinem Etat in den vergangenen Jahren beträchtliche Mittel in den Substanzerhalt national wertvoller Denkmäler - darunter auch zahlreiche Kirchen, Dome, Klöster, Synagogen und weitere sakrale Gebäude - geflossen. Überschlägig betrachtet kommt nahezu die Hälfte der Fördermittel aus den Denkmalschutzprogrammen der Bundesregierung Sakralbauten zugute. Das ist beachtlich, zumal wenn man bedenkt, dass längst nicht mehr alle für den Gottesdienst genutzt werden. Und es ist gut angelegtes Geld. Denn Sakralbauten sind - um es in Worten der Bibel zu formulieren - angesichts der hohen Wertschätzung in unserer Gesellschaft ein „Pfund“, mit dem die Gemeinden „wuchern“ können - ein Schatz, der auch dem Zusammenhalt in Vielfalt in einer pluralistischen Gesellschaft zugutekommt. Gerade im multi-ethnischen, multikulturellen Berlin erleben wir jeden Tag aufs Neue, dass die Vielfalt der Kulturen, Religionen, Lebensentwürfe und Weltanschauungen manchmal ebenso beängstigend und verstörend sein kann, wie sie zweifellos inspirierend und bereichernd ist. Vielfalt ist nicht nur Gewinn. Vielfalt bleibt eine Herausforderung - manche empfinden sie sogar als eine Bedrohung.

Zusammenhalt in einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft setzt deshalb zweierlei voraus: zum einen ein Bewusstsein der eigenen Identität - Klarheit darüber, was uns ausmacht als Deutsche, als Europäer. Denn nur wer das Eigene kennt und wertschätzt, kann auch dem Fremden Raum geben und Toleranz entgegenbringen, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen; und wer unser „Eigenes“ kennen will, muss etwas über das Christentum und seine Bedeutung wissen. Das sakrale kulturelle Erbe lädt ein, sich damit auseinander zu setzen. Zum anderen erfordert Zusammenhalt in Vielfalt die Fähigkeit, das Verbindende über das Trennende zu stellen: das Menschliche über die Unterscheidung zwischen gläubig und nicht gläubig, zwischen deutsch und nicht-deutsch, zwischen weiblich und männlich, zwischen muslimisch und christlich. Zu Weltoffenheit und Selbstvergewisserung können insbesondere Kunst und Kultur in besonderer Weise beitragen. Ob Literatur, Theater, bildende Kunst, ob Musik, Tanz oder Film: Kunst kann Verbindendes sichtbar machen, wo das Trennende die Wahrnehmung beherrscht, Kunst kann Perspektiven verschieben und Vorstellungsräume erweitern - und damit auch die Grenzen der Empathie.

Diese Kräfte brauchen wir gerade in diesen Zeiten mehr denn je: in Zeiten, in denen die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft Anlass zur Sorge gibt; in Zeiten, in denen die Bereitschaft schwindet, den Anderen zu ertragen, und sei es schlicht als Gegenüber in einer sachlichen Auseinandersetzung. Deshalb bin ich dankbar, dass die Kirchen sich über den Erhalt des kulturellen Erbes hinaus auch für Kunst und Kultur engagieren: Gerade auch in ländlichen Räumen bringen Kirchengemeinden mit ihrer Kulturarbeit Menschen zusammen; mancherorts sind sie gar die einzigen Kulturanbieter. Bei den neuen Maßnahmen meines Hauses zur Förderung von Kultur im ländlichen Raum habe ich deshalb auch an die Kirchen gedacht. Aus den zur Verfügung stehenden Mitteln wird sowohl ein Projekt der Evangelischen als auch der Katholischen Kirche gefördert.

Darüber hinaus zähle ich auch auf die Stimme der Kirchen in den im wahrsten Sinne des Wortes welt-bewegenden Debatten unserer Zeit. Denn wie die Kunst lenkt auch die Kirche den Blick über Vordergründiges hinaus; wie die Kunst widmet sich auch die Kirche den existentiellen Fragen des Menschseins. Die Verwandtschaft – um nicht zu sagen: Seelenverwandtschaft – von Kirche und Kunst hat wohl kaum jemand poetischer umschrieben als einst der böhmische Schriftsteller Adalbert Stifter, ich zitiere: „Es ist wahr, dass die Kunst in jeder ihrer Darstellungsarten himmlisch ist, ja sie ist das einzige Himmlische auf dieser Welt, sie ist, wenn ich es sagen darf, die irdische Schwester der Religion, die uns auch heiligt, und wenn wir ein Herz haben, sie zu vernehmen, werden wir erhoben und beseligt.“ Damit darf ich Ihnen, darf ich uns allen ganz in diesem Sinne einen erhebenden und „beseligenden“ Abend wünschen: auf gute Gespräche mit „Koch. Kunst. Kultur“!