"Wir sind noch viel zu still"

ein Bericht von Anja Goritzka

Symposium „Gott – Mitten im Leben“ wollte Gesprächsfäden knüpfen

75 Prozent der Einwohner Berlins gehören keiner Kirche an. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind es noch mehr. Doch: Was treibt diese um? Wie können Katholiken mit anderen Menschen ins Gespräch kommen? Wie können Gläubige und Nicht-Gläubige voneinander lernen? Ein erster Versuch anders ins Gespräch zu kommen, war das ganztägige Symposium „Gott - Mitten im Leben“ am 15. Juni in Berlin.

Rund 200 Leute zog es zum Symposium „Gott – Mitten im Leben“ Anfang Juni nach St. Elisabeth in Berlin Mitte. Doch als der Musikproduzent Joe Chialo beim Auftaktgespräch mit Erzbischof Heiner Koch ins Publikum fragte, wer denn unter 20, 25 oder 30 Jahren sei, meldeten sich nur zwei bis drei der Besucher. Kein Wunder, meinte dieser, denn gerade diese Gruppe unter 30 kommuniziere ganz anders. Da tue sich die katholische Kirche schwer. Er, der ab seinem neunten Lebensjahr im Internat der Salesianer lebte, ist überzeugt, dass die Nutzung der Sozialen Medien enorm wichtig sei, um eben Menschen anzusprechen. Das weiß auch das Erzbistum Berlin: So ist es schon seit längerem auf Facebook und Instagram aktiv und auch Erzbischof Koch ist mit einem offiziellen Account auf beiden Kanälen zu finden. Joe Chialo ist überzeugt: „Wenn man Gutes tut, sollte man das auch teilen. Das ist eine moderne Form des Zeugnisablegens.“ Dennoch müsse sich die Kirche auch anders zeigen. So würde in vielen Bereichen die Wertigkeit der Kirche übernommen. Da solle die Kirche nachziehen, sich an die Geschwindigkeiten der Zeit anpassen. „Wie wäre es mal mit einer Expressmesse“, fragte der Musikproduzent provozierend. Heiner Koch indes ist davon überzeugt: „Der christliche Glaube ist mehr als nur Unterhaltung!“ Er sei anstrengend und fordere Konsequenzen und auch die Kirche selber „unterschätze die Bedeutung der Gemeinschaft“. Gerade Gleichgesinnte stärken sich, das erlebe man auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel im Fußball bei Union Berlin. Da sei die zentrale Frage: Wie erreichen wir in Berlin, Brandenburg und Vorpommern noch Gemeinschaft?

Auch bei der anschließenden ersten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt“ war die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch überzeugt: „Es geht durchaus ohne Kirche, aber ohne Gott ist es etwas anderes.“ Im ersten Gespräch saß sie mit Caritasdirektorin Ulrike Kostka und dem Philosophen Wilhelm Schmid auf der Bühne. So betonte Ulrike Kostka die Unterschiedlichkeiten innerhalb der Caritas: Unter den Mitarbeitern im Bistum befänden sich über 25 Nationen und ein unterschiedlich geprägter Glaube, mal polnisch katholisch, mal Diaspora geprägt. Dennoch verbinde sie eine gemeinsame Sprache des Herzens und weiter: „Wir müssen Gott zur Sprache bringen!“ So ähnlich sah es auch Bettina Jarasch für den Bereich der Politik: „Ich bewege mich als radikale Minderheit im normalen Leben. Mein Glaube kann mir nicht egal sein.“ Der Philosoph Wilhelm Schmid, der selber nicht an Gott glaube, räumte ein: „Man lebt nicht, wenn man nicht für etwas lebt.“ Für ihn stehe die Frage im Vordergrund, wofür der Mensch lebe, was für ihn wesentlich sei, eine Grundfrage nach dem Sein, dem Wohin und Wofür. Manche beantworten dies eben mit einem Glauben, andere nicht „Ich wundere mich, dass manche Menschen hier im Raum von Gott sprechen, als ob es klar wäre, wer oder was das ist“, so der Philosoph. Er sei nicht gegen Gott, wisse nur nicht, was das sein soll.

Während es in dieser Diskussion um die Frage nach Gott allgemein ging, wurde es auf dem zweiten Podium intensiver. So stellte Moderatorin Claudia Nothelle der Schauspielerin Adelheid Kleineidam, dem Pädagogen Philip Möller, dem Bildungsreferenten des Humanistischen Verbandes Berlin Sven Thale, der Religionslehrerin Stephanie Kaune und dem Neugetauften Steffen Riemer die so genannte Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du`s mit der Religion?“ Spannend wurde es von den unterschiedlichen Lebenswegen zu hören. Auf der einen Seite Steffen Riemer zum Beispiel, der in einem atheistischen Umfeld aufwuchs und doch unzufrieden im Alltag war, dann vor zwei Jahren seine Frau kennenlernte und mit ihr das Taufprogramm der englischen Mission mitmachte. Auf der anderen Seite Philip Möller, dessen Vater hauptamtlicher katholischer Kirchenmusiker ist, der oft in der Kirche war und dennoch heute sagt: „Gott hatte seine Chance. Ich bin überzeugter Humanist.“ Auch die Schauspielerin Adelheid Kleineidam erlebte als katholisch getauftes Kind mit zehn Jahren „falsche Töne“ innerhalb der Kirche, sowohl musikalisch als auch menschlich. Dennoch ist Glaube für sie jetzt als erwachsene Frau wichtig: „Gott ist für mich körperlich. Wir Menschen sind das zu Hause von Gott.“ Auch sei der Kirchraum körperlich aufgeladen. Stephanie Kaune indes ist davon überzeugt, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes sei. Dennoch könnte niemand bis ins kleinste Detail erklären, wer Gott eigentlich sei. Für sie war jedoch wesentlicher, dass Gläubige immer mit ihrer eigenen Person Zeugnis ablegen. „Warum gehen wir jetzt nicht einfach alle raus und auf andere Menschen zu? Kirche ist wichtig, aber wir sind wichtiger“, meinte sie.

Auch der Bestattungsunternehmer Eric Wrede rief die Teilnehmer in der dritten Diskussionsrunde dazu auf aktiver zu werden: „Warum holt ihr die Menschen nicht früher ab“ und weiter: „Religiosität ist die Kernkompetenz der Kirche und die wird ihr von anderen aus der Hand gerissen.“ Ihn selber erschrecke es, wie oft er als Seelsorger gesehen werde, dabei sei gerade das Aufgabe und eben Kernkompetenz der Kirchen – sowohl evangelisch als auch katholisch. Wichtig sei es Profil zu zeigen! Die Leiterin des Malteser Hospizdienstes Kerstin Kurzke betonte, dass ihre Arbeit am Ende des Lebens nicht unbedingt zum Glauben hinführe. Aber das Leid auszuhalten, gehe für sie nur durch ihren eigenen Glauben. „Wir sind eher Hebammen für das Sterben“, meinte sie bei der Diskussionsrunde „Glaube auf dem Prüfstand. Wo ist Gott in Leid und Scheitern?“

Während die Improvisationstheatergruppe „die Gorillas“ für Auflockerung sorgte, fasste der Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl den Vormittag für alle wie folgt zusammen: „Das Christentum hat kein Monopol auf Werte, auch nicht auf Sinn und nicht einmal auf das, was wir Gott nennen.“ Nach einer guten Stärkung stand am Nachmittag das eigene Sprechen über den Glauben im Vordergrund. In kleinen Gruppen wurde gemeinsam auf die unterschiedlichen Aspekte des katholischen Glaubens geschaut: „Glaube auf dem Lande“ oder eben „Kirche und Medien“, „Der Sound der Stadt“ oder „Kirche findet statt“  hießen die 10 Kleingruppen. Hier wurde sich konkret ausgetauscht. Wie kann ich mit anderen ins Gespräch kommen? Wie kann ich meinen Glauben zeigen? Wie ihn auf die Straße tragen? Sätze wie „Wir müssen zu den Ursprüngen zurück, weg vom Kristallisationspunkt Priester“ oder „Da, wo wir Nöte und Sorgen in der Gesellschaft erkennen, sind wir da“ aber auch „Welche Antwort, welchen Mehrwert hat Kirche heute“ oder „Glaube ist nicht nur Eigentherapie“ waren zu hören.

Beim abschließenden Gespräch mit Erzbischof Heiner Koch und den Teilnehmern machte dieser deutlich: „Wir brauchen Gesprächs- und Freiräume, in denen Glaubenserfahrungen gemacht werden können. Das müssen wir als Katholiken fördern.“ Auch andere Teilnehmer stimmten zu, eine meinte gar: „Wir sind als Christen in der Öffentlichkeit noch viel zu still. Da ist noch ganz viel Luft nach oben!“ Ulrike Kostka hatte gar einen Traum: „Ich kann mir vorstellen, dass ich mich einmal im Monat in meiner Wohnküche mit Menschen treffe, die bei meinem Haus vorbei gehen, und mit ihnen über Gott ins Gespräch komme.“ Ein Anfang, um ins Gespräch zu kommen, sei mit dieser Veranstaltung gesetzt, der Gesprächsfaden mit Gläubigen und der Gesellschaft soll und wird vom Bistum weiter geführt.