Yousufs untragbare Situation

Seit 2016 ist Yousuf, ein Mann aus Afghanistan, in Berlin; seit 2019 ist er in Deutschland als Flüchtling anerkannt. Yousuf ist nicht sein richtiger Name; ich will ihn für diese Geschichte so nennen. Bei seiner Flucht musste er seine Frau und seine fünfjährige Tochter in Kabul zurücklassen. Bestürzt hat mich, dass Yousuf seine Tochter bisher kaum kennt, sie fast fünf Jahre nicht mehr gesehen hat. Als er von ihr erzählt, muss ich an meinen Vater denken. Er hatte durch den Krieg und seine Folgen meine Schwester ebenfalls über 5 Jahre lang nicht gesehen.

Yousuf fällt es zunehmend schwer, die Hoffnung seiner Frau lebendig zu halten, die Hoffnung auf Familiennachzug. Denn obwohl er den Antrag schon kurz nach seiner Anerkennung gestellt hat, liegt immer noch keine Antwort vor. „Wie lange dauert es noch?“ fragt seine Frau am Telefon immer wieder und widerspricht ihm, wenn er von Monaten oder gar Wochen spricht. Jahre würde es wohl noch dauern, sagt sie und die Verzweiflung wächst.

Unterstützung bekommt der junge Geflüchtete vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Die Beraterinnen und Berater kennen diese Situation des schier endlosen Wartens, sie teilen Yousufs Ungeduld. Sie wissen auch um die Folgen, die das für die Geflüchteten selbst hat. Wenn sie in Angst und Sorge um ihre Familien sind, fallen ihnen Integration, Ausbildung, Sprachkurs sehr viel schwerer. Eine Zukunfts-Perspektive entwickeln die meisten erst, wenn die Familie da ist. Bis dahin wirken junge Männer wie Yousuf oft wie blockiert. Was seinen Antrag angeht, sind die Beraterinnen und Berater aber auch hilflos. Im Gespräch mit Yousuf wird mir bewusst, wie untragbar diese Situation ist. Es ist unzumutbar, Menschen eine so lange Zeit im Ungewissen zu lassen.

Die Geburt des Jesuskinds im Stall - nicht in der Heimatstadt seiner Eltern Nazareth - sondern in Bethlehem, ist letztlich auch einer behördlichen Anordnung geschuldet. Doch trotz aller widrigen Umstände konnten Maria, Josef und das Jesuskind gemeinsam das erste Weihnachtsfest feiern.
Auch ich darf in diesen Stunden mit vielen Menschen gemeinsam Weihnachten feiern. Ich weiß mich auch mit denen verbunden, die heute nicht die Geburt des Gottessohnes, sondern einfach nur ein Familienfest feiern. Meine Gedanken und mein Gebet gilt aber gerade in dieser Heiligen Nacht all denen, die wie Yousuf ohne Familie feiern, all denen, die heute Abend alleine, traurig oder einsam sind. Ihnen wünsche ich ganz besonders ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Und vielleicht hilft gerade Ihnen die Botschaft der Weihnacht: Gott ist ganz nah bei uns – und sei es in einem Stall.