Das Erbe angenommenErzbischof Koch stellt Weichen für Umbau der Hedwigskathedrale

Berlin (KNA) Die Entscheidung war überfällig - und sie fiel wie erwartet: Die Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale, wichtigster katholischer Bau in der Hauptstadt und eine der bedeutendsten Bischofskirchen Deutschlands - wird tiefgreifend umgestaltet. Erzbischof Heiner Koch gab seine Entscheidung am Dienstag in einem "Hirtenwort" bekannt.

Der ungewöhnliche Schritt, eine ab 2018 geplante Baumaßnahme in einer solchen Form bekannt zu geben und auf sieben Seiten zu begründen, erklärt sich aus der Vorgeschichte. Auf den Tag genau drei Jahre zuvor hatte Kochs Amtsvorgänger, der heutige Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki, das Projekt auf den Weg gebracht. Er lobte einen Architekten-Wettbewerb zur Sanierung und Neugestaltung des Kathedralinneren aus. Damit griff er bereits bestehende und unstrittige Forderungen nach einer grundlegenden Renovierung auf.

Der Wettbewerb war ergebnisoffen ausgeschrieben. Aus seinem Unbehagen über die bestehende Raumfassung machte Woelki indes keinen Hehl. Beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Kathedrale hatte der westdeutsche Architekt Hans Schwippert (1899-1973) bis 1963 eine ungewöhnliche Bodenöffnung im Zentrum der Kirche angelegt, die es dort zuvor nicht gegeben hatte. Durch sie führte eine Treppe zur Unterkirche, in der die Berliner Bischöfe und der seliggesprochene Dompropst und Hitler-Gegner Bernhard Lichtenberg (1875-1943) ruhen.

Für viele vor allem Ost-Berliner Katholiken steht dieses Raumkonzept für die Verbindung der Lebenden und der Toten. Überdies sehen sie darin ein einzigartiges Beispiel des Zusammenwirkens von Architekten aus Ost und West in den Zeiten, in denen auch das Bistum Berlin unter der deutschen Trennung litt.

Woelki dagegen verwies auf die Defizite, die diese Raumfassung mit Blick auf die Vorgaben aufweist, die das Zweite Vatikanische Konzil (192-1965) macht. Der bei Abschluss des Wettbewerbs im Juni 2014 erstplatzierte Entwurf des Fuldaer Architektenbüros Sichau und Walter sowie des Wiener Künstlers Leo Zogmayer trägt diesen Einwänden Rechnung. Danach wird die Bodenöffnung im Zentrum geschlossen, in die Mitte kommt stattdessen ein Altar, der kreisförmig von Sitzgelegenheiten umgeben sein wird.

Sein Wechsel im September 2014 an die Spitze des Erzbistums Köln verhinderte, dass Woelki sein Projekt selbst zu Ende führen konnte. So musste er es Heiner Koch "vererben", der ihm ein Jahr später in Berlin nachfolgte. Unterdessen hatten die Kritiker einer solch einschneidenden Umgestaltung namhafte Unterstützer gefunden. So wandten sich 18 leitende Denkmalpfleger und Kunsthistoriker im September 2014 an die Deutsche Bischofskonferenz, um das Projekt zu verhindern.

Angesichts dieser Konfliktlage nahm sich Erzbischof Koch viel Zeit. Im vergangenen Dezember holte er Befürworter und Gegner des Architekten-Entwurfs bei einem Experten-Kolloquium an einen Tisch. Anschließend bat er Gremien und Räte des Erzbistums um qualifizierte Voten dazu. Sie fielen mehrheitlich für eine Umgestaltung aus, allerdings teilweise mit erheblichen Verbesserungsvorschlägen. Nur die Kunstkommission blieb unentschieden. Mit diesen Voten im Rücken sieht Koch sich bestärkt in seinem Wunsch nach einem Kirchenraum, der auch Menschen anspricht, "denen christliche Symbole fremd sind". 

Mit seiner Weichenstellung steht das Erzbistum Berlin nun vor dem größten Bauprojekt seiner Geschichte. Es veranschlagt die Gesamtkosten auf 60 Millionen Euro. 43 Millionen Euro sind für die Bischofskirche vorgesehen, 17 Millionen Euro für das benachbarte Bernhard-Lichtenberg-Haus. Dort sind ein "Wissenschaftszentrum" für einen Dialog über ethische oder interreligiöse Fragen, ein "niedrigschwelliges Caritasangebot" sowie der Dienstsitz des Berliner Erzbischofs geplant.

Bei der Finanzierung peilt das Erzbistum eine Drittelung an. 20 Millionen Euro hat es bereits selbst an Rückstellungen vorgenommen, ebenso viel haben die anderen 26 deutschen (Erz-)Diözesen zugesagt. Die verbleibenden Summe soll aus staatliche Fördermitteln und privaten Sponsoren aufgebracht werden. Zugleich betont Erzbischof Koch, dass die Mittel für Kirchengemeinden, Caritas und Seelsorge wegen des Projekts "auf keinen Fall" reduziert werden dürften. Der Skandal um das Limburger Bischofshaus ist als warnendes Beispiel präsent.