„Du siehst mich“ Interview zum Ev. Kirchentag 2017

Sehr geehrter Herr Dr. Uwe Mai, Sie sind Historiker, arbeiten ehrenamtlich als Schöffe und sind Mitglied im Sachausschuss „Ökumene und interreligiöser Dialog“ des Diözesanrates Berlin. Was verbinden Sie mit dem Thema des Kirchentags: „Du siehst mich“?

Dass man gesehen wird. Ich falle immer auf im Rolli. Ich merke ein Gefühl von Beobachtetsein, weil es nicht die Regel ist. Das Motto des Kirchentags war nicht so gemeint. Aber auch dort werde ich in der Rolle des Rollstuhlfahrers gesehen. So werde ich manchmal zum Objekt der Wohltätigkeit. Ich kenne es, in den Bus geschoben zu werden, obwohl ich dort nicht rein möchte.

Wie war der Service beim Kirchentag für Teilhabe?

Menschen mit besonderen Bedürfnissen konnten sich über die Servicenummer „Kirchentag barrierefrei“ anmelden. Teilweise wusste der Begleitdienst nicht, wen sie wohin bringen. Man suchte jemanden, fand ihn nicht. Dafür kam jemand mit einem Rollstuhl, in den ich mich setzen sollte. Ich sagte: „Ich brauche keinen Rollstuhl, ich sitze bereits in einem. Ich möchte nur zum Fahrdienst.“ Zu mir kamen drei engagierte Pfadfinder, was toll ist. Sie wussten nicht, wohin ich wollte. Das ist nicht schlimm - ich konnte es ihnen erklären.

Ich kenne den Französischen Dom, aber wie der Aufzug funktioniert, war ein Rätsel. Als endlich jemand mit dem Fahrstuhl kam, konnten wir mitfahren. Man wurde immer dorthin gefahren, wo noch ein Rollstuhl hinpasste. Im Berliner Dom ist Platz in einer Nische, an der zwei Sitzreihen ausgebaut wurden. Dort sammeln sich dann die wenigen Rollis. Manche bleiben von der Vorveranstaltung. Dann passt keine weitere Person dorthin.

Auf dem Messegelände besuchte ich die Veranstaltung zum Thema Heil und Glaube. Spannend war die Anreise: Menschenmassen strömten heraus, neue Besucher hinein. Die Massen kollidierten, die Rollstühle in der Mitte. Als Eckhard von Hirschhausen die Leute zum Aufstehen aufforderte, saßen wir im Tal hinter großen Rucksäcken, vor denen man den Kopf zurückziehen musste, um nichts abzukriegen.

Andere können schnell woanders hingehen, aber mit Rolli ist man nicht so mobil. Man ist nicht auf Augenhöhe mit den andern, sondern ist auf die Hälfte des Körpers auf Augenhöhe reduziert und das muss nicht immer ein Gewinn sein.

Wie haben Sie den Abschlussgottesdienst in Wittenberg erreicht?

Wir sind früh zu Hause abgeholt worden, wir fuhren Umwege, es gab Polizeisperren und nach sechs Stunden wurden wir in „wilden“ Aktionen über den Elbdeich geschoben, um auf einem vorgesicherten Weg zum Gottesdienstgelände gerollert zu werden. Dort endete der Begleitdienst.

Auf dem Gelände war man auf sich selbst gestellt  – zum Glück war ein guter Freund dabei. Vor der Bühne gab es einen reservierten weißen Rollstuhlbereich. Der Ort wirkte bei Hitze wie ein Brennspiegel, sodass einige auf die Wiese gefahren sind aus Angst um die Elektrorollstühle, ihre Luftbereifung oder ihr eigenes Wohlbefinden, zumal viele gesundheitlich eingeschränkt sind. Sinnvoll wäre eine schattenspendende Überdachung gewesen.

Auf dem Rückweg standen Busse und Rollifahrer zunächst an unterschiedlichen Stellen. Spätabends war ich dann gut wieder in Berlin nach einem wunderbar humorvollen Austausch mit einer anderen Rollstuhlfahrerin in unserem Shuttle.

Wie haben Sie andere Menschen mit besonderen Bedürfnissen erlebt?

Es gibt „gelernte Rollis“, die ihr Handicap und ihre Fähigkeiten einschätzen können. Ich hab vor allem ältere Menschen, die mobilitätseingeschränkt waren, erlebt, die zunächst Hilfe ablehnten und dann auf dem Rückweg plötzlich hilflos wurden: „Das pack ich nicht mehr, wie komm ich zurück?“ Das war auch für die Helfer schwierig und brauchte Improvisation.

Wie begegnen Sie Herausforderungen?

Schon J. F. Kennedy sprach darüber, dass man die Realität nur ändern könne, wenn man sie anerkennt. Das ist ein Schritt, den man machen muss, wenn man eingeschränkt ist. Sonst lebt man mit der Illusion: „Ich kann das noch“ und verschätzt sich.

Es hat mit der eigenen Selbstwahrnehmung zu tun. Letztlich muss ich mit meinem Handicap jeden Tag entscheiden: mach ich etwas oder nicht. Ich muss dem ins Auge sehen - im Sinne von „Gott sieht mich“. Das ist eine Form von Wahrnehmung. Wir wissen vieles und vieles nicht, vor allem nicht, was kommt. Es gibt keine Norm für das Leben.

Es ist schwer zu akzeptieren, keinen Anspruch darauf zu haben, gesund zu sein. Das Größte ist, es zu nehmen und zu sehen, was ist. Ein Kirchentag ist ein Moment zur eigenen Standortbestimmung: Was kann ich? Letztlich ist das nicht besonders kirchentagsspezifisch. Aber es fragen viele engagierte Menschen, ob sie helfen können. Das ist positiv: Hilfe zu erfahren und Akzeptanz.

Welchen Traum zum Miteinander auf Kirchentagen haben Sie?

Zur Selbstverständlichkeit von Bedürfnissen fällt mir auf: Als Rollifahrer habe ich besondere Bedürfnisse und brauche Hilfsmittel. Wenn jemand kein Englisch kann, ist es klar, dass ein Dolmetschdienst angeboten wird. In der Wahrnehmung scheint es eine andere Selbstverständlichkeit, einen Übersetzungsdienst anzubieten als einen Rollstuhlservice.

Obwohl es von der Sache her vergleichbar ist: Es geht um Teilhabe. Der technische Aufwand für den Übersetzungsdienst ist nicht größer als ein Rollstuhltransport. Aber man wird anders behandelt, weil es nicht so selbstverständlich ist. Ich fände gut, wenn Bedürfnisse gleichwertig gesehen würden.

Das Interview führte: Sr. Monika Ballani MMS, Referentin Seelsorge Menschen mit Behinderung