Ein Haus mit Geschichte

Foto: ZdK / Nadine Malzkorn

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zieht nach Berlin. Seine neue Heimat in der Schönhauser Allee hat als Sitz eines Hilfswerks und Schutzraum für verfolgte Juden eine bewegte Vergangenheit – und ist mit großen Namen verbunden.

Egal, bei wem man sich umhört: Fast überall klingt Wohlwollen, sogar Freude über den in zwei Monaten bevorstehenden Umzug des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) von Bonn nach Berlin durch.

„Berlin ist nun einmal das Zentrum der politischen Kommunikation und Entscheidungen in Deutschland“, sagt der ehemalige Bundespräsident Wolfgang Thierse. Neben Bundestag, Bundesrat, Kanzleramt und sämtlichen Ministerien seien in der Hauptstadt längst „auch die Medien so konzentriert wie nirgendwo sonst im Lande. Und deswegen gehört hier selbstverständlich auch das ZdK hin, wenn es im Konzert der Republik mitspielen will“, sagt Thierse, der 30 Jahre Mitglied im ZdK war. „In Berlin wird die Musik gemacht.“

Das sieht auch ZdK-Präsident Thomas Sternberg so. Das ZdK sei anders als etwa die Deutsche Bischofskonferenz, die in Bonn bleibt, „weniger eine innerkirchliche Institution als vielmehr eine Institution, die auch viele sozialpolitische und gesellschaftliche Fragen diskutiert“. Um katholische Positionen besser in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen zu können, hat er sich seit vielen Jahren für den Umzug der 27 ZdK-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter an die Spree stark gemacht.

Doch es sind nicht nur pragmatische Gründe, die Sternberg und Thierse freuen. Es ist vor allem der Standort, den das ZdK-Generalsekretariat unter der Leitung von Marc Frings im Januar 2022 beziehen wird. Ursprünglich sollte Frings’ Team in einen geplanten Neubau in Berlin- Mitte einziehen. Nachdem dort der Bauherr abgesprungen war, musste ein anderes Quartier gefunden werden. Das liegt in einem „architektonisch wunderbaren sowie historisch überaus bedeutsamen Gebäude“, sagt Sternberg.

In dem denkmalgeschützten Bauwerk an der Schönhauser Allee 182, gleich neben der Herz-Jesu-Kirche, war einst das „Hilfswerk beim bischöflichen Ordinariat“ untergebracht. Das setzte sich während der Nazizeit für den Schutz von Juden ein. Bis 1941 wurde es von Dompropst Bernhard Lichtenberg organisiert. Nachdem dieser von der Gestapo festgenommen wurde, übernahm die Sozialarbeiterin und Laiendominikanerin Margaret Sommer dessen Amt und bewahrte während des Holocaust etliche Berliner Juden vor der Deportation in ein Vernichtungslager. Sogar im Keller der Herz-Jesu-Kirche hielt Sommer zusammen mit Horst Rothkegel, dem damaligen Kaplan der Herz-Jesu-Gemeinde, einige Juden versteckt.

Während Lichtenberg, der in seiner zweijährigen Haftzeit schwer an Herz und Nieren erkrankte, 1943 auf dem Transport ins KZ Dachau verstarb, überlebten Sommer und Rothkegel die Nazizeit. Das Engagement der drei gehört laut Sternberg „zu den großen positiven Ereignissen der deutschen Kirchengeschichte“.

Nach 1945 wirkte Sommer bei der katholischen Frauenseelsorge und zählte zu den ersten Mitgliedern der Gesellschaft für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit in Berlin. 1950 floh sie vor den Kommunisten nach Westberlin. 1953 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. In der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wurde sie, wie der seliggesprochene Lichtenberg, posthum mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde Bernhard Lichtenberg Namenspatron der Berliner Pfarrei, zu der neben einigen Kirchen in Berlin-Mitte und Kreuzberg auch die Gemeinde Herz Jesu gehört.

Einzige katholische Mädchenschule der DDR

Seit 48 Jahren geht Wolfgang Thierse hier regelmäßig zum Gottesdienst. Stolz ist man in Herz Jesu und beim ZdK aber nicht nur auf die Geschichte rund um Lichtenberg und Sommer, sondern auch darauf, dass in der Gemeinde über viele Jahre die einzige katholische Mädchenschule, die es in der DDR gab, zu Hause war. Bevor die Theresienschule aus Platzgründen nach Weißensee abwanderte, machten hier evangelische und katholische junge Frauen gemeinsam Abitur. Beim ZdK ist man sich daher sicher, dass die Schönhauser Allee auch ein Ort gelebter Ökumene ist.

Mit vielen Hinzugezogenen aus dem Rheinland und Baden- Württemberg gilt Herz Jesu heute als eine eher jüngere Gemeinde. Die Mitarbeiter des ZdK werden hier, da ist sich Wolfgang Thierse sicher, „die ganze Lebendigkeit der Stadt spüren, auch ihre Zudringlichkeit und ihre Widersprüchlichkeit“. Denn anders als das vergleichsweise idyllische Bonn sei Berlin eine „härtere Stadt, die weltanschaulich, religiös und ethnisch viel pluralistischer ist“. Nach einer kurzen Pause fügt Thierse noch hinzu: „Das ist doch gut.“