Geistlicher Missbrauch versus geistliche Selbstbestimmung

Ein Abend in der Katholischen Studierendengemeinde Berlin mit Doris Reisinger zum Thema „Geistlicher Missbrauch“

„Geistlicher Missbrauch hat oft die gleichen desaströsen Auswirkungen wie sexueller Missbrauch“ – beim Zoom-Abend der KSG Edith Stein Berlin am 4. November 2020 sah Referentin Doris Reisinger (ehemals Wagner) bei dieser Aussage in viele überraschte studentische Gesichter. Kein Wunder, denn das Thema ist  – im Gegensatz zum sexuellen Missbrauch – noch neu im innerkirchlichen Diskurs. Dennoch spiegelte sich im Laufe des Abends auch das ein oder andere Wiedererkennen in den Fragen der Studierenden.
Die ehemalige Ordensfrau Doris Reisinger zeigt an Beispielen, wie zerstörerisch geistlicher Missbrauch sein kann: sie berichtet von erfolgreichen Businessmännern, die ihr gesamtes Geld übergeben und von nun an um jeden Cent bitten müssen, wenn sie z.B. Zahnpasta kaufen möchten. Sie berichtet von  Menschen, die körperlich und seelisch zerstört noch Jahre nach ihrem Ordensaustritt unter den Folgen der geistlichen Kontrolle leiden und von Ordensfrauen, die das Gespür für sich selbst so sehr verloren haben, dass sie sich gegen sexuellen Missbrauch ihrer Seelsorger nicht mehr wehren können.

Die Motive der Täter? Von finanziellen Interessen über fanatische Glaubensüberzeugungen zu Narzissmus und Sadismus sei alles dabei, so Reisinger.
Schnell wendet sich die Diskussion mit den Studierenden den Ursachen zu: Wie kann ein Mensch vor geistlichem Missbrauch geschützt werden? Welches „Schuhwerk“ (Reisinger) braucht es, um spirituell resilient durchs Leben zu gehen? Die Antwort ist klar: es braucht geistliche Selbstbestimmung. Es ist wichtig, dieses Verständnis schon Kindern zu vermitteln. Spirituelle Angebote, die ohne Druck und Zwang daherkommen, ermöglichen es Kindern, sich und ihren persönlichen Glauben selbst zu finden. Auch wenn das (zum Schrecken mancher Priester) hieße, dass dann vielleicht niemand mehr zum Gottesdienst oder zur Beichte käme.

Dieses Gedankenspiel lässt bereits erahnen, wie herausfordernd es für die Katholische Kirche wäre, konsequent die geistliche Selbstbestimmung des Einzelnen zu fördern. Denn obwohl die Freiheit der Gläubigen in der katholischen Lehre angelegt ist, beansprucht die Kirche doch oft die letzte Wahrheit für sich. In Lehre und Kirchenpraxis dominiert nicht die Freiheit des Einzelnen, die Kirche bestimmt.  Ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt.

Ist geistlicher Missbrauch damit in der Katholischen Kirche nicht systemimmanent, fragen die Studierenden. Ja, sagt Reisinger. Wie kann man da noch hinter dieser Kirche stehen? Kann man noch Priester werden (auch Priesteramtskandidaten sind unter den Studierenden anwesend)? Obwohl es auf solche Fragen an diesem Abend keine eindeutigen Antworten gibt, spürt man bei der Referentin und den anwesenden Studierenden  wie stark ihr Wunsch ist, eine Kirche zu gestalten, die ein Ort der geistlichen Freiheit, der Selbstbestimmung und des Wachstums ist. Auch wenn das unter Umständen hieße, Kirche ganz neu zu denken. Man merkt: die Hoffnung darauf ist keineswegs verloren, solange es in der Kirche Menschen gibt, die bereit sind, sich mit der schmerzlichen Realität auseinanderzusetzen und die problematischen Aspekte ihrer Kirche und des eigenen Glaubens zu reflektieren. Das schadet diesem Glauben nicht, sondern macht ihn authentischer.

 

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