Herausfordernde Zeiten

Sr. Regina Stallbaumer ist Seelsorgerin in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Eisenhüttenstadt. Dort erlebt sie die Herausforderungen angesichts der erhöhten Zahl an Geflüchteten, die derzeit über Belarus und Polen einreisen.

Ich nähere mich der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. Am Eingang stehen bereits einige Menschen. Ob auch dies Geflüchtete sind, die über Belarus und Polen nun neu nach Deutschland gekommen sind? Auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung sind deutlich mehr Geflüchtete unterwegs als noch vor wenigen Wochen.

Tag für Tag hat sich die Erstaufnahmeeinrichtung weiter gefüllt. Viele von ihnen werden von der Bundespolizei aufgegriffen und direkt in die Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Tag für Tag wurden neue Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen. Sie wohnen in verschiedenen Häusern, Containern und mittlerweile auch in beheizten Zelten. Und Tag für Tag werden Geflüchtete in andere Unterkünfte weiterverteilt - in Brandenburg und bundesweit - um wieder Platz für Neuankommende zu schaffen. Die Situation ändert sich wöchentlich und bedarf regelmäßig neuer Anpassungen.

Eine besondere Herausforderung stellt die Eingangsquarantäne dar. Um eine mögliche Ausbreitung von Covid 19 zu verhindern, müssen alle Neuankommenden zunächst in Quarantäne gehen. Erst nach einigen Tagen und negativem Corona-Test dürfen sie sich frei auf dem Gelände bewegen. Bei vielen Neuankommenden geht es zunächst einmal um die Grundversorgung. Essenspakete werden gepackt, transportiert und verteilt. Die Geflüchteten brauchen Hygieneprodukte und Kleidung. Bei einigen Geflüchteten ist eine medizinische Versorgung notwendig. Die Flucht hat sie gezeichnet. Ich komme mit Geflüchteten ins Gespräch.

Wie geht es ihnen?

Hakim (Name von der Redaktion geändert), erzählt mir von seiner Flucht. Einige Wochen steckte er im Wald im Grenzstreifen zwischen Belarus und Polen fest. Auf der belarussischen Seite wurde er nach Polen geschickt. Und in Polen wurde er wieder zurückgeschickt. Einige Tage musste er ohne Essen und Trinken auskommen. Er ernährte sich von dem, was er in der Natur fand. Es war kalt. Es war aussichtslos. Es war schrecklich. Über Wochen hinweg gab es kein Entkommen. Zeitweilig wünschte er sich den Tod. Dann ist es ihm doch gelungen, den Grenzstreifen zu entwischen und weiter nach Deutschland zu fliehen.

Wie viele andere spürt auch er die Wunden der Flucht am eigenen Leib: aufgeschwollene Füße und Spuren von Schlagstöcken. Und es gibt auch die inneren Wunden. Die Erlebnisse haben sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Schlaflose Nächte sind die Regel. Und wenn er doch einschläft, verfolgen ihn Albträume, die ihn schweißgebadet und verängstigt wieder aufwachen lassen.

Im Laufe des Tages ergeben sich weitere Begegnungen. Vier Christ:innen aus dem Iran suchen mich auf. Mahdie (Name von der Redaktion geändert) ist ganz aufgewühlt, angesichts dessen, was sie in ihrem Herkunftsland und auf der Flucht erlebt hat: Sie wurde aufgrund ihres Glaubens verfolgt und auf dem Weg nach Deutschland vergewaltigt. Auch in der Erstaufnahmeeinrichtung kommt sie noch nicht recht zur Ruhe. Die vier Iraner:innen freuen sich, auf jemanden von der Kirche zu stoßen. Hier fassen sie Vertrauen. Sie möchten gemeinsam beten, was ich gerne mit ihnen tue. Es ist spürbar, wie Mahdie ein wenig aufatmen kann.

Da sein, zuhören, die Menschen als Mensch wahrnehmen, sie ernst nehmen und ihre Sorgen und Hoffnungen mittragen, an die richtigen Stellen weitervermitteln – und, wenn gewünscht, auch mit ihnen beten. All das löst noch nicht die ganze Situation. Doch erlebe ich immer wieder, wie dies Menschen innerlich ein wenig aufrichten kann. Accompany – „Menschen begleiten“ – ist ein wichtiger Grundsatz des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Dies bedeutet auch, Menschen nicht nur als Zahl, als Objekt, das zu versorgen ist, wahrzunehmen, sondern sie in ihrer Würde zu sehen. Hinter jeder Zahl steckt eine Lebensgeschichte, eine Person mit ihren je eigenen Fähigkeiten, Sehnsüchten, Verletzungen und inneren Kämpfen. Doch einen Ort zu haben, wo ich als Mensch wahrgenommen werde, wo ich nichts organisieren und leisten muss, wo ich da sein darf mit all dem, was mich gerade umtreibt und wo ich mit all dem angenommen bin - das kann Menschen aufatmen lassen, sie auf richten und ihnen Kraft für den nächsten Schritt geben.

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