Wann sehe ich Mama wieder?

Wiegen die Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit durch den Freiheitsentzug eines Strafvollzugs eh schon schwer – so sind es jetzt in der Ausnahmesituation der Coronakrise die Gefühle Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit, die die straffälligen Mütter in der JVA sehr stark spüren. Abgeriegelt hinter Gittern gibt es seit Mitte März keine Besuche mehr, der Kontakt nach draußen ist sehr erschwert. Nur allernötigste Besuche sind möglich. Der Besuch der eigenen Kinder zu Spielstunden gehört hier aus Schutzgründen nicht dazu.

Kinder haben ihre inhaftierten Mütter seit März nicht mehr gesehen. Die wöchentliche Spielstunde entfällt auch seitdem. Telefonate sind nur zu bestimmten Zeiten mit klaren Vorgaben eines beschränkten Zeitkontigents möglich und wenn genügend Geld für eine Telefonkarte vorhanden ist. Ebenso ausgesetzt ist der offene Vollzug, um sich selbst um die eigenen Kinder zu kümmern. Eine Lockerung ist nicht in Sicht. Erschwerend kommt für viele Kinder hinzu, dass sie in verschiedenen Heimen untergebracht sind und sich Geschwister auch nicht sehen dürfen. Neben der spürbaren Liebe der Mutter fehlen so auch noch die Geschwistermomente, die Halt und  Schutz geben in einer schwierigen Lebensphase.

Die Bindung zu den Kindern nicht zu verlieren trotz Strafvollzufg, ist für viele der inhaftierten Mütter eine Herzensangelenheit und für die Kinder im Zuge ihrer Entwicklung eine essentielle Lebensnotwendigkeit. Einmal die Woche gemeinsame Zeit zu verbringen bedeutet ein beständiges Ritual, das allen in normalen Zeiten trotz der außergewöhlichen Situarion einer Haft zumindest etwas Sicherheit und Nähe gibt. Ungestört spielen zu können in der Kuschelecke des Spielzimmers, Privatspäre zu haben mit den eigenen Kindern, sich kümmern zu können – zur Zeit nur eine große Sehnsucht.
Mit dem Begleitdienst kid mobil versucht der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Berlin über die ehrenamtlichen Begleiter*innen den Kontakt zu den Kindern aufrecht zuerhalten soweit es eben geht. Normalerweise begleiten Ehrenamtliche die Kinder zu ihren Müttern in die JVA. Jetzt ist es telefonische Seelsorge für die Kinder, um ihnen die Angst und die Hilflosigkeit zu nehmen, sie spüren zu lassen, dass jemand für sie da ist auch außerhalb der Strafanstalt. Doch wie groß die Leidensfähigkeit von Kindern und Müttern noch ist, vermag keiner zu sagen. Dass der seelische Schaden nach dieser Krise jedoch größer sein wird, dürfte klar sein – auch dass wir dann gute Hilfsangebote parat haben müssen.
Die Vorfreude auf ein Wiedersehen, wenn die Zugangssperren aufgehoben sein werden, ist groß. Doch wann dies sein wird, weiß noch keiner. So lange werden die inhaftierten Mütter ihr Geld gut einteilen müssen, um Telefonkarten zu kaufen für den Kontakt zu den Kindern und um der Hilflosigkeit und Angst ein bisschen entgegenzuwirken durch Herzensworte am Telefon.

Ursula Snay ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. in Berlin