Eine alternative Form gemeindlichen LebensTheresa Faupel geht den Phänomenen von Orten kirchlichen Lebens auf die Spur

Mit dem Forschungsprojekt „Pastoraltheologische Mustererkennung in Innovations-und Blockadegeschichten an Orten kirchlichen Lebens“ nimmt die Pastoraltheologin Theresa Faupel das kirchliche Leben jenseits der festgefügten Gemeindestrukturen in den Blick. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des „Zentrums für angewandte Pastoralforschung“ der Ruhr-Uni Bochum arbeitet dazu eng mit der Prozess-Begleitung „Wo Glauben Raum gewinnt“ zusammen. Worum es bei dem Projekt geht, fragte sie Alfred Herrmann.

Frau Faupel, mit Ihrem Projekt nehmen Sie Orte kirchlichen Lebens in den Blick – warum?

Faupel: Gerade im Laufe der neueren Kirchengeschichte haben sich viele Sozialformen christlichen Lebens entwickelt und sind nach der eindrucksvollen Erfolgsgeschichte der klassischen „Gemeinde“ ab den 1950er Jahren neu in den Blick gerückt. Insbesondere in unserer Zeit, die von vielen diözesanen Strukturreformen und dem Eindruck von sich verändernden Standards religiösen Lebens geprägt ist, hat sich zum einen herausgestellt, dass die Pfarrei als administrative und auch diakonische Figur erheblich weiter zu denken ist als in ihrer faktischen Gleichsetzung mit „Gemeinde“. Es zeigen sich neue Orte, Formen, Praxen und Gelegenheiten als Communio-Formen des Christseins. Dies sind etwa: weiterhin Gruppen (Gemeinde im klassischen Sinn, Verbände), aber eben auch Phänomene wie Pilger, diakonische Kontakte, Medienimpulse, geistliche Bewegungen, Personalgemeinden, Events - Orte kirchlichen Lebens. Theologisch ist wichtig zu bemerken, dass keine dieser Formen pastoralen Vorrang beanspruchen darf. Alle Sozialformen müssen sich daran messen lassen, ob und wie sie in der Lage sind, die kirchliche Sendung authentisch und relevant zu kommunizieren und antreffbar zu machen.

Was heißt das?

Es ist unverkennbar, dass die territorial verfasste Ortsgemeinde eine starke Milieuverengung aufweist. Sie mobilisiert und nur noch einen geringen Teil der Bevölkerung, nämlich diejenigen, die stark am Nahbereich orientiert sind und dort Gemeinschaft suchen. Sie ist stark liturgisch definiert, hier vor allem in der Form einer stark eucharistisch fokussierten Monokultur. Ihre Identität liegt in einem Zuschnitt als Pfarrfamilie, was aber mit nur wenig Attraktion in andere Lebenswelten kommunizierbar ist. Leider legt sich die Vermutung nahe, dass substanzielle Innovationserwartungen weniger bei „Pfarrei“ und „Gemeinden“, denn bei „Orten kirchlichen Lebens“ zu erwarten sind. Die „Orten kirchlichen Lebens“ bieten eine alternative Form kirchlicher Organisation und gemeindlichen Lebens an. Diese lohnt es sich zu untersuchen.

Welche drei Orte kirchlichen Lebens haben Sie ausgewählt und warum?

Ziel des Projektes ist die Erforschung und Identifikation von Innovations- und Blockademustern in der Geschichte ausgewählter Orte kirchlichen Lebens. Entsprechend einer Ekklesiologie der Grundvollzüge habe ich als Untersuchungsfeld dabei drei Orte kirchlichen Lebens ausgewählt, die einen diakonischen, liturgischen oder verkündenden Schwerpunkt haben. 

  1. Diakonischer Schwerpunkt – Laib und Seele (St. Wilhelm Spandau)
  2. Liturgischer Schwerpunkt – Liturgie am Gottesdienststandort St. Ludwig und die Rolle der Franziskaner vor Ort
  3. Verkündigender Schwerpunkt – Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Berlin (Sonderstellung des Religionsunterrichtes in den Ländern Berlin und Brandenburg)

Was untersuchen Sie an diesen drei Orten kirchlichen Lebens genau?

Am ersten Projektort in Spandau interessiert mich vor allem das Selbstverständnis der Laib&Seele-Ausgabestelle sowie ihr Verhältnis zur Pfarrei St. Wilhelm. In St. Ludwig untersuche ich, welche Hauptmerkmale die Liturgie für so viele Menschen in Berlin attraktiv machen und welchen Einfluss die Präsenz und Verantwortung der Franziskaner insgesamt besitzt. An den beiden öffentlichen Schulen versuche ich zu ergründen, warum sich Schülerinnen und Schüler freiwillig für den katholischen Religionsunterricht entscheiden und was diesen in ihren Augen attraktiv macht.

Wo stehen Sie gerade mit Ihrem Projekt? Konnten Sie bereits erste Erkenntnisse gewinnen?

Das Projekt ist bis zum Oktober 2020 angesetzt, somit haben wir momentan gut die Hälfte der gesamten Projektlaufzeit erreicht. Die Datenerhebungen sind an allen drei Orten abgeschlossen und befinden sich derzeit in der Auswertung. Besonders erfreulich dabei ist, dass in St. Ludwig eine groß angelegte Befragung aller Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher stattgefunden hat. Daran haben rund 470 Personen teilgenommen und mir ihre Meinung über das liturgische Leben in St. Ludwig mitgeteilt. Hier erhoffe ich mir aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, die zeigen, warum St. Ludwig zu einem der am meisten besuchten Gottesdienststandorte im Erzbistum Berlin zählt. Da die Auswertung sehr umfangreich ist, rechne ich mit den Ergebnissen im Frühherbst diesen Jahres.

Was passiert mit den Ergebnissen Ihrer Forschungsarbeit?

Ich fertige einen großen Projektbericht an, der zum einen die Ergebnisse der Untersuchung enthält und zum anderen Erkenntnisse und Handlungsempfehlung für das gesamte Erzbistum, wie erfolgskritische Faktoren für die Entwicklung und Veränderungsdynamik von Orten kirchlichen Lebens zu identifizieren und zu etablieren sind. Die Projektakteure erhalten natürlich schon vorher die sie betreffenden Zwischenergebnisse.

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