Sonntag, 24. Dezember 2017 - 4. Advent

Heiligabend

Foto: Gisela Gürtler

Weihnachtspost vom Cherubinischen Wandersmann

Liebes Christkind! Es war Nacht in Bethlehem, als du geboren wurdest. Aber es war keine „Stille Nacht“, wie wir uns hierzulande die Weihnacht gerne ausmalen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Maria vor Schmerzen gestöhnt hat und Josef aufgeregt umhergelaufen ist, um Hilfe zu organisieren. Wahrscheinlich hast du vor Erschöpfung gezittert, und nach Weihrauch hat es bestimmt auch nicht gerochen im Stall zwischen Ochs und Esel.

Liebes Christkind! Wir sagen, Du bist ein königliches Kind. Aber Du bist in die Armut hineingeboren. Das Elend im Stall ist mit Händen zu greifen. Aber die Armut ist zum Zeichen des Göttlichen geworden. So jedenfalls hat es der Cherubinische Wandersmann gesehen, gemeint ist Johannes Scheffler, der sich Angelus Silesius nannte, der böhmische Mystiker aus dem 17.Jahrhundert. In einem seiner berühmten Verse heißtes:    

„Gott ist das ärmste Ding. Er steht ganz bloß und frei;
drum sag ich recht und wohl, dass Armut göttlich sei“! ( ChW I, 65)

Dass Armut göttlich genannt wird, soll nicht die Armut verklären. Sondern die Armut sagt etwas darüber, wie uns Christen Gott geoffenbart wurde. Nämlich verletzlich und eben darin zutiefst menschlich. Und doch zugleich auch als ein göttliches Kind, das unserer Seele Wärme bringt und Licht. So kommen göttliches und menschliches Wesen zusammen, wie in einem Tausch:

„Mensch, gibst du Gott dein Herz, er gibt dir Seines wieder;
Ach, welch ein werter Tausch! Du steigest auf, Er nieder!“ (ChW II, 41)

Doch wie kann das Göttliche im Menschen ankommen? Nicht indem wir aufgeregt umherlaufen und geschäftig fragen: wer hat Gott gesehen? Angelus Silesius ist überzeugt davon, dass das Göttliche schon da ist. Wir können es erspüren, wenn wir in uns hineinhorchen:

„Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für!“ (ChW I, 82)

Wem dies gelingt, wer bereit ist, sein Innerstes zu öffnen für das göttliche Licht, dessen Wesen verwandelt sich. Angelus Silesius hält auch hierfür ein eindrückliches Bild bereit: der Mensch nämlich, sagt er in barocker Bildersprache, ist wie eine Kohle, schwarz und kalt: 

„Mensch, du bist ein Kohl, Gott ist Feuer und Licht;
Du bist schwarz, finster, kalt, liegst du in Ihme nicht.“ (ChW IV, 133)

Aber zugleich denkt Angelus Silesius groß vom Menschen. Wenn er das Nötige bereithält,  um Zuversicht für sich selbst und Fürsorge für andere zu entflammen, wird Gott das Seinige tun:

„Mein Herz ists Feuerzeug, der Zunder guter Wille;
Schlägt Gott ein Fünklein drein, so brennts und leuchts die Fülle!“ (ChW V,47)

Lassen wir uns also anrühren von Dir und Deiner Wärme. Wir können darauf vertrauen, dass Du unsere Nöte kennst und unser Rufen hörst. Und wir können es dir gleich tun, können uns öffnen für die Sorgen der Anderen.

Allen die einsam sind und deren Herzen schwer, schenkst Du Hoffnung und Zuversicht.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsstunden im Kreise Ihrer Lieben.

+ Dr. Heiner Koch

Erzbischof von Berlin

(rbb Radio Berlin 88.8, 24. Dezember 2017, Bischofswort für „Heilig Abend nicht allein“)