Dienstag, 11. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Gewissheit

Georg war fast jeden Dienstag zur Abendmesse in die St. Hedwigskathedrale gegangen. Er hatte bis kurz vor halb sechs in einer Außenstelle seiner Firma am Potsdamer Platz zu tun, fuhr dann zum Bahnhof Friedrichstraße und lief die paar Minuten zur Kathedrale. Erleichtert ließ er sich in eine Bank sinken, kniete, und hoffte, alles könnte von ihm abfallen.

Das gelang natürlich nicht immer, und oft erlebte er sich als unkonzentriert. Wenn er danach aber in seinen Regionalzug nach Nauen stieg, fühlte er sich doch beruhigter, ausgeglichener, zufriedener. Das war die einzige Fahrt in der Woche, während der er sein Handy nicht aus der Tasche holte, er wollte in sich diese Besinnlichkeit, wie er es nannte, erhalten.

Nun wird die Kathedrale umgebaut, und es gibt in den nächsten Jahren keine Abendmesse. Die wöchentliche Fahrt nach Berlin hat für Georg dadurch an Attraktivität verloren. Er geht sonst nie zur Werktagsmesse, aber die Dienstagabendmesse in Berlin hatte fest zu seinem Leben gehört.
Heute hatte er sich gedankenverloren auf den Weg zur Kathedrale gemacht.

Erst als er auf dem Bebelplatz angekommen war, fiel ihm ein, dass es keine Abendmesse gab. Er hatte für seinen Schwager, der schwer erkrankt war, beten und eine Kerze aufstellen wollen. Enttäuscht wandte er sich um und wollte zur Bushaltestelle gehen. Er warf einen Blick auf die Kuppel der Kathedrale und sah, dass das Kreuz leuchtete. Das war keine Täuschung, es war auch nicht der Widerschein von Laternen oder von einem Scheinwerfer. Georg war sich ganz sicher, das Kreuz leuchtete aus sich heraus. Er schickte ein Stoßgebet in Richtung Kathedrale, rannte zum Bus und fuhr zum Alexanderplatz. Dort erreichte er sofort einen Zug nach Hause.

Als er seine Jacke ausgezogen und sich gesetzt hatte, wurde er unsicher, ob er sich vielleicht doch getäuscht hatte und das Kreuz auf der Kuppel nicht geleuchtet hatte.

Der Mann neben ihm las in einem Buch. Georg schaute hinüber und sah zufällig am Seitenanfang den Satz: „Keines ihrer Worte fiel ins Ungewisse.“

Georg kannte den Zusammenhang nicht, in den dieser Satz gehörte. Aber er dachte, dieser Satz gelte ihm. So sicher, wie er sich auf dem Bebelplatz gewesen war, dass das Kreuz strahlte, so sicher war er jetzt, dass sich dieser Satz auf sein Stoßgebet für den Schwager bezog.

Die Sicherheit hielt an, auch als er in Nauen aus dem Zug stieg und nach Hause lief.