Dienstag, 18. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Glaubst du?

In der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz habe ich meinen Stammplatz. Es gibt dort eine kleine Abteilung, die für Benutzer ohne Laptop reserviert ist. Dort sitzen fast nur Jurastudenten. Auch wenn ich sie nicht alle persönlich kenne, so erkenne ich sie an den dicken Gesetzesbüchern, die auf ihren Plätzen liegen. Von meinem Stammplatz in der ersten Reihe kann ich geradewegs auf die Siegessäule sehen. In diesem Jahr mit den vielen sonnigen Tagen sah ich die Goldelse auf der Säulenspitze oft glänzen. Selbst heute, Mitte Dezember, scheint die Sonne vom blauen Himmel und verleiht der Göttin Nike goldenen Glanz. 

Als ich jetzt eben von meinem Buch und den Karteikarten aufblickte und zur Goldelse hinüber sah, dachte ich im ersten Augenblick, die Sonne blende mich. Die Siegesgöttin hatte ihre Gestalt geändert. Die Flügel hatte sie behalten, aber die Arme hatte sie ausgestreckt, als ob sie etwas verkünden oder als ob sie segnen wollte. In der rechten Hand hielt sie eine Fahne, auf der eindeutig ein Kreuz zu erkennen war. Zu ihren Füßen tanzten ähnlich wie auf einem Karussell viele kleine Engel. Ich stieß meinen Kommilitonen Emil an, der neben mir saß, und wies wortlos mit einer Kopfbewegung auf die Goldelse. Emil folgte meinem Blick, kniff die Augen zusammen und sah mich mit einem fast vorwurfsvollen Blick an, als ob ich für die Veränderung verantwortlich wäre.

Da wir im Lesesaal nicht laut reden dürfen, gingen wir vor die Tür und zündeten uns eine Zigarette an. Nach den ersten Zügen fragte mich Emil: „Glaubst du das?“
„Was soll ich denn glauben?“
„Na, dass auf der Siegessäule Engel stehen.“
Er hatte es also auch gesehen. Ich hatte mich nicht getäuscht. Das beruhigte mich erst einmal.
„Ich habe sie doch gesehen. Da brauche ich nichts zu glauben.“
„Ich meine, ob du überhaupt an Engel und so etwas glaubst.“
Ich wusste, jetzt musste ich die Wahrheit sagen.
„Ja, ich glaube an Engel und auch an Gott.“

Emil legte einen Arm um meine Schulter und sagte überhaupt nicht spöttisch, eher anerkennend: „Ich kann das alles nicht glauben. Aber was ich jetzt gesehen habe, habe ich gesehen.“
Unsere Zigaretten waren aufgeraucht. Wir gingen wieder in den Lesesaal und beugten uns über unsere Bücher. Zuvor aber schauten wir beide gleichzeitig hinüber zur Goldelse. Sie hatte ihre alte Gestalt angenommen. Emil lächelte vergnügt zu mir herüber. Ich dachte, wir könnten Freunde werden.