Donnerstag, 20. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Familienbande

Da noch keine Ferien sind und manche Kinder einen langen Schultag haben, begann die Generalprobe zum Krippenspiel erst um 17.30 Uhr. Ein Termin während der Ferien war nicht zustande gekommen. Albrecht, unser Sohn, hatte mich gefragt, ob ich Vincent, unseren Enkel,  zur Kirche und wieder nach Hause begleiten könnte. Er geht in die zweite Klasse und hat die tragende Rolle eines von fünf Hirten. Zu sagen hat er nur zwei Sätze, muss aber während der ganzen Verkündigungsszene auf der Bühne, sprich: im Altarraum, bleiben. Als Hirtenstab hatten wir ihm den Stock meines Vaters, seines Urgroßvaters, gegeben.

Während der Probe saß ich mit anderen Eltern und Großeltern im Kirchenschiff. Vincent hatte seine Sätze brav aufgesagt: „Am Himmel seh ich ein großes Licht. / O Brüder, o Freunde, wie fürchte ich mich!“ Nun dauerte es eine ganze Weile, bis der Engel die große Freude verkündet und die Hirten sich zum Aufbruch nach Betlehem entschieden hatten. Dazwischen wurde auch noch gesungen. Das alles dauerte Vincent zu lang. Völlig selbstvergessen drehte er eine Pirouette nach der anderen um seinen Stock. Das war für mich ein heiterer Anblick.

Auf dem Heimweg riet ich ihm, auf das Kreisen um den Stock am Heiligen Abend zu verzichten. Vincent konnte sich nicht erinnern, dass er es getan hätte.
Er fragte mich, warum es in seinem Satz hieß „o Brüder“. Ob denn alle Hirten aus einer Familie stammten.
In Kurzform versuchte ich ihm zu erklären, dass Gott unser Vater sei, wir alle seine Kinder und deshalb wären alle Menschen Geschwister.
Vincent schwieg. Als wir uns an seiner Haustür verabschiedeten, fragte er: „Wenn Jesus Gottes Sohn ist, ist er dann auch unser Bruder?“
Ich bejahte und schloss dabei die Tür auf. Vincent sagte noch schnell „Tschüss, Opa“ und rannte die Treppe hinauf.