Donnerstag, 6. Dezember 2018 - Nikolaus

Gott kommt - mitten ins Leben

Seltsamer Besuch

Udo arbeitet beim Wachschutz und ist seit einigen Monaten einem Heim für Geflüchtete zugeteilt. „Flüchtlinge“ solle man nicht mehr sagen, es heiße jetzt „Geflüchtete“. Dort hat am helllichten Tag ein etwa 50-jähriger Mann geklingelt und erklärt, er heiße Nikolaus und wolle zu den Kindern im Heim. Auffällig gekleidet sei er nicht gewesen.

Ehe Udo den Türöffner betätigen konnte, war der Gast schon im Haus. Und ehe irgendjemand eine Durchsage hätte machen können, war der Eingangsraum neben der Pförtnerloge voll mit Kindern. Die meisten stammten aus Syrien und Afghanistan, einige kamen aus dem Iran und aus Kamerun. Alle sprach der Fremde in ihrer Muttersprache an. Er teilte ein paar Süßigkeiten aus, vor allem Spielsachen. Das meiste waren Stofftiere aus der Heimat der Kinder und Bilder von daheim. Das besondere der Bilder war, dass sie leuchteten, sobald ein Kind sie in die Hand nahm. Wenn sie auf den Fußboden fielen, erloschen sie und waren von üblichen Papierbildchen nicht zu unterscheiden.

Vaters Freund Udo, der das ja alles sah, schaltete das elektrische Licht aus. Nun begann der Spaß für die Kinder erst recht. Sie ließen die Bilder absichtlich fallen - da waren sie kaum zu erkennen. Sie hoben sie auf - da leuchteten sie.
Der Besucher schlug den Kindern vor, sie alle sollten die Bilder auf den Tisch legen, und wenn Udo klatscht, sie alle zugleich in die Hand nehmen.
Udo wunderte sich, woher der Fremde seinen Namen kannte. Und er wunderte sich, dass alle Kinder ihn verstanden hatten, und er selbst ihn auch.

Als es ganz dunkel im Raum geworden war, klatschte Udo in die Hände, die Kinder nahmen ihre Bilder, und der Vorraum war wieder hell. Der Gast war nicht mehr zu sehen.
Udo schaltete das Licht an. Die Kinder gingen in ihre Zimmer. Sie waren nicht traurig, dass der Besucher nicht mehr bei ihnen war. Und sie schienen sich über das, was sie gerade erlebt hatten, nicht zu wundern.