Freitag, 7. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Träum weiter!

Eine 74-jährige Frau erzählt: Nun bin ich so alt geworden und war noch nie auf dem Berliner Fernsehturm. Die Kinder waren mit ihren Schulklassen auf dem Fernsehturm gewesen. So waren sie nicht darauf angewiesen, dass sie mit uns endlich einmal hinauf kämen. Und jetzt haben mir die Kinder zum Geburtstag geschenkt, dass wir alle auf den Fernsehturm fahren. Mit Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln waren wir zwölf Leute. Dass wir alle zusammen waren, ist für mich das schönste Geschenk.

Als wir uns am Nachmittag direkt unter dem Fernsehturm trafen, fragte August, das jüngste Enkelkind: „Oma, hast du das Schaf auf dem Turm gesehen?“ Alle lachten, Augusts größerer Bruder spottete: „Ja, ja, ein Schaf. Träum weiter!“ Aber August bestand darauf, dass ganz oben über der Kuppel mit dem Café ein Schaf stünde. Um ihm zu beweisen, dass das unmöglich war, traten wir alle ein paar Schritte zurück und blickten nach oben. Und dort – stand wirklich ein Schaf. Mein Mann holte sein Fernglas aus dem Etui und blickte nach oben. Wortlos reichte er es mir. Jetzt war auch mir klar: Da oben steht ein Schaf.

„Und ganz oben auf der Spitze hängt eine Sternschnuppe“, rief August aufgeregt. Auch das stimmte. Die Sternschnuppe verwunderte uns nicht so sehr. Sofort wurden Überlegungen angestellt, wie sie dort oben befestigt worden sei. Wir einigten uns darauf, dass ein Hubschrauber sie fest gemacht haben müsse. Aber das Schaf? Durch das Fernglas war eindeutig zu erkennen, dass es lebendig war und kein Tier aus Pappe oder Plastik.

Inzwischen waren wir an der Reihe im Fahrstuhl hochzufahren. Im Turmcafé haben wir uns – wie bei Familientreffen üblich – über alles Mögliche unterhalten und die Weihnachtsfeiertage durchgeplant. Das ist bei so vielen unterschiedlichen Wünschen gar nicht einfach. Aber das Hauptgespräch drehte sich um das Schaf, das wir jetzt zwar nicht sehen konnten, das aber über uns stehen musste.
Constantin, der Viertklässler, behauptete mit fester Stimme, Schaf und Sternschnuppe hätten mit Weihnachten zu tun. Übrigens sei es keine Sternschnuppe, sondern der Stern von Bethlehem. „Ja, ja. Aber wie kommt das Schaf da hoch?“ – „Na ganz einfach: Es ist auf dem Stern hoch geritten und wird nach Weihnachten mit ihm wieder hinunter fliegen.“ In dem Augenblick, ob ihr es glaubt oder nicht, sahen wir das Schaf auf dem Stern sitzend an unserem Fenster vorbeifliegen. Ich will gar nicht weiter erzählen, was nun alles vermutet und behauptet wurde. Nur so viel noch: Am nächsten Morgen sind mein Mann und ich noch einmal zum Alexanderplatz gefahren und haben mit dem Fernglas auf den Fernsehturm geschaut: Stern und Schaf waren wieder an ihrem Platz. Constantin wird schon Recht haben: Sie erinnern uns, dass bald Weihnachten ist. Sie sind eine Art öffentlicher Adventskalender. Man muss nur hoch genug schauen.